Wie digitale Gärtner das Grün pflegen

von Florian Spichalsky18.06.2019Wirtschaft

Immer mehr junge Stadtbewohner bepflanzen ihre Balkone oder mieten sich Schrebergärten. Kurzum: Der grüne Markt floriert. Von diesem Trend profitieren Unternehmen, die mehr als nur Heckenscheren, Harken und Gartenschläuche anbieten. Sprachassistenten und Apps werden zu digitalen Gartenhelfern, die Rasenmäh-Roboter und Bewässerungsanlagen aus der Ferne steuern.

Garteln mit Siri und Alexa, statt mit Gartenschlauch und Rasenmäher. Wer keine Lust hat, frühmorgens um 5 Uhr aufzustehen, um den Garten zu wässern und die Blumen zu gießen, delegiert diese – eher lästigen Arbeiten – im Grünen via Sprachassistent oder App an ferngesteuerte Automaten. Das, was in vielen Haushalten unter dem Begriff Smart Home eine digitale Vernetzung aller elektronischen Geräte bedeutet, hält nun auch immer häufiger im Garten Einzug. Smart Gardening meint, jederzeit und von fast überall Gartengeräte steuern zu können. Ein Sprachbefehl an die digitale Garten-Assistentin genügt, schon legt der Rasensprenger los. Und weil dieser nicht zwangsläufig direkt neben dem Haus oder der Wohnung steht, sondern in einem kilometerweit entfernten Schrebergarten oder anderswo, sind digitale Gartenprodukte tatsächlich ziemlich smart.

Sprachgesteuerte Garten-Assistenten sind mehr als nur die logische Konsequenz einer fortschreitenden Digitalisierung – sie sind das Resultat von immer heißer werdenden Sommern und einer Urbanisierung des klassischen Gartens. Immer mehr junge Menschen genießen es, auf Terrassen, Balkonen oder gar auf den öffentlichen Grünstreifen zu buddeln und Pflanzen heranzuziehen. Auch im Duden ist der Trend schon angekommen: Urban Gardening wird definiert als „ertragsorientierte gärtnerische Erschließung und Nutzung von innerstädtischen Flächen (als alternative Wirtschaftsform)“. Wer die im eigenen Schrebergarten angebaute Zuchini auf dem Buffettisch beim Geburtstag des Nachbarn präsentiert, erntet im Münchner Stadtteil Schwabing längst anerkennende Blicke. „Die Zwanzigjährigen haben heute mehr Lust auf Gardening als vor 20 Jahren“, meint Pär Åström, Gardena-Chef in Ulm. Das vom 46-Jährigen Schweden geführte Unternehmen integriert so konsequent wie kein Mitbewerber Computer, Sensoren und Handy-Apps in die Produktpalette. Daneben erreicht Gardena seine Zielgruppe mit modifizierten Klassikern wie der kompakten Balkonbrause, die kleiner als die große Gartenschwester ist. Für all diejenigen, die mehr als ein paar Quadratmeter auf dem Balkon bewässern müssen, bietet Gardena ein vollautomatisches Bewässerungssystem an, dessen Sensoren Temperatur und Feuchtigkeit des Bodens erfasst und mit Wassertropfen gießt. „Die Tropfbewässerung ist besser für die Umwelt, für die Wasserrechnung und für die Pflanze als das Gießen mit dem Schlauch“, meint Åström. Mal abgesehen von den ökologischen Vorteilen dieser Bewässerungsmethode, lässt sie sich einfach über das Smartphone steuern. Und bei aller neuenddeckten Naturfreude, möchte die junge Generation trotzdem nicht ohne ihr geliebtes Smartphone leben. Die Kombination aus Ökologie und digitalen Produkten kommt gut an. In Zahlen heißt das: 2018 stieg der Jahresumsatz vom Markführer Gardena um 14 Prozent auf 663 Millionen Euro. „Die außergewöhnliche Wetterlage des vergangenen Jahres hatte ohne Frage einen positiven Effekt auf unser Geschäft“, fügt Åström hinzu. Neben dem Marktführer gibt es weitere Unternehmen, die den heimischen Garten digitalisieren wollen. Die bekanntesten unter ihnen sind Bosch, Husqvarna und Viking/Stihl. Besonders umkämpft ist der Markt der Rasenmäh-Roboter, die nach Angaben der Hersteller besser und präziser als Menschen arbeiten – während Herrchen das Geschehen aus schattiger Entfernung im Strandkorb beobachten kann. Dass sich die Apps und Social-Media-Kanäle dieser Hersteller immer größerer Beliebtheit erfreuen, liegt neben der Tatsache, dass Informationen generell überwiegend digital gesucht werden, an den fehlenden Vorkenntnissen der neuen Nachwuchs-Buddler. Die Elterngeneration hat schlicht ihr Wissen nicht weitergegeben.

Die Bewegung hat die Schrebergarten-Anlagen längst erreicht. Was einst als Konzentration deutscher Spießigkeit galt, wird nun von jungen, hippen Familien überrannt. „In den deutschen Kleingartenvereinen findet ein rasanter Generationswechsel statt“, betont der Industrieverband Garten (IVG). Kurzum: Ältere Gärtner geben ihre Grünflächen ab – gleichzeitig rücken jüngere nach. Von den rund eine Millionen Schrebergärten, die es bundesweit gibt, würden derzeit etwa 45 Prozent an „junge Menschen und Familien mit Kindern“ verpachtet, ergänzt der IVG. Die Nachfrage nach den eigenen Gärten sei sogar so groß, dass 60 Prozent aller Vereine in den Ballungsgebieten eine Warteliste führen. 2018 wuchs der gesamte Gartenmarkt um rund 130 Millionen Euro auf 18,5 Milliarden – so hoch war der Umsatz noch nie. Damit ist Deutschland vor Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien europaweit der wichtigste Markt. Christoph Büscher, Verbandschef vom IVG führt den Anstieg auf ein den „Wunsch nach Ruhe und Erholung“ zurück. Außerdem sei die junge Generation bestrebt, nachhaltige Nahrungsmittel selbst anzubauen.

Was noch vor wenigen Jahrzehnten selbstverständlich war – nämlich das Anbauen von Gemüse und Obst – war zuletzt in den Städten angesichts omnipräsenter Einkaufsmöglichkeiten in Vergessenheit geraten. Unternehmen wie Gardena, Bosch, Husqvarna oder Viking/Stihl haben den Trend des Urban Gardening zum richtigen Zeitpunkt erkannt und innovative Produkte auf den Markt gebracht. Urban Gardening und Schrebergärten machen zwar derzeit noch einen geringen Teil des milliardenschweren Garten- und Landschaftsbaugeschäfts aus, werden aber zu immer populären Alternativen für die junge Generation und könnten damit zum Wachstumstreiber für die gesamte Branche werden. Meteorologen prognostizieren auch für 2019 einen heißen, langen Sommer – Grund zur Freude bei den digitalen Helfern.

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