Awake, not woke | The European

Woke sein ist ok – wenn man es denn wirklich ist!

Florian Maiwald13.08.2022Medien, Politik

Der rechtskonservative Kongress in Texas, bei welchem unter anderen auch der ungarische Ministerpräsident Orbán eine Rede gehalten hat – hat deutlich gezeigt, dass die Rechtspopulisten etwas geschafft haben, wozu die gesellschaftspolitische Linke nicht im Geringsten in der Lage ist: eine globale, länderübergreifende Allianz zu bilden.

Woke Socially Aware Conscious Name Tag 3d Illustration

Quelle: Shutterstock/Superstar

Gerade in Anbetracht der gegenwärtigen Umstände – neben dem Krieg in der Ukraine baut sich auch eine immer härtere Front zwischen China und Taiwan auf – scheint eine derartige Allianz jedoch wichtiger denn je. Denn wenn der rechtskonservative Kongress in Texas eines deutlich macht: die liberalen Demokratien werden nicht nur durch Autokraten wie Xi Jinping oder Putin bedroht, sondern auch durch die Zunahme an autokratischen Tendenzen innerhalb der westlichen Gesellschaften – was nicht zuletzt durch Orbáns Rede mehr als deutlich wurde.

Bei genauerer Betrachtung des Kongresses ließ sich jedoch eine weitere äußerst interessante Beobachtung machen: Der Kongress fand unter dem Motto „Awake, not woke“ statt, was so viel bedeutet wie: Gegenüber der woken (aufgewachten) Linken mit all ihrem Anti-Rassismus und ihrer politischen Korrektheit sind wir – die Konservativen – wirklich wachsam.

Man sollte dies jetzt nicht einfach als eine schlichte konservative Albernheit bei Seite schieben, sondern die Tatsache, dass jener rechtskonservative Kongress unter diesem Motto stattfand, mit dem notwendigen Maß an Ernsthaftigkeit analysieren.

Denn gewissermaßen ist der Umstand, dass die rechtskonservativen Kräfte sowie die autokratischen Tendenzen weltweit in den letzten Jahren zugenommen haben, tatsächlich auf darauf zurückzuführen, dass wir nicht wachsam waren. Statt sich beispielsweise zu fragen, wie Trump und seine Anhänger so rassistisch sein können, sollte vielmehr der Frage gestellt werden, wie es überhaupt möglich ist, dass Menschen wie Trump überhaupt eine derartig hohe Anhängerschaft mobilisieren konnten. Das Problem an der wokeness – dessen Diagnose, dass Sexismus und Rassismus aus unseren Gesellschaften verbannt gehören, natürlich richtig ist – ist folglich eine falsche Form der Wachsamkeit, da sie nicht nach den Ursprüngen von jenen Problemen fragt, welche sie zurecht anprangert.

Die Aufgabe der gesellschaftlich linksprogressiven Kräfte sollte also genau genommen darin bestehen, jene (wahrhaftige) Wachsamkeit zu praktizieren, welche die wokeness unnötig werden lässt und den gesellschaftlich rechtskonservativen Kräften den Wind aus den Segeln nimmt, welche sich nun als die Retter unserer gesellschaftlichen Werte inszenieren. Aber von welchen Werten ist hier die Rede? In einer Zeit, in welcher die Tafeln einen drastischen Anstiegen an Bedürftigen melden, aber es zeitgleich als utopisch wahrgenommen wird, eine Übergewinnsteuer einzuführen?
Wachsam sein – das gesellschaftlich Unbewusste

Die Aufgabe der linksprogressiven Kräfte sollte vor allem darin bestehen ebenfalls derartige Allianzen zu bilden und diese auch unter einem gleichwertigen Motto stattfinden zu lassen – mit einem Zusatz: „Awake, not woke – but seriosly!“

Erich Fromm hat einst – in Anlehnung an Freuds Konzept des Unbewussten – treffend darauf hingewiesen, dass es neben den individuellen unbewussten Bereichen der Verdrängung auch ein gesellschaftlich Unbewusstes gibt, welches jene Bereiche der Verdrängung bezeichnet, welche bei den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft anzutreffen sind. Bei diesen von der Allgemeinheit verdrängten Elementen handelt es sich um Inhalte, die den Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft nicht bewusst werden dürfen, wenn diese Gesellschaft mit ihren spezifischen Widersprüchen reibungslos funktionieren soll.

Wir entwickeln Rationalisierungen, um die spezifischen gesellschaftlichen Widersprüche, mit welchen wir uns konfrontiert sehen, zu kaschieren. Unsichere Arbeitsverträge und der Zwang sich immer wieder beruflich neu zu orientieren werden folglich als die Möglichkeit zur Freiheit und Selbstverwirklichung übersetzt. Oder Großkonzerne inszenieren sich als die großen Problemlöser von gesellschaftlichen Problemen wie Sexismus und rassistischer Diskriminierung – und sorgen gleichzeitig dafür, dass wir verdrängen, dass die ausbeuterischen Verhältnisse dieser Unternehmen vielleicht sogar der Ursprung von vielen dieser Probleme sind – man beachte die Ausbeutung all der prekär beschäftigten ausländischen Leiharbeiter. Wir möchten dem Einzelnen nahe legen, sich im Hinblick auf die jetzt einsetzende Energiekrise, nicht mehr als zwei Minuten zu duschen, streiten uns jedoch um eine Übergewinnsteuer. Wir reden von westlichen Werten, während wir sehenden Auges zulassen, dass Assange in die USA ausgeliefert wird. Und, nicht zuletzt, sind wir über die weltweite Zunahme an autokratischen Tendenzen besorgt, ohne nach den Ursachen zu fragen.

Wir sind Meister der Selbsttäuschung!

Eine der Hauptherausforderungen scheint darin zu bestehen, jene Bereiche – in Fromms Terminologie – des gesellschaftlich Unbewussten zur Bewusstwerdung zu bringen. Dies würde einem wirklichen Erwachen gleichkommen. Zudem müssen wir einer – wenn auch unangenehmen – Tatsache ins Auge blicken, welche den Kern unseres menschlichen Selbstverständnisses betrifft: Wir sind Meister der Selbsttäuschung! Wir werden im zunehmenden Maße von Wetterextremen wie Hitzewellen und Flutkatastrophen heimgesucht und essen trotzdem weiterhin zu viel Fleisch und jetten mit Billigflügen um den Globus (von der Tatsache, dass sogar ein Tempolimit hierzulande als Skandal betrachtet wird, mal abgesehen).

Was hier am Werk ist, scheint auf philosophischer Ebene ein weiterhin ungelöstes Rätsel zu sein: Während wir auf einer abstrakten Ebene zu den höchsten Einsichten fähig sind, schaffen wir es in der Konkretion unseres Daseins diesen Einsichten stetig zuwider zu handeln. Vielleicht – und mir ist bewusst, dass dies eine sehr provokante Überlegung ist – ist es eine notwendige Voraussetzung für die Übersetzung der abstrakten Einsicht ins konkrete Handeln, dass die objektiven Koordinaten des Krisenhaften mit den subjektiven Koordinaten unseres Daseins in Berührung kommen. Vielleicht schaffen wir es dann, zu der Einsicht zu gelangen, dass eine ökologische Transformation unseres Wirtschaftssystems zwar nicht zu Lasten der Schwachen und Armen von statten gehen sollte, aber dass ein Weiterführen des Status quo zu weitaus größeren sozialen Spaltungen führen wird. Vielleicht würden wir dann zu der Einsicht gelangen, dass wirklich erwacht sein bedeutet, zu erkennen, dass die Herausforderungen, welche vor uns liegen, nichts weniger als eine Revolution in unserem Denken erfordern.

Dazu gehört die Einsicht, dass die Verteidigung des emanzipatorischen Erbes von Europa, welches unter anderem den ukrainischen Widerstand (als auch die russischen Dissidenten!) antreibt, zu den größten Herausforderungen unserer Zeit gehört. Und unter Verteidigung ist in diesem Zusammenhang keine militärische Form der Verteidigung gemeint, sondern vielmehr die schlichte Tatsache, dass wir ein Europa verteidigen sollten, welches seinen Namen verdient, indem wir im kohärenten Einklang mit den von uns hochgehaltenen Werten handeln – was schonungslose Formen der Selbstkritik mit einschließen sollte.

Was dies bedeuten könnte, bringt Yanis Varoufakis in einem kürzlich von ihm veröffentlichten Beitrag besonders treffend zum Ausdruck:

Es ist ein schreckliches Erwachen, wenn das Geschäftsmodell des eigenen Landes plötzlich implodiert. Es ist schwer zuzugeben, was doch offensichtlich ist: dass die politische Elite entweder verblendet war oder gelogen hat, als sie jahrzehntelang behauptete, der hart erarbeitete Lebensstandard sei sicher. Dass die nahe Zukunft jetzt vom Wohlwollen Fremder abhängt. Dass die Europäische Union, der eine Gesellschaft Vertrauen schenkte, über lange Zeit die Wahrheit verschleiert hat. Dass EU-Partner, die man nun um Hilfe bittet, einen nun als den Bösen sehen, der endlich seine gerechte Strafe erhält. Dass die Wirtschaftseliten im In- und Ausland neue Wege suchen, um ein Land noch tiefer in die Sackgasse zu führen. Dass man gewaltige und schmerzhafte Veränderungen hinnehmen muss, damit sich nichts ändert. Wir Griechen kennen dieses Gefühl. Anfang 2010 haben wir es hautnah erlebt. Heute stehen die Deutschen einer Wand von Herablassung, Antipathie und sogar Spott gegenüber. Auch wenn es ironisch erscheint, weiß kein anderes europäisches Volk besser als die Griechen, dass die Deutschen das nicht verdient haben, dass ihre missliche Lage das Ergebnis unseres kollektiven, europäischen Versagens ist und dass Schadenfreude niemandem – und besonders nicht den hart auf die Probe gestellten Griechen, Süditalienern, Spaniern und Portugiesen (während der Krise auch „PIGS“ genannt) – etwas bringt.

Im kohärenten Einklang mit unseren Werten zu handeln – darauf weist Varoufakis sehr eindrücklich hin – bedeutet, zu der Einsicht zu gelangen, dass Werte wie Solidarität oftmals in der Faktizität unseres Handelns widerlegt wurden – man denke an all die Spardiktate, welche Deutschland jenen südeuropäischen Ländern – vor allem Griechenland – aufgebürdet hat. Dem Umstand, dass jetzt das böse Erwachen kommt und wir Deutschen nun bald möglicherweise auf die Solidarität anderer EU-Länder angewiesen sind, sollte man laut Varoufakis jedoch nicht mit Spott begegnen. Vielmehr sollten die derzeitigen multiplen Krisen, mit welchen wir uns konfrontiert sehen, als Chance gesehen werden, eine europäische Union zu verteidigen, die ihren Namen verdient. Dazu gehört geschlossenes Handeln im kohärenten Einklang mit den von uns postulierten Werten. Nur so können wir uns von den autokratischen Tendenzen, welche uns von innen und außen bedrohen, wirklich schützen. Kurzum: wir sollten aufwachen – aber eben auf die richtige Art!

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