Lagarde wird die Geldpolitik von Mario Draghi fortsetzen

Florian Spichalsky15.07.2019Medien, Wirtschaft

Nach dem Willen der europäischen Staats- und Regierungschefs soll Christine Lagarde die Europäische Zentralbank leiten. Eine Ökonomin ist die Grande Dame nicht – aber sie hat in ihrer Zeit als IWF-Chefin bewiesen, dass sie zwischen verschiedenen Interessen vermitteln kann. Was bedeutet die Personalie für die europäische Geldpolitik?

2016 wäre ihre Kariere beinahe beendet gewesen. Christine Lagarde habe in ihrer Zeit als französische Finanzministerin eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht, urteilte ein Pariser Gericht. Der Gerichtshof sprach sie schuldig, verhängte aber keine Strafe. Wäre Lagarde irgendeine Durchschnittspolitikerin gewesen, hätten sich die 189 IWF-Mitgliedstaaten nach dem Schuldspruch wohl kaum für den Verbleib ihrer Person als IWF-Chefin ausgesprochen. Doch die Französin ist viel, aber sicher kein Durchschnitt. Nur zweieinhalb Jahre später steht Lagarde vor dem Höhepunkt ihrer Kariere. Als erste Frau soll die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Europäische Zentralbank leiten – das haben die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel entschieden. Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rats, nennt die studierte Rechtsanwältin eine „perfekte Nachfolgerin“. Die Amtszeit des jetzigen EZB-Chefs Mario Draghi läuft bis Ende Oktober. Lagarde hatte im Personalpoker schon früher eine Rolle gespielt, allerdings als Nachfolgerin für den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Wie Mitte der Woche bekannt wurde, soll Ursula von der Leyen – aktuell noch Verteidigungsministerin – diesen Posten übernehmen. Sicher ist das aber noch nicht. Übernächste Woche muss sich von der Leyen im Europaparlament zur Wahl stellen. Sie braucht eine absolute Mehrheit und darum wird die in Brüssel geborene Politikerin kämpfen müssen.

Lagarde wäre die erste Frau und die erste Nicht-Ökonomin an der Spitze der Europäischen Zentralbank

Christine Lagarde gilt als harte Verhandlerin, Alarmismus ist nicht ihr Stil. Während Populisten Panik verbreiten, liefert die Grande Dame – wie sie liebevoll genannt wird – nüchterne Analysen. Scharfe Warnungen der Französin klingen wie logische Verknappungen: „Niemand gewinnt einen Handelskrieg.“ Als Chefin des Internationalen Währungsfonds musste sie stets auf diplomatisches Verhandlungsgeschick setzen – immerhin sind die USA, die ihre Handelspartner chronisch mit Strafzöllen provoziert, größter Geldgeber für die multilaterale Superorganisation. Im Hinterzimmer bringe die 63-Jährige aber entscheidende Interessen durch, wie der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte zu berichten weiß: „Ich kenne sie als tough lady. Sie weiß, was sie will. Sie ist sehr klar in ihren Ansagen“. Ihr Verhandlungsgeschick kommt nicht von ungefähr. Lagarde studierte Jura und machte in den USA Karriere als Anwältin. Während der Weltwirtschaftskrise machte sie als schwer aus der Ruhe zu bringende Krisenmanagerin von sich reden. Mit der Ernennung einer Nicht-Ökonomin als EZB-Chefin werden nun konservative Stimmen lauter, die sich an ebenjenem Werdegang stören. Sie habe nie in einer Volkswirtschaftsvorlesung gesessen, kein geldpolitisches Paper verfasst und eine Notenbank bislang nur als Besucherin betreten – korrekt. Doch wer je in einer Volkswirtschaftsvorlesung gesessen hat, der weiß, theoretische Kurven-Analysen befähigen nur die wenigsten Ökonomen für den Chef-Posten der Europäischen Zentralbank. Übrigens ist der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Jerome Powell ebenfalls Jurist.

Das viel schwerwiegender – und durchaus nachvollziehbare – Argument der Skeptiker lautet: Mit Lagarde rücke eine Politikerin auf einen der wichtigsten Stühle Europas, die die Interessen der Südländer vertrete und das enge Band zwischen der EZB, den Staaten und Finanzmärkten nicht lockere. Auch Jens Weidmann, der als hervorragende Besetzung des EZB-Chefpostens galt und als Präsident der Deutschen Bundesbank über eine umfassende Expertise verfügt, wäre kein Garant für mehr Eigenständigkeit der Finanzmärkte gewesen, aber zumindest ein Signal gegen die schleichende Politisierung der Geldpolitik.

Kommt mit Lagarde die Zinswende? 

Die Finanzmärkte reagieren auf die Nominierung der Französin als EZB-Chefin mit einem Zinsrutsch. Experten erwarten eine noch lockerere Geldpolitik. So sind die Anleihenrenditen für europäische Staatsanleihen mit dem Bekanntwerden der neuen Personalie noch einmal ein Stückchen tiefer gerutscht, für Spanien und Italien um rund ein Zehntel Prozentpunkte. Auf knapp minus 0,4 Prozent fiel die Rendite für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit Mitte der Woche – neues Rekordtief. Die Rechnung ist einfach: Sparer, die dem deutschen Staat 1000 leihen, gehen in zehn Jahren mit 40 Euro Miese aus dem Geschäft, Inflation noch nicht inbegriffen – eine irrsinnige Entwicklung. Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley gehen sogar davon aus, dass die EZB die Zinsen bereits in diesem Monat auf minus 0,5 Prozent sinken könnte. Eine Zinswende scheint auch unter Lagarde recht unwahrscheinlich, Geld bleibt billig.

Mit Christine Lagarde wird zukünftig eine erfahrene, taktisch kluge Verhandlerin auf dem Chef-Sessel der EZB sitzen, die ihre Feuerprobe als Krisenmanagerin bereits während der Finanzkrise als französische Finanzministerin abgelegt hat. Als langjährige Generalsekretärin der IWF kennt sie sich in der internationalen Finanzwelt bestens aus. Dennoch hat der Ruf der EZB unter dem Personalpoker der Europäischen Union gelitten, denn als von Regierungsweisungen unabhängige Institution hätte die Besetzung dieses zweifelsohne richtungsweisenden Postens nicht nachgeordnet und an die Präsidentschaft der Europäischen Kommission gekoppelt sein dürfen.

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