Europäische Kommission fordert: Rund 180 Milliarden Euro sollen jährlich in nachhaltige Investestments wandern | The European

Das grüne Dilemma

Florian Spichalsky23.09.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Geht es nach der Europäischen Union, dann sollen private Investoren jährlich rund 180 Milliarden Euro in nachhaltige Investments stecken. Nur so könnten die Klimaziele der EU doch noch erreicht werden. Um mehr privates Kapital zu locken, sollen deshalb einheitliche Definitionen und Vorgaben her. Anleger wollen aber vor allem eins wissen: Werfen nachhaltige Investments bessere oder schlechtere Renditen ab?

MistyMayan Mountains in Central America, Shutterstock

Die eigentliche, und aus Sicht der Privatanleger wichtige, Frage lautet: Werfen nachhaltige Investments bessere oder schlechtere Renditen ab? Fest steht, dass grüne Investments nur 4,5 Prozent am deutschen Fondsmarkt ausmachen. Das zeigt eine aktuelle Statistik des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG). Der Verband beziffert das Volumen des in Deutschland nach ESG-Prinzipien (ESG steht für „environmental, social und governance“) angelegten Kapitals für 2018 auf 219 Milliarden Euro. Zwar verzeichnen nachhaltige Fonds und Mandate ihr größtes Wachstum seit Beginn der Erhebung und legen um insgesamt 41 Milliarden Euro zu, trotzdem bleibt der Großteil der Anleger auf Abstand. Kurzum: Beim eigenen Geld endet das Interesse der Deutschen am Klimaschutz. So fällt es vielen nicht nur schwer, den eigenen CO2-Fußabdruck zu verkleinern, sondern auch, das richtige, grüne Investment zu finden. Ist die weitestgehend fehlende Bereitschaft für ökologisches Anlageverhalten nun auf Minderrenditen von ESG-Produkten zurückzurückzuführen oder liegt es doch daran, dass eine einheitliche – zumindest europäische – Definition für nachhaltige Investments fehlt? Ein Blick auf die Performances realer ESG-Indizes hilft weiter. Nehmen wir beispielsweise Indizes der Anbieter MSCI oder FTSE, auf denen zahlreiche ESG-Produkte basieren, fällt auf, dass sich die Performances der ESG-Indizes und ihrer entsprechenden Vergleichsindizes in den meisten Fällen kaum unterscheiden. Ein Beispiel dafür ist der ACWI-ESG-Universal-Index von MSCI: Seine annualisierte Performance seit 2009 beträgt 8,68 Prozent, die des Vergleichsindexes 8,58 Prozent. Bei Emerging Markets zeigt sich sogar ein schwacher Vorteil von ESG-Produkten. Auffällig ist, dass der Faktor Governance, also das „G“ in ESG, offenbar großen Einfluss hat. So schlägt der World-Governance-Quality-Index von MSCI seinen Vergleichsindex, den MSCI World, deutlich. Während die seit 2009 annualisierte Performance beim Governance-Index 12,18 Prozent beträgt, sind es beim MSCI World lediglich 9,83 Prozent. Der Wehmutstropfen aus Sicht der Investoren: Ausgerechnet aus diesem renditeträchtigen ESG-Index gibt es kein Produkt für Privatanleger. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Renditevorteile mit ESG-Produkten möglich sind, im Durchschnitt aber selten eine Überperformance zeigen.

Wieso also schrecken Anleger trotz durchschnittlicher Renditemöglichkeiten überdurchschnittlich häufig vor nachhaltigen Investments zurück? Die europäische Kommission glaubt die Antwort darauf zu kennen. So will sie neue Leitlinien für Versicherungen, Vermögensverwalter und Banken einführen, den Finanzmarkt für nachhaltige Investments transparenter machen und Aufsichtsbehörden neue Befugnisse erteilen. À la Bio-Siegel im Supermarkt soll das Vertrauen in nachhaltige Produkte gesteigert werden. Bereits im Frühjahr 2018 hatte die Kommission Vorschläge zur Umsetzung präsentiert. Die entscheidende Frage: Unter welchen Gesichtspunkten darf eine Investition als ökologisch nachhaltig gelten. Das Ziel müsse es sein, so die EU-Kommission, Nachhaltigkeitskriterien in das Risikomanagement, in Ratings und Marktanalysen zu integrieren. Weil die Zeit in Sachen Klimawandel besonders dränge, liege der Schwerpunkt zuerst auf ökologischen Aspekten, weitere Umweltthemen und rein soziale Aspekte sollen anschließend geregelt werden. Ziel ist ein Regelwerk, das nachhaltiges Wachstum im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und dem Pariser Klimaabkommen ermöglicht. Grundsätzlich sei das eine gute Sache, doch dürfe dieses Label nicht auf den Klimaschutz begrenzt werden, meint der Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements bei der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment Matthias Stapelfeld. „Man muss so ein Siegel so aufstellen, dass Nachhaltigkeit allgemein erfasst ist und dass auch eine Vielzahl von Produkten darunterfallen, die auch für den Anleger relevant sind, weil man ansonsten etwas schafft, was eigentlich nicht praxisfähig ist.“ Ein Beispiel verdeutlicht, wie kniffelig das sein kann. Denn es geht etwa um die Definition von grünem Strom. Soll die scheinbar klimafreundliche Kernenergie begünstigt werden, oder wegen ihrer ansonsten hohen Umweltrisiken gerade nicht? Ist Wasserkraft ökologisch gut, oder steht sie in der Regel im Widerspruch zum Erhalt natürlicher Lebensräume? Und wie grün ist E-Mobilität, wenn das nötige Kobalt für die Batterien von Kindern in Minen abgebaut wird? Die Probleme der Unternehmensbeurteilungen beginnen also früh. „Es fehlt oft an Daten und Transparenz“, erklärt Karsten Güttler von der UBS. Der Experte erkennt große Unterschiede. So liefern manche Unternehmen nur spärliche Informationen, andere sehr umfassende. Mit Blick auf Umfang und Qualität der Angaben zählen Vonovia und Merck zu den Spitzenreitern.

Immer mehr Großinvestoren fordern von Unternehmen, die nicht nachhaltig wirtschaften, tiefgreifende und schnelle Reformen, frei nach dem Motto: Wer der Umwelt – und unserer Gesellschaft – systematisch Schaden zufügt, muss im Ernstfall mit einem Boykott der Investoren rechnen. Denn diese selbst sind getrieben vom Druck der Kunden und von immer strengeren Vorschriften der EU. So wird es für die Banken hier schon bald ernst. Ab 2022 müssten die großen Gelhäuser in der Euro-Zone ihre Umwelt- und Nachhaltigkeitsrisiken offenlegen.

Sukzessive werden nachhaltige Investments Teil des öffentlichen Diskurses. Was für die Gesellschaft eine gute Nachricht sein sollte, könnte für die deutsche Industrie zum Problem werden – vor allem dann, wenn die geplanten EU-Regeln zu eng gefasst würden. Fast die Hälfte der 30 Dax-Unternehmen zeigen „keine positive Wirkung für Gesellschaft, Wirtschaft und Ökologie“, heißt es in einer Analyse des auf nachhaltige Anlagen spezialisierten Schweizer Vermögenverwalter Globalance. Die schlechtesten ESG-Performances zeigen RWE, VW und Fresenius. BMW, Covestro, Fresenius Medical Care und Continental arbeiten laut der Analyse ESG-neutral. Den größten positiven Beitrag liefern Allianz und Munich Re. Auch andere Untersuchungen wie von der Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) zeigen, dass vor allem die Branchen Energie, Auto, Chemie, Maschinenbau, Logistik, Zement, Stahl, Gebäude und Konsumgüter vor großen Veränderungsprozessen stehen. Und da im Dax eben jene Branchen besonders stark vertreten sind, könnten strenge EU-Regeln die Kursentwicklung des wichtigsten deutschen Aktienindexes negativ beeinflussen. „Generell heißt das aber nicht, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich rückständiger sind“, meint Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, und ergänzt: „Je weiter südlich und östlich auf der Welt, desto größer der Nachholbedarf bei Nachhaltigkeit.“

Nimmt man betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Argumente zusammen, erscheint es logisch, dass nachhaltige Investments den aktuellen, grünen Hype überleben werden. Erfahrungen aus der Technologiebranche lehren, Regulierungen machen schon frühzeitig Sinn – andernfalls erwacht die Branche irgendwann mit einem fürchterlichen Kater. Doch laut der Süddeutschen Zeitung könnten die Aktionspläne bereits an den Mitgliedsstaaten scheitern. So will unter anderem die Bundesregierung die Klassifizierung nicht verpflichtend einführen. „Die Bundesregierung erachtet freiwillige Standards zum jetzigen Zeitpunkt grundsätzlich besser geeignet“, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. Nicht allen geht das schnell genug. Doch sollten all diejenigen auch auf dem Zettel haben, dass ein grüner, nachhaltiger Wandel – gerade in den Industriebranchen – Zeit, und ja, vielleicht auch Jobs kostet – in einer Phase, in der immer mehr Ökonomen vor einer Rezession warnen, könnten enge Regularien die Finanzmärkte schneller ins Wanken bringen als gedacht. Das wäre alles andere als nachhaltig.

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