Unser Bankensystem ist fragil | The European

Digitaler Euro: Operation am offenen Herzen

Frank Schäffler17.05.2021Medien, Wirtschaft

Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether (Ethereum) sind zurzeit in aller Munde. Für viele Enthusiasten leiten sie eine währungspolitische Evolution ein, die das Monopol der Notenbank beim Geldwesen durchbricht. Die Kryptos bringen Schwung in den währungspolitischen Laden. Seit einiger Zeit prüfen auch Zentralbanken, selbst digitale Währungen herauszubringen. Dabei operieren die EZB, die Fed und die Bank of England am offenen Herzen unseres Geldsystems.

Digitaler Euro, Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten | Ulrich Baumgarten

Heute ist rund 90 Prozent des im Umlauf befindlichen Geldes Giralgeld, das durch Kreditvergabe der Banken geschöpft wurde. Also Geld, das entweder auf den Konten der Banken oder auf den Konten der Banken bei der Zentralbank liegt. Der Rest des Geldes, also rund 10 Prozent, ist Bargeld, das direkt von der Zentralbank als „Papiergeld“ oder als Münzgeld vom Staat emittiert wurde. Kurz: heute sind bereits 90 Prozent des Geldes virtuell, also mit digitalem Geld prinzipiell vergleichbar. Wenn Notenbanken von digitalem Geld sprechen, meinen sie jedoch etwas anderes. Sie meinen digitales Geld für jedermann, das von der Notenbank zur Verfügung gestellt wird und auf dessen Menge die Notenbank unmittelbar Einfluss hat. Letztlich wollen die Notenbanken neben Bargeld und Giralgeld ein dritte Variante schaffen: digitales Notenbankgeld. Das wirft drängende Fragen auf. Unser Bankensystem ist nämlich jetzt schon sehr fragil, weil die Giral- bzw. Buch-Geldmenge immer stärker zunimmt.

Droht einer Bank die Insolvenz, dann versuchen alle Konteninhaber ihr Giralgeld bei dieser Bank abzuheben. Wollen sehr viele Konteninhaber ihr Geld gleichzeitig abheben, dann ist es in diesem Umfang nicht vorhanden. Die Bar-Auszahlung von Giralgeld ist daher die Achillesferse des Geldsystem. Durch die Begrenztheit des Bargeldes kommt es zum Bank Run bei dieser Bank. Häufig erzeugt dies auch bei Einlegern anderer Banken Panik, die dann auch ihr Giralgeld aus den Geldautomaten ziehen wollen. So wird daraus sehr schnell ein systemisches Risiko für das gesamte Bankensystem. Es droht der Zusammenbruch.

Heute muss man sich von dem Gefühl der Sicherheit lösen, dass unser Geldsystem gegen diesen Dominoeffekt wirklich gewappnet sei. Die Einleger bei einer Bank wissen zwar meist nicht, dass ihre Spareinlagen eine nachrangige Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kunden ist, aber sie ahnen die Probleme. Die Einlagen des Kunden bei seiner Bank haben lediglich Darlehenscharakter. Daraus folgt enorm viel. Geht eine Bank unter, dann ist auch das nachrangige Darlehen des Bankkunden, in Form der Spareinlage, Teil der Insolvenzmasse. Die Angst der Einleger ist daher nicht unbegründet, denn wenn sie erst ganz am Ende aus der Insolvenzmasse befriedigt werden, ist es individuell besser, möglichst schnell das eigene Konto auszuräumen und unter die Matratze zu verfrachten. Daraus haben der Gesetzgeber und die Institute Konsequenzen gezogen. Der Gesetzgeber hat ein Einlagensicherungssystem geschaffen, das 100.000 Euro je Einleger und Konto gesetzlich garantiert. Die privaten Banken haben dies zusätzlich aufgestockt und Sparkassen und Volksbanken sogar noch darüber hinaus die Existenz jedes einzelnen Instituts (Institutssicherung) zugesagt. Hilft es nicht, dauerhaft Vertrauen in diese Institutionen zu schaffen, dann kann nur noch die Zentralbank helfen. Sie ist die „Kreditgeberin der letzten Instanz“ und könnte so viel Geld drucken wie sie will. Es ist allenfalls eine Zeit- und Vertrauensfrage.

Wenn die Notenbanken in diesem System mit einem digitalen Zentralbankgeld für jedermann eine dritte Variante einführen, dann besteht die Gefahr, dass bei einer Bankenschieflage alle Einleger ihr Giralgeld auf das digitale Zentralbankkonto (oder eine digitale Zentralbankwallet) transferieren und damit den Bank Run beschleunigen. Denn wenn jeder oder jede ein Konto bei der Zentralbank hat, dann ist es dort vermeintlich sicherer als auf einem Bankkonto. Banken würden so sehr schnell Einlagen verlieren und in die Insolvenz getrieben.

Natürlich könnte man die Anreize für Transfers auf ein Zentralbank-Konto bzw. eine -wallet reduzieren. Denkbar wäre, die Einlagen schlechter zu verzinsen als bei den Sparkassen oder Geschäftsbanken. Auch wäre es möglich, die Höhe zu begrenzen oder die Aus- und Einzahlung im Bedarfsfall zu beschränken. Wäre damit eine anonyme Zahlungsweise wie beim Bargeld überhaupt möglich?

Wäre die Folge vielleicht, dass das Bargeld weiter zurückgedrängt wird? Wenn man mit der Zentralbank-Wallet auf dem Mobiltelefon wie mit Bargeld bezahlen kann, dann könnte der Gesetzgeber auf die Idee kommen, dass es gar kein Bargeld mehr braucht. Allen Beteuerungen der Regierungen und Notenbanken zum Trotz, das Bargeld nicht abschaffen zu wollen, darf man dennoch skeptisch sein. Die Durchsetzung von Negativzinsen und damit die Beteiligung der Sparer an der Überschuldung von Staaten und Banken ist ohne Bargeld sehr viel leichter durchzusetzen. Je höher die Negativzinsen und damit die Belastung der Sparer wird, desto höher sind die Anreize, Bargeld zu horten. Darin sind sich die Kryptoenthusiasten und die Bargeldfreunde einig: Die Zeit der Negativzinsen wird noch lange andauern. Gut, dass es Alternativen gibt. Und zwar private, politischer Manipulation entzogen.

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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