Gedanken-Espresso

von Florian Meimberg11.02.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Das Internet wird immer mehr von den Strukturen der sozialen Netzwerke durchdrungen und vom Dialog seiner User beherrscht. Das Social Web kann folglich nur so spannend oder langweilig sein wie das Geflecht seiner Nutzer. Der stete Strom aus neuen Ideen, Bildern und Konzepten generiert schöpferische Energie, Genres werden neu interpretiert, erweitert und ergänzt.

Facebook hat mehr als 550 Millionen Mitglieder. Pro Tag werden circa zwei Milliarden Youtube-Filme angesehen. Über 100 Millionen Menschen twittern. Und die Social Networks wachsen unaufhaltsam weiter. “Droht nun die kollektive Verdummung(Link)”:http://www.theeuropean.de/nicholas-carr/4965-wer-bin-ich-wenn-ich-online-bin? Lassen knappe Status-Updates und kryptische Tweets unsere kognitiven Fähigkeiten verkümmern? Naht gar der Untergang des geschriebenen Worts …? _Träge hingen die Raumschiffe über dem Dschungel. Der alte Maya-König klopfte dem Alien-Lord auf die Schulter. “Alle drin. Wir können los.“_ _Shiro hasste seinen Chef. Was für eine sinnlose Dienstreise! Wütend starrte er auf das Zugticket: Hiroshima–Osaka. 5.8.1945._ _Sie malte ein Minuszeichen vor die Umsatzprognose. Dann klappte sie das Flipchart wieder zu und schob ihren Putzwagen aus dem Konferenzraum._

Leser werden zum aktiven Teil der Geschichte

Die Tiny Tales sind Mini-Romane auf Twitter. Ein 140-Zeichen-Tweet ist eine abgeschlossene Geschichte. Die “Bonsai Fiction“ ist der Versuch, die Idee des Micro-Blogs zu erweitern. Und den Leser selbst zum aktiven Teil der Geschichte zu machen. Weil Erzählbögen nur angerissen werden, dramaturgische Twists nur angedeutet, inszeniert er sein eigenes Kopfkino. Er wird selbst zum Erzähler. Und genau hier liegt die Faszination des Social Webs: Es ist genau so langweilig, genau so spannend, genau so dumm oder schlau wie das Geflecht der Menschen, aus denen es besteht. Wer immer noch meint, Twitter sei ausschließlich belangloses Geplapper, der ist zu bemitleiden. Denn er abonniert offenbar nur Tweets von Menschen, die Belangloses plappern. Die gibt es zweifellos. Zuhauf. Doch es twittern auch Wissenschaftler, Autoren, Künstler, Politiker, Redakteure, Philosophen und ISS-Astronauten. Auch zuhauf. Und was die zu sagen haben, ist meist gehaltvoller als “Kaffee ist alle“. Die Zeichenbegrenzung bei Twitter kann zu einer besonderen publizistischen Qualität führen: Wer mit Sprache umzugehen weiß, der wird es verstehen, in einem Tweet zu fokussieren, einen konzentrierten “Gedanken-Espresso“ zu brühen.

Das Internet wird beherrscht vom Dialog seiner User

Das Internet ist gerade dabei, sich zu häuten. Es wird von den Strukturen der Social Networks durchdrungen. Und immer mehr beherrscht vom Dialog seiner User. Und Menschen unterhalten sich nun mal nicht in Romanlänge. Das neue Web ist unmittelbar. Nah. Live. Von den Screens unserer MacBooks und iPads flackert uns in Echtzeit die Welt entgegen. Und die hat es eilig. Aber das Kaleidoskop aus Charakteren, Bildern, Ideen und Konzepten erzeugt einen steten Strom schöpferischer Energie. Genres werden neu interpretiert. Klassische Erzählstrukturen erweitert und um zusätzliche Ebenen ergänzt. Geschichten werden interaktiv. Storytelling wird vieldimensional. Wird dabei das geschriebene Wort auf der Strecke bleiben? Mitnichten. Im Netz wird weiterhin geschrieben und gelesen. Das Medium Schrift wird auch künftig der wichtigste Träger für Informationen sein. Aber der Rhythmus verändert sich. Der Pulsschlag des Internets ist schneller als der eines Druckerzeugnisses. Und aktueller. Online kann ich das Gelesene sofort kommentieren. Weiterentwickeln. Damit arbeiten. Und vielleicht ist es gerade das, was etwa das gute alte Buch so besonders macht und so kostbar: Es lässt sich Zeit. Es braucht weder Software-Updates noch Ladekabel. Sondern einfach nur eine gute Geschichte. _Die Kardinäle starrten auf die Papyrusrolle. Jenes Relikt, das die Bibel ungültig machte. Der Papst weinte. Er umklammerte ein Feuerzeug._

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