Wir wollen freien Zugang zu Wissen und Kultur. Jens Seipenbusch

Wer soll das alles lesen?

Niemand! Vorausgesetzt, man hat die richtigen Kontakte. Ein Beziehungsratgeber in sechs Schritten.

Heute Vormittag am Schreibtisch, nach ein paar recht produktiven Stunden brauchte ich eine Pause und schaute bei Twitter vorbei. Das muss so gegen elf Uhr gewesen sein. Um halb zwölf hatte ich 30 neue Tabs im Browser geöffnet – hinter jedem irgendetwas, das ich lesen oder worüber ich nachdenken wollte. Die naheliegende Lösung, die Webseiten zur späteren Beschäftigung zu speichern, ist längst keine mehr: Unter “Read it later” wartet eine dreistellige Zahl an Links. Read it never. Info-Bankrott noch vor dem Mittagessen.

“Wer soll das bloß alles lesen?”

Eine der meistgestellten Fragen jener Pessimisten, die das Social Web als Zeitverschwendung und Müllhalde brandmarken. Ich gehöre trotz des vormittäglichen Erlebnisses nicht zu ihnen. Die Fähigkeit zum Dialog, der den Kern des Social Web ausmacht, wird in Zukunft jeder benötigen. Je früher man sich damit beschäftigt, desto selbstverständlicher der spätere Umgang. Wer das alles lesen soll? Natürlich niemand.

So wie Sie am Kiosk zur FAZ greifen statt zur Bild, sollten Sie im Social Web wissen, womit sich die Beschäftigung lohnt. Alles nur eine Frage der Filter, so der durchaus richtige Ratschlag der Early Adopters. Das dabei oft vergessene und immer unterschätzte Problem: Es kostet Zeit, diese Filter zu trainieren. Darum sind die ersten Ausflüge ins Social Web so enttäuschend: Weil das Passende nicht zu finden war, erscheint alles geschwätzig und überflüssig; und weil die Ablenkungen über Stunden nicht in Zaum zu kriegen waren, als ein einziger großer Zeitfresser.

Darum:

1. Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, jeden Tag alles lesen zu müssen. Es ist besser, nur ein paar Mal kurz in den Strom einzutauchen, als ständig im Augenwinkel die neuesten Status-Updates einlaufen zu sehen. Vertrauen Sie darauf, dass die wesentlichen Informationen Sie später oder auf anderem Wege erreichen.

2. Machen Sie sich die Tools zunutze. Suchen Sie sich etwa für Twitter einen Client, mit dem Sie Nutzer in Gruppen einteilen können, und beschränken Sie sich in hektischen Zeiten auf die wichtigsten.

3. Wie man in den Mitmach-Dschungel hineinruft, so schallt es hinaus; wer viel twittert und in Blogs kommentiert, der erhält auch entsprechend viele Reaktionen.

4. Beschränken Sie sich auf die für Sie relevanten Dienste. Als Gastronom sollten Sie Empfehlungsplattformen wie Qype kennen. Wenn Sie etwas mit Mode zu tun haben, informieren Sie sich über Shopping-Clubs. Schauen Sie sich in jedem Fall Facebook und Twitter an. Pflegen Sie Ihren Xing-Account, aber ignorieren Sie die Xing-Foren. Und wenn Sie nicht gerade im Musikbusiness sind, vergessen Sie MySpace.

5. Konzentrieren Sie sich auf relevante Kontakte. Um der Zahl willen angehäufte Twitter-Follower oder Facebook-Freunde bringen wenig außer Unübersichtlichkeit. Sieben Sie ungerührt und regelmäßig aus.

6. Und wenn Sie sich auch mal staunend fragen, woher plötzlich all die offenen Tabs mit interessanten Websites kommen, dann warten Sie einfach eine Weile. Die Erfahrung zeigt, dass Ihnen nach ein paar Tagen nur noch die Hälfte davon wirklich spannend vorkommt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sören Bauer , Dorothee Bär, Max A. Höfer.

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