Das gekaufte Feuilleton

Florian Keisinger2.08.2013Medien

Zeitungen sind in der Krise. So weit, so bekannt. Doch welchen Einfluss hat das auf die Glaubwürdigkeit ihrer Journalisten?

Die Titelseite der aktuellen „Zeit“ (32/2013) zeigt zwei sich paarende Hasen. Der aktive Teil, so wird durch einen Pfeil angedeutet, verbildlicht die Industrie; das passive Karnickel steht für die Wissenschaft. Darüber heißt es: „Unternehmen bestellen Studien, bezahlen Professoren und finanzieren ganze Institute. Wie unabhängig ist die deutsche Forschung?“

Näheres liefert das Dossier auf den Seiten 13 bis 15. Dort tragen Kerstin Kohlenberg und Yassin Musharbash Beispiele für die Verquickung von Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Das ist lesenswert, wenngleich nicht wirklich überraschend. So erfährt man zum Beispiel, dass offenbar der Internetgigant Google bei einem renommierten Wissenschaftler um ein Gutachten angefragt hat; die gewünschten Ergebnisse der Untersuchung lieferte Google gleich mit. Der Forscher hat den Auftrag abgelehnt. Weiter wird berichtet, dass die Deutsche Bank zwischen 2006 und 2011 zusammen mit der Berliner Humboldt-Universität und der Technischen Universität ein Institut zur Erforschung der Risiken der Finanzmärkte betrieb. Veröffentlichungen des Instituts, so heißt es, hätte sich die Deutsche Bank vorab zur Genehmigung vorlegen lassen. „Ist ein Professor, der an einem solchen Institut arbeitet, ein Wissenschaftler oder ein Bankangestellter?“, fragen sich die Autoren.

Was für Universitäten gilt, gilt auch für Zeitungen

1,8 Milliarden Euro haben Unternehmen und Stiftungen im Jahr 2011 in deutsche Hochschulen investiert. Dass das zum Teil skurrile Züge annimmt, steht außer Frage. An der Fachhochschule Würzburg zum Beispiel hört man Vorlesungen im Aldi-Süd-Hörsaal. Beliebt ist auch die Einrichtung sogenannter Stiftungsprofessuren, also die Finanzierung eines privaten Lehrstuhls durch ein Unternehmen. Ernst & Young etwa leistet sich eine Juniorprofessur in Betriebswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität; Porsche und Bosch sind Teilfinanziers einer Stiftungsprofessur für Kraftfahrzeug-Mechatronik an der Universität Stuttgart. Nicht erwähnt wird, dass es in Stuttgart auch eine Stiftungsprofessur zur „Wirkungsgeschichte der Technik“ gibt, die von der Berthold-Leibinger-Stiftung unterstützt wird.

Kurzum, ein heikles Thema: Forschung und Wissenschaft werden immer kostspieliger. Wer als Hochschule weltspitze sein möchte, muss sich immer öfter um alternative Finanzierungsmodelle bemühen. Dass geldgebende Unternehmen das mit Vorliebe in einem Bereich tun, der für sie selbst interessant ist, liegt auf der Hand und ist prinzipiell nicht verwerflich. Noch, so räumen die Autoren des Dossiers ein, betrifft das Thema nur einen kleinen Teil der Wissenschaft. Gut so! Forschung und Wissenschaft müssen unabhängig sein. Alleine der Verdacht, dass das anders sein könnte, wäre verheerend.

Dasselbe gilt für Zeitungen. Auch dort hat man, wie jüngst immer wieder zu lesen ist, bisweilen mit Geldsorgen zu kämpfen. Viel wird derzeit darüber diskutiert, inwieweit das Geschäftsmodell des (gedruckten) Qualitätsjournalismus überhaupt noch zukunftsfähig ist; auch die „Zeit“ beschäftigt sich diese Woche auf den Seiten 22 und 23 mit diesem Thema. Zu den Problemen gehört, dass insbesondere das ertragreiche Anzeigengeschäft zunehmend ins Internet abwandert.

Deswegen ist es gut, dass Unternehmen nach wie vor auf Werbeanzeigen in den Zeitungen setzen; auch in der „Zeit“, wie man aktuell unter anderem auf den Seiten 6 und 7 erkennen kann, wo BMW großflächig sein neues Elektromodell bewirbt. Die Anzeige befindet sich im Politikteil, da BMW vermutlich darauf setzt, dass sie dort von den meisten Menschen gesehen wird, die als Käufer in Frage kommen. Natürlich berichtet die „Zeit“ auch über BMW als Unternehmen, oder über die politische Förderwürdigkeit der Elektromobilität, oder über beides in Kombination; das passiert dann meistens im Wirtschaftsteil. Dennoch geht man als Leser selbstverständlich davon aus, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen den Anzeigen, die BMW für viel Geld in Auftrag gibt, und der Art und Weise, wie die „Zeit“ über das Unternehmen berichtet. Ist das naiv? Ich hoffe nicht. Aber besteht nicht generell die Gefahr, dass sich das ändert, je größer die finanziellen Schwierigkeiten der Zeitungen werden? Wie bei den Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen, die mit Unternehmen kooperieren, hängt auch hier viel von der Integrität der Journalisten und ihrer Verlage ab.

Ich vertraue der „Zeit“-Redaktion

Im Feuilleton finden sich relativ selten Annoncen von Autoherstellern oder Energieerzeugern. Stattdessen werben dort meist Verlage. Auch das ist keine Überraschung; wer Buchbesprechungen liest, könnte auf die Idee kommen, ein Buch zu kaufen. Nun findet sich auf Seite 39 der aktuellen „Zeit“ eine lobende Besprechung des neuen Romans von Silvia Bovenschen. Die Rezensentin Marie Schmidt attestiert dem Buch eine „ironische Leichtigkeit“; die Geschichte sei „mit Lust ausgedacht und ergibt eine witzige Etüde über das unmögliche Thema Weibersterben“. Das klingt gut und könnte einen Kauf durchaus schmackhaft machen. Hinzu kommt, dass Silvia Bovenschen eine ausgezeichnete Autorin ist, die schon früher schöne Bücher geschrieben hat. In anderen Worten: Ich vertraue auf die Leseempfehlung der „Zeit“-Rezensentin. Denn ich glaube nicht, dass ihr Urteil von der viertelseitigen Werbeanzeige beeinflusst wurde, mit der der S. Fischer Verlag nur eine Seite davor (Seite 38) das neue Buch seiner Autorin Silvia Bovenschen bewirbt.

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