Informationen sind Macht und deshalb ist die Informationsrevolution ein Segen für die Demokratie. Francis Fukuyama

Warum wir Charlie bleiben müssen

Erst die für ihre Karikaturen niedergemetzelten Männer von Charlie Hebdo, dann die Geiseln in einem jüdischen Supermarkt, jetzt das Bataclan-Massaker und die Schüsse von Saint Denis – all diese terroristischen Akte sind eine Kriegserklärung. Gegen uns, gegen unsere Art zu leben. Doch wie sollen wir als Gesellschaft darauf reagieren?

Ein neuer, entgrenzter Terrorismus, gegen den Europa und die übrige Welt keine Lösung haben. Ein Terrorismus, der offene Grenzen in einer historische Flüchtlingskrise dafür missbraucht, mittels gefälschter Pässe spätpubertierende verlorenen Seelen in unsere Mitte zu schleusen. Junge Menschen meines Alters, die einer barbarischen Idiotie verfallenen sind, die kein bisschen mit Religion zu tun hat und kein Quantum Zivilisation in sich trägt. Und sich damit gegen alles stellt, für das unsere Staaten- und Wertegemeinschaft steht, so uneinig sie oft auch sein mag. Es sind Psychopathen, die unser Leben bedrohen, unfassbar laut und schmerzhaft nah.

Mit jeder Kalaschnikow-Salve, jeder Explosion bombardieren die Terroristen das Bewusstsein von Millionen mit Bildern, die uns glauben lassen sollen, unfrei zu sein. Sei es live im Fernsehen, über Twitter und Facebook – beinahe Patrone für Patrone, Propagandavideo für Propagandavideo – kommen die Verbrechen bei uns an. Und das ist das Kalkül einer Gruppe, die weiß, dass sie nur verlieren kann.

Sie mögen Waffen haben, mit denen sie morden, aber nie genug davon. Eine Terrorgruppe kann sich einem funktionierenden Staat und einer aufgeklärten Gesellschaft nicht militärisch entgegenstellen. Sie können Paris nicht einnehmen, werden niemals ihre Flagge auf dem Deutschen Reichstag hissen. Ihre Währung aber ist die Angst, die sie in die Leben der Menschen pflanzen. Die Botschaft: „Ihr seid nicht sicher, und euer Staat wird euch nicht helfen”. Es ist der Biss eines tollwütigen Höllenhundes, der uns selbst in die Irre treiben will. Wir sollen aus Furcht überreagieren und so den Terroristen helfen, uns zu schaden. Und so zu etwas werden, das wir nicht sind: Akteure, die von Hass, Wut und Verzweiflung getrieben werden.

Sie fürchten unsere Offenheit

Ja, einer der Täter des 13. November ist als Flüchtling nach Europa eingereist. Das heißt nicht, dass wir nun vor Millionen Notleidender die Schotten dicht machen müssen. Je schlechter wir die Menschen behandeln, die vor diesem Terror fliehen, umso leichter wird es ISIS fallen, die Europäer als Feinde des Islams darzustellen und daraus Kapital zu schlagen. Je mehr wie uns durch eine geordnete, strukturierte und effektive Aufnahme Flüchtender als Gegenpol zu mörderischen Terroristen positionieren, umso schwerer wird es ISIS fallen, neue Anhänger mit dumpfen Parolen zu rekrutieren und gegen uns zu positionieren. In der britischen Zeitung „The Guardian“ berichtete eine ehemalige Geisel von ISIS, dass unsere „Refugee Welcome“-Banner die Terroristen nervös machen. Sie fürchten unsere Offenheit mehr als Stacheldraht, geschlossene Grenzen und Schutzmauern.

Ja, es ist richtig, jetzt gegen ISIS verstärkt militärisch vorzugehen. Denn Soft-Power allein ist nicht kompatibel mit den Methoden dieser Mörder. Aber eine nervöse Überreaktion mit unzähligen Toten Zivilisten ist wie Öl in das Feuer zu gießen. Truppen nach Syrien zu schicken könnte am Ende sogar eher schädlich sein: ISIS schadet der anonyme, unehrenhafte Tod, der seiner Miliz durch gezielte Luftangriffe und Drohnen zugefügt wird, deutlich mehr. Auf diese Weise für den Jihad zu sterben, ist unsexy – für so einen ungleichen Kampf lassen sich schwer neue Kämpfer rekrutieren – und reduziert gleichwohl die physische Stärke der Miliz. Die Staatengemeinschaft sollte den Terroristen daher auf keinen Fall die Möglichkeit geben, einen „ehrenhaften”, heiligen Krieg gegen Ungläubige auf einem heiligen Schlachtfeld zu verkaufen, um so neue Kämpfer rekrutieren zu können. Es braucht viel mehr eine gezielte Nadelstich-Taktik, die von einer internationalen Koalition unter US-Französischer Führung getragen werden muss – und die Bevölkerung schont.

Die Bürger Europas dürfen aus Schock und Unglauben jetzt nicht den irrlichternden Verschwörungstheortikern von Rechtsaußen verfallen, die uns gegen Flüchtlinge und den Rest der islamischen Welt aufhetzen wollen. Und wir brauchen keinen mit strikteren Gesetzen ausgestatteten Überwachungsstaat, mit Kameras und Sicherheitspersonal an jeder Kirche, jeder Tiefgarage. Wir können es besser, als uns den nächsten Schritt von mordlustigen Barbaren diktieren zu lassen und uns so selbst zu unterwerfen.

Sie haben Waffen, wir den Champagner

Das erste Cover des Satriemagazins Charlie Hebdo, das nach den Anschlägen des 13. November veröffentlicht wurde, zeigt einen von Einschusslöchern durchsiebten Mann, der genüsslich Champagner trinkt. „Sie haben Waffen. Wir scheißen auf sie, wir haben den Champagner” ist darauf zu lesen. Oder um es mit den Worten des britischen Komikers John Olivers zu sagen: „Nothing about what these assholes are trying to do is going to work. And I’ll tell you why: If you’re in a war of culture and lifestyle with France, good fucking luck."

Nach dem 7. Januar habe ich an dem internationalen Web-Projekt „Je Reste Charlie” der Axel Springer Akademie mitgearbeitet. Wir erzählen dort die Geschichten von Menschen, die von Paris bis Belfast todbringenden Terror und sinnlose Gewalt erlebt haben – und sich trotzdem nicht unterkriegen ließen. Grausame Schicksale, bei denen es oft schwer fiel, als Journalist nicht selbst betroffen zu werden. Besonders eine Sache haben ich von unseren Protagonisten gelernt. Es klingt so einfach, und war für diese Menschen doch die schwerste Lektion: Wer als Antwort auf Terror selbst aus Angst und Rachelust handelt, der ist besiegt. Denn nichts fürchten die Terroristen mehr als ein Opfer, das statt Hass mit Vernunft und Rationalität nicht blind zurückschlägt. Sondern mit den Werten einer freien Gesellschaft: Vernunft, Rationalität – und einer legitimierten Gerichtsbarkeit.

Auch ISIS ist keine Horde von unzähmbaren Superterroristen, die auf weißen Toyota-Pick-Up-Trucks durch die Länder streift. Sondern eine Gruppe von Außenseitern, die nicht nur in Europa, sondern auch im Nahen Osten mit dem Rücken an der Wand steht. Und sich vor allem durch spektakuläre, grauenhaft-stumpfe Provokationen Gehör und Aufmerksamkeit verschafft. Dass wir uns davon nicht zu Überreaktionen hinreißen lassen, ist was die Terroristen am meisten fürchten.

Gerade jetzt – weitermachen!

Gerade deshalb ist es jetzt so wichtig, dass wir uns an die Reaktionen aus dem Januar dieses Jahres erinnern: Als wir alle Charlie waren und versprochen haben, weiterzumachen. Es ist egal, dass die „Je Suis Charlie”-Banner jetzt verschwunden sind und auch die „Je suis Paris“-Banner wieder verschwinden werden. Die in Tricolore gehüllten Facebook-Profile geändert, die Blumen vor dem Bataclan welken werden. Was wirklich zählt ist, dass wir weitermachen. Weil wir müssen: Leben. Satire schreiben. Zusammen in Cafés sitzen. Freiheitlich, brüderlich und gleich unseren Weg bestreiten – und mit Vernunft und gerechter Härte denen begegnen, die uns auslöschen wollen.

Lasst uns trotz des Schmerzes, der Wut also Charlie bleiben. Paris, Beirut, Kopenhagen, Garissa. Lasst uns den Opfer gedenken – und über die Terroristen lachen. Und im Rahmen des Staatenbündnisses und der Rechtsstaatlichkeit gegen sie vorgehen. Ihnen unsere Kultur und unsere Vernunft gegenüberstellen. Nur so kann der Terror besiegt werden und unsere Identität bewahrt werden. Wir schulden es den Toten – und unserer Zukunft. Henry Kissinger schreibt in seinem Buch„New World Order”, dass eine neue Ordnung nicht durch Einsicht, sondern nur durch Chaos hergestellt wird. Beweisen wir ihm, dass wir es besser können.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: ROLAND Rechtsreport , Nicolas Stockhammer, Vera Lengsfeld.

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