Glück ist Glückssache

Florian Werner14.02.2010Gesellschaft & Kultur

Wie ist das irdische Glück zu definieren? Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Fortuna und Beatitudo, der Feststellung, dass die Leerstelle Glück für jeden Menschen verschieden zu besetzen ist, gelangt man zum Ergebnis: Glück ist Glückssache.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Die Frage ist ein fester Bestandteil des FAZ-Fragebogens, und sie ist eine jener Fragen, wegen derer man sich wünscht, diesen Bogen nie ausfüllen zu müssen. Selbst wenn man den Anspruch auf Vollkommenheit aufgibt, bleibt die Frage, was Glück sei, so schwer zu beantworten, wie sie alt ist. Das liegt unter anderem daran, dass der Begriff Glück im Deutschen zwei kategorial verschiedene Phänomene beschreibt: erstens ein als positiv empfundenes, kontingentes Ereignis und zweitens einen geistig-seelischen Zustand des Eins-Seins mit seinen Wünschen und Erwartungen. Das Lateinische kennt hierfür die Unterscheidung zwischen Fortuna und Beatitudo. Auch wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen zwar nichts gegen einen Sechser im Lotto einzuwenden hätten, im Prinzip aber eher an Beatitudo interessiert sind, so bleibt immer noch das Problem zu bestimmen, worin letztere Form des Glücks bestehen könnte. Der Philosoph Ludwig Marcuse schrieb einmal, Glück sei “eine Sonne, die eine Schar von Trabanten um sich herum hat: Behagen, Vergnügen, Lust, Zufriedenheit, Freude, Seligkeit, Heil”. Man kann vielleicht jeden einzelnen dieser Nebensterne ins Auge fassen: Wer aber in die Sonne selbst schaut, läuft bekanntlich Gefahr zu erblinden. Der Begriff Glück ist eine von Person zu Person je unterschiedlich besetzte Leerstelle.

Wer da nicht glücklich ist, ist selber schuld

Obwohl es also höchst kompliziert ist zu bestimmen, was mit Glück gemeint ist, wollen immer mehr Menschen glücklich sein: Ratgeber wie “Die Glücksformel” erklären, “wie die guten Gefühle entstehen”, Meditations-Seminare wollen uns den “Weg zu dauerhaftem Glück” weisen, und eine asiatische Fast-Food-Kette offeriert einen Durstlöscher mit dem Namen “Buddha – Der harmonische Glücksbringer”. Wer da nicht glücklich ist, ist selber schuld. Das Problem daran ist, dass diese Allgegenwart von Glücksmöglichkeiten die Menschen immer mehr unter Druck setzt, glücklich sein zu müssen – und sie damit letzten Endes eher unglücklich macht. Hinzu kommt, dass Glücksgefühle nicht so verlässlich oder gar dauerhaft zu haben sind, wie es die Glücksindustrie verheißt. Versucht man sich einmal in Erinnerung zu rufen, wann man in seinem Leben tatsächliches Glück empfunden hat, so wird man vermutlich feststellen, dass dieser Zustand zeitlich recht scharf umrissen war – und dass er ganz unversehens von einem Besitz nahm. Der überwältigende Anblick eines Bergpanoramas mag einen bei der ersten Besteigung eines Gipfels mit tiefer Glückseligkeit erfüllt haben. Wenn man aber eines Tages an ebendiesen Ort zurückkehrt, wird sich dasselbe Gefühl möglicherweise nicht mehr einstellen, sei es, weil der Gipfel diesmal von Wolken verhangen ist, sei es, weil man ihn eben nicht mehr zum ersten Mal betritt – und nie wieder zum ersten Mal betreten kann.

Glück als das letzte Wort eines ertrinkenden Franzosen

Es scheint also geboten, den durch den psychologisch-spirituellen Komplex zunehmend abgeschliffenen Begriff vom Glück wieder bedachter einzusetzen, ihn jenen außergewöhnlichen Augenblicken vorzubehalten, die ihn verdienen. Vielleicht ist es doch ganz passend, dass die deutsche Sprache die Phänomene der Fortuna und der Beatitudo mit demselben Wort benennt: Glück, so könnte man sagen, ist Glückssache. Wer glücklich ist, darf sich glücklich schätzen. Was die eingangs erwähnte Fragebogenfrage angeht – die beste Antwort darauf stammt von dem Schriftsteller Wolf Haas. Der definierte Glück nach langem Nachdenken als “das letzte Wort eines ertrinkenden Franzosen”.

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