Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Am Sterbebett

Deutschland und Frankreich haben sich auseinandergelebt. Dass Freunde zu Rivalen wurden, ist die Schuld von Jacques Chirac und Lionel Jospin.

Es gibt die Tradition, und es gibt die Realität. Die Tradition möchte, dass man die Unverwüstbarkeit des französisch-deutschen Paares als eine Selbstverständlichkeit beteuert, über die nicht diskutiert wird. Die Realität ist eine ganz andere, und sie entwickelt sich bedenklich. Jenseits von politischen Unstimmigkeiten – Unstimmigkeiten, deren Intensität und Tempo nicht aufhören zuzunehmen – haben sich die Gesellschaften unserer beiden Länder immer weiter voneinander entfernt. Und das schon seit 15 Jahren, bis die Beziehung ein Maß der Gleichgültigkeit erreicht hatte, welches es so seit einem halben Jahrhundert nicht gegeben hat.

Diese Gleichgültigkeit ist heute dabei, sich in Misstrauen zu verwandeln, um nicht zu sagen in Feindseligkeit. Alle Akteure des „Tandems“ würden so eine Feststellung natürlich als absurd abtun. Sie täuschen sich. Denn die französisch-deutsche Beziehung kann nicht nur Sache einiger Eliten aus Politik und Wirtschaft sein.

Langfristig werden sich unsere beiden Gesellschaften entfremden – seit der Krise der Eurozone und dem Absturz Griechenlands hat sich dieser Prozess brutal beschleunigt. Aus einem offensichtlichen Grund: Deutschland war unser Horizont, denn Europa war unser Ideal. In einem Europa, das sich in einen neoliberalen, technokratischen und antidemokratischen Wahn steigert, wird Deutschland nicht länger als Partner, sondern misstrauisch als Rivale betrachtet.

Hier sind wir nun, sehr weit entfernt von der Ansprache Charles de Gaulles, die er am 9. September 1962 auf Deutsch an die deutsche Jugend hielt: „Diese jetzt dann ganz natürliche Solidarität zwischen unseren beiden Völkern müssen wir selbstverständlich organisieren. Das ist die Aufgabe der Regierung. Vor allem müssen wir aber ihr einen lebenden Inhalt zu geben, und das ist insbesondere die Aufgabe der Jugend. […] Es sollte Ihnen und der französischen Jugend obliegen, alle Kreise, bei Ihnen und bei uns dazu zu bestreben, engere Bande zu knüpfen, einander immer näher zu kommen und besser, sich besser kennenzulernen.“

De Gaulle, ebenso wie Jean Monnet, hat dargelegt, was die französisch-deutsche Beziehung im Laufe von 30 Jahren tief geprägt hat. Eine Verpflichtung: Versöhnung. Eine Ambition: Europa. Ein Ideal: gesellschaftlicher Fortschritt und Demokratie. François Mitterrand hat nie etwas anderes gesagt und zusammen mit Helmut Kohl und Jacques Delors den Bau einer Europäischen Union vorangetrieben, die sich komplett um die französisch-deutsche Achse dreht. Diese Periode, die zum Vertrag von Maastricht (1992) geführt hat, wurde nicht nur von den Eliten und unserem Führungspersonal getragen. Sie war nur möglich, weil unsere beiden Gesellschaften es sich sehnlichst gewünscht haben.

Blicken wir beispielsweise zurück in die 1970er-Jahre. Damals bestand einfach keine Notwendigkeit, Deutschland tatsächlich zu kennen, um zu wissen, dass dieses Land unser bester Verbündeter war und weiterhin sein würde. Deutschland war vor unserer Tür, hielt zu uns, und gemeinsam mussten wir wieder einmal den Alten Kontinent umkrempeln, um dieses fortschrittliche Ideal zu erreichen: eine europäische Staatsbürgerschaft.

Kein gemeinsames Ideal mehr

Die Dynamik ging also von dieser gemeinsamen Baustelle aus: Städtepartnerschaften, das Erlernen der jeweils anderen Sprachen, Schulreisen, Studentenaustausch. Die großen gemeinsamen industriellen Projekte, eine gegenseitige kulturelle Faszination und politische Gesten, die das barbarische 20. Jahrhundert vergessen machen konnten. Die französisch-deutsche Freundschaft war also kein unantastbarer Glaubenssatz; sie war auch kein kalter Lehrsatz mehr oder eine realpolitische Pflicht. Sie war eine moderne und mobilisierende Errungenschaft. Der Kampf, der eine neue Geschichte freisetzen, die Konservatismen niederringen und die Völker aus ihren egoistischen nationalen Kalkülen herausführen würde.

Dieser Traum ist geplatzt: Die Städtepartnerschaften sind archäologische Überbleibsel. Der Deutschunterricht in Frankreich hat stark abgenommen: 15 Prozent der Schüler lernen heute Deutsch, im Vergleich zu 36 Prozent in den 1970er-Jahren. Der Austausch von Studenten bleibt lächerlich gering: 6.800 deutsche Studenten in Frankreich und 5.700 Franzosen in Deutschland. Die Übersetzungen deutscher Bücher ins Französische stagnieren seit ungefähr 20 Jahren: Sie machen ungefähr sechs Prozent aller Übersetzungen aus. So wurden 2011 669 Veröffentlichungen aus dem Deutschen übersetzt, gegenüber 898 aus dem 
Japanischen und 6130 aus dem Englischen. Ein letztes Indiz? Seit 2000 hat die Zahl der französischen Grenzarbeiter, die im Elsass leben und in Deutschland arbeiten, um 20 Prozent abgenommen.

Die Zahlen bezeugen auf ihre Weise die langsame Entfremdung eines schon lange getrennten Paares. Berlin bleibt natürlich angesagt – die Hauptstadt wurde im letzten Jahr von mehr als 500.000 Franzosen besucht. Es gibt zweifellos diesen Massentourismus, der zwölf Millionen Deutsche 2011 nach Frankreich gelockt hat. Aber den Zauber eines gemeinsamen Ideals gibt es nicht mehr. Unsere politischen Verantwortlichen können sich ihrer Verantwortlichkeit nicht entziehen. Sie waren die ersten Akteure dieses riesigen Schlamassels, der in Frankreich 1997 begann, als der Konservative Jacques Chirac mit dem Sozialisten Lionel Jospin in einer sogenannten _ Cohabitation _ zusammen regieren musste.

Merkel ist die neue Thatcher

Unfähig, ein neues europäisches Projekt zu tragen, und Anhänger leerer politischer Slogans statt konkreter Projekte, haben die beiden Männer das französisch-deutsche Projekt brachliegen lassen, welches das Eingehen neuer Risiken erfordert hätte. Das hat zu nichts geführt: Die Verhaltensstarre Chiracs zweiter Amtszeit fand 2005 ihren Ausdruck in der Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrags durch das französische Volk.

Seitdem leben wir ohne Horizont. Wie soll man nun von den beiden Gesellschaften verlangen, zusammen zu bauen, wenn es weder ein gemeinsames Projekt noch ein gemeinsames Ideal gibt? Die hektischen Gebärden der fünfjährigen Amtszeit Sarkozys und der Egoismus Angela Merkels – die sich in eine neue Mrs Thatcher verwandelt hat – haben nur dafür gesorgt, dass die Interessen eines jeden hervorgehoben wurden in einem Europa, das zum Synonym der totalen Krise geworden ist. Auf „Bauen wir zusammen“ folgte „Retten wir uns ganz allein“. Solange sich dieser tödliche Diskurs fortsetzt, wird die französisch-deutsche Flamme nur ein Licht auf dem Nachttisch eines Sterbenden sein: Europa.

Übersetzung aus dem Französischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Emmanuel Macron, Katja Leikert, Adrian Lobe.

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