Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Die Katastrophe als Chance

Innovation entsteht aus Chaos – in diesem Sinne interpretiert bedeutet Fukushima nicht nur menschliches Leid, sondern auch Hoffnung. Nämlich die auf einen schnellen Ausstieg aus der Risiko-Technologie. Gut möglich, dass Deutschland mit der Energiewende Vorreiter eines globalen Bewusstseinswandels ist.

Eine Konstante in der Geschichte ist es, dass grundlegende Innovationen im Umfeld von Katastrophen entstehen. Das war schon immer so. Krieg und Vernichtung sind, auch wenn das makaber klingen mag, enge Verbündete des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritts. Prähistoriker haben unlängst herausgefunden, dass die Erfindung des Ackerbaus in der Jungsteinzeit darauf zurückgeht, dass die Kriege in dieser Zeit immer länger wurden. Um die Verpflegung der Kämpfenden sicherzustellen, bedurfte es neuer Methoden der Nahrungsproduktion. Oder der Erste Weltkrieg: Dieser forderte nicht nur Millionen Tote und Kriegsbeschädigte, sondern revolutionierte auch die Medizin. Unter anderem profitierte davon die Orthopädie, deren Perfektion – Stichwort: Prothetik – durch den Ersten Weltkrieg entscheidend befördert wurde. Und auch das Großprojekt der Europäischen Union wäre nie zustande gekommen, hätten nicht während der ersten fünfzig Jahre des 20. Jahrhunderts rund siebzig Millionen Menschen ihr Leben in Kriegen, Konzentrationslagern und Gulags verloren. Erst die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges führte in den europäischen Staaten zu der Einsicht, für die gemeinsame Sicherheit auf bestimmte Hoheitsrechte zugunsten einer supranationalen Gemeinschaft zu verzichten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das Ende des Atomzeitalters ist nah

Dass Kriege und andere Katastrophen nicht nur gewaltige Zerstörungen anrichten, sondern auch unermessliches menschliches Leid verursachen, steht außer Frage. Doch sind sie eben auch ein Motor des Wandels. Denn sie verfügen über das einzigartige Potenzial, bestehende Strukturen radikal über den Haufen zu werfen. Und sie forcieren den Wunsch der Menschen nach grundlegender Veränderung, und zwingen so Wirtschaft und Politik zu einem raschen und entschlossenen Handeln. Für moderne Demokratien, in denen die Entscheidungsfindung häufig nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners funktioniert, ist das eher untypisch.

Besonders deutlich wird das derzeit in der Energiepolitik. Wer hätte noch vor wenigen Monaten, vor den schrecklichen Ereignissen in Fukushima, damit gerechnet, dass in Ländern wie Frankreich, Indien, den USA oder auch Japan, in denen die Kernenergie praktisch Teil der Staatsräson war, eine intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten alternativer Energiegewinnung einsetzen würde? Italien hat den Wiedereinstieg in die Kernkraft gerade abgesagt, in Großbritannien und China wurde der Bau neuer Atommeiler auf Eis gelegt.

Und auch in Deutschland hat sich seit der Reaktorkatastrophe die Lage grundlegend gewandelt. Das Ende des Atomzeitalters, darin sind sich die Parteien einig, ist in greifbare Nähe gerückt. Ideologische Scheuklappen, die über Jahrzehnte die Debatten in der Energiepolitik geprägt hatten, wurden beiseite gelegt. Stattdessen herrscht die Überzeugung vor, den Ausstieg – vorausgesetzt, er wird vernünftig gestaltet – nicht als finanzielle Belastung der Bürger und Unternehmen zu begreifen, sondern als Zukunftsinvestition in neue Wirtschaftsbereiche und Arbeitsplätze. Bis 2020 will Deutschland weltweit Marktführer im Bereich Erneuerbarer Energien sein.

Erst Zerstörung, dann Veränderung

Das Unglück von Fukushima und seine Folgen bestätigen damit ein Prinzip, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Zukunftsweisenden Veränderungen geht fast immer ein externer Impuls voraus, der – das zeigt die Erfahrung – häufig mit Zerstörung und Elend verbunden ist. Früher waren das meist Kriege. Ohne sie hätte es keine Nationalstaaten und kein geeintes Europa gegeben. Der japanische Super-GAU vor zwei Monaten könnte ebenfalls ein solcher Impuls gewesen sein. Der Veränderungsdruck, der weltweit von ihm ausgeht, ist enorm. Gut möglich also, dass in künftigen Geschichtsbüchern Fukushima am Anfang eines neuen Zeitalters globaler Energiegewinnung stehen wird.

Der Autor ist Historiker und arbeitet als Referent für den Abgeordneten Christian Lindner (FDP) im Deutschen Bundestag. Der Text gibt seine persönliche Meinung wieder.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Burger, Ortwin Renn, Hildegard Müller.

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