Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Joseph Ratzinger

Die fetten Jahre sind vorbei

Europa wird immer dicker. Die Folgen: sinkende Lebenserwartung und steigende Kosten für das Gesundheitssystem. Dabei werden unsere Essgewohnheiten stark von der Umwelt geprägt. Das müssen wir nutzen: Bio und Bewegung müssen sich wieder lohnen.

Die Wahl unserer Lebensmittel ist vor allem ein Produkt unserer Umgebungseinflüsse. Diese beeinflussen uns deutlich stärker, als uns bewusst ist. Wir leben in einer Umgebung, in der die steigende Lebensmittelversorgung – in Kombination mit tief greifenden Veränderungen bei der Nahrungsmittelproduktion – und die stetige Verbesserung von Werbemaßnahmen den Preis von Kalorien dramatisch gesenkt und Fertignahrung für alle erschwinglich gemacht haben.

Gleichzeitig bedeuten veränderte Lebens- und Arbeitsbedingungen, dass immer weniger Menschen Essen aus frischen Zutaten zubereiten. Weniger körperliche Arbeit, mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt und eine höhere Belastung durch Stress sind alles Faktoren, die direkt oder indirekt zu dramatischen Veränderungen in unseren Lebensgewohnheiten führen. Diese Veränderungen haben global eine wahrhafte Epidemie der Fettleibigkeit ausgelöst.

Steigende Pfunde, sinkende Lebenserwartung

1980 war nur ein Zehntel der Menschen fettleibig. Seitdem hat sich diese Rate in den meisten OECD-Ländern verdoppelt oder verdreifacht. 50 Prozent der Bevölkerung sind nun übergewichtig oder sogar fettleibig. Wenn dieser Trend anhält, werden mehr als zwei Drittel der Einwohner einiger OECD-Länder in den nächsten zehn Jahren übergewichtig sein. Es wird geschätzt, dass 1 bis 3 Prozent der Gesundheitsausgaben für Fettleibigkeit ausgegeben werden (5 bis 10 Prozent in den USA). Diese Kosten werden steigen. Die Lebenserwartung dagegen sinkt um bis zu 10 Jahre.

Die Politik hat, wenn auch ungewollt, zu dieser Kostensteigerung beigetragen. Beispiele sind Subventionen und Besteuerungen bei Lebensmitteln, eine Vernachlässigung des öffentlichen Verkehrs zugunsten der Privatautos und eine Stadtplanungspolitik, die Pendeln zur Normalität werden lässt und Grünflächen, Parks und Spielplätze zu Raritäten hat werden lassen.

Wenn die alltäglichen Entscheidungen von Erwachsenen bereits so stark beeinflusst sind von einer zu Fettsucht neigenden Umgebung, haben Kinder dann überhaupt noch eine Wahl? Bei fettleibigen Eltern erhöht sich auch das Risiko der Kinder um das Drei- oder Vierfache. Dies ist teilweise genetisch bedingt, aber auch ungesunde Essgewohnheiten spielen eine Rolle. Die Kinder sind einem allgegenwärtigen und raffinierten Essensmarketing ausgesetzt, das Fast Food als “cool” anpreist. Sie werden verführt von Freizeitaktivitäten auf der Couch oder vor dem Computer. Sport ist leider zu oft out.

Prävention als Kostensenkung

Gibt es einen Ausweg? Die Bereitstellung von Informationen durch Regierungen (z. B. Gesundheitskampagnen zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten oder für mehr sportliche Aktivitäten) oder die Regulierung von Informationen (z. B. Werbeeinschränkungen und Richtlinien für die Etikettierung von Lebensmitteln) sind sinnvoll. Aber Regierungen sind nicht unbedingt dafür geschaffen, komplexe Kommunikationsstrategien zu vermitteln. Manchmal haben diese Bemühungen sogar einen gegenteiligen Effekt. Eine effektive Präventionsstrategie muss ergänzende Strategien kombinieren können. Ziel ist die Kombination von Gesundheitskampagnen, Steuern und Subventionen oder staatlichen Regulierungen mit individuellen Ansätzen, wie zum Beispiel die Beratung durch den Hausarzt. Das kann verändern, was Menschen als die Norm für gesundes Verhalten ansehen. Der Tod von Hunderttausenden von Menschen, die jedes Jahr in den OECD-Ländern an chronischen Krankheiten sterben, könnte verhindert werden. Die Kosten dafür liegen bei einem Bruchteil dessen, was wir jährlich für das Gesundheitswesen ausgeben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sarah Wiener, Helmut Oberritter, Felix Löwenstein.

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