Elektro-Autos vergrößern das Klimaproblem

von Florian Josef Hoffmann24.06.2019Medien, Wirtschaft

Die große Politik hat erklärt, dass es im Herbst in Sachen Klimapolitik zur Sache geht und Schluss ist mit „Pillepalle“. Gravierende gesetzliche Eingriffe drohen, obwohl die Wissenschaft sich nicht einig ist, über den richtigen Weg zur Rettung des Klimas, ja nicht einmal darüber, ob da irgend etwas gerettet werden kann oder muss. Wegen des Umfangs des Themas werde ich in dieser Kolumne ein paar Anmerkungen in Fortsetzung schreiben.

Ich gebe zu, dass mich gerade das Thema CO2 umso mehr fasziniert, je länger ich mich damit befasse. Es geht um etwas, was uns Sekunde für Sekunde berührt, was wir Tag und Nacht einatmen, was wir im Körper verarbeiten und zwar nicht langsam, sondern mit jedem Atemzug. Wir reden hier über die Luft, die wir einatmen. Und dieses Thema hat ganz viele Fassetten, die ich hier nur streifen kann, auch weil ich davon nicht genug verstehe: Die Strahlenphysik, die Atmosphären-Physik, die Thermodynamik, die Botanik, die Wissenschaften, die sich mit Ozeanen und Gletschern beschäftigen, die Meteorologie, etc. Also: Faszination pur.

Die Faszination ergreift mich unter anderem an einem heiligen Feiertag, an dem ich auf der sechsspurigen Autobahn A40, auch Ruhrschnellweg genannt, bei Sonnenschein gemütlich von Essen nach Dortmund fahre. Sie ist eine Art grüne Hölle, denn diese bequeme Schnellstraße ist fast über die gesamte Entfernung eingesäumt von einem hohen, dichten Wall von Bäumen, einem einzigen Wald, hat man streckenweise den Eindruck (was natürlich nicht stimmt, weil dahinter viel Bebauung versteckt ist). Links und rechts quillt das einheitliche Tiefgrün so weit in die Höhe, als wäre die sechsspurige Straße, fast so hoch wie sie breit ist, grün abgepolstert. Natürlich kenne ich die Strecke auch werktags bei viel höherer Verkehrs- und LKW-Dichte. Da hat mein keine Muße, gedanklich in Richtung Umwelt/Klima auszuschweifen. Aber an einem Feiertag geht das eben.

Ich bin schon etwas älter und kenne noch viel vom ursprünglichen Autobahnbau in Deutschland, als die Trassen noch nackt – nur links, rechts und in der Mitte eingesäumt von Leitplanken – in der Landschaft lagen. Grau, trist, kein Grün. So war das anfangs. Welch ein Gegensatz zu heute, wo wir meilenweit von so viel wunderbarem Grün eingesäumt sind. Jahrzehntelang dachte ich, als ich das Grün am Rand der Pisten sah: Wie halten die das aus bei all dem Dreck, der hinter aus dem Autos und LKWs herauskommt? Weshalb gehen die nicht alle ein? Nachdem ich mich seit ein paar Wochen mit dem CO2-Thema beschäftige, ist mir klar, warum die Bäume so gerne an der Autobahn stehen: Sie werden hier so richtig fett mit CO2 versorgt!

Zugleich denke ich an ein Gespräch, das ich in dieser Woche mit einem Ingenieur der Firma ZF führte, also einem der führenden Automobilzulieferer der Welt. Er meinte, wir gingen einer wunderbaren Welt der Elektromobilität entgegen, die ganze Branche sei schon darauf getrimmt, langfristige Verträge mit allen Automobilherstellern abgeschlossen, in zwanzig, dreißig Jahren gäbe es kaum mehr etwas anderes, schon heute würden in Shanghai keine Benziner mehr zugelassen, nur noch E-Autos; lediglich die Akku-Technologie bedarf einer ganz neuen Lösung, die habe man noch nicht, aber daran würde gearbeitet. Und dann kam der Hammer: Auf meinen Hinweis, dass das CO2 doch etwas Gutes sei, kam die Antwort: „CO2, das ist doch Gift!“ Wörtlich! Ich konnte es nicht glauben! Mein Hinweis auf die Kohlensäure im Mineralwasser, im Bier und im Sekt machte ihn stutzig, aber konnte ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Man muss ja auch nicht jeden überzeugen.

Aber das mit dem CO2 geht noch weiter: Wir Autofahrer fahren tagelang in Städten und auf Autobahnen hinter Auspuffgasen der Vorderleute her und keiner der vielen Millionen, die gleichzeitig im Auto sitzen, fällt wegen CO2-Vergiftung um, oder wird ohnmächtig, weil ihm der Sauerstoff fehlt. Derlei geschieht stets aus anderen medizinischen Gründen. An CO2-Vergiftung ist auf der Straße noch keiner verstorben. (Das in der Tat giftige CO-Gas produzieren die heutigen Motoren schon lange nicht mehr.)

Um dem Phänomen CO2 und seinen Qualitäten auf den Grund zu gehen, empfiehlt sich die Methode, seine Extreme zu betrachten, also: Was geschieht einerseits mit ganz viel oder nur CO2 und andererseits, was geschieht mit ganz wenig? Das beste Beispiel für ganz viel CO2 ist der CO2-Feuerlöscher. Er bewirkt, dass die besprühte Flamme erlischt, weil kein Sauerstoff mehr dran kommt. Er bewirkt nicht, dass derjenige, der ihn bedient, in Ohnmacht fällt, ganz einfach, weil sich das CO2-Gas ringsherum blitzschnell verteilt, verdünnt und verflüchtigt.

Das alltägliche Gegenbeispiel zu obigem Feuerlöscher ist unsere Luft. Sie besteht zu fast vier Fünftel aus Stickstoff, also einem Gas, das in der normalen Umgebung mit nichts reagiert und auf nichts reagiert und sie besteht zu einem Fünftel aus Sauerstoffgas, unserem Lebenselexier. Wir atmen Luft ein und aus und nichts geschieht in uns mit dem Stickstoff, vom Sauerstoff behalten wir mit jedem Atemzug zu einem kleinen Teil für unsere innere Energieerzeugung. Zur Luft, die wir einatmen gehören allerdings dann auch ein paar Spurengase. Eines davon ist das CO2 mit 0,04 Prozent, also ganz wenig.

Die Wissenschaft sagt zu diesem Wenig „400 ppm“, also 400 parts per million. Das ist auch der Wert, um den sich die ganze Klima-Politik dreht. Als man vor 250 Jahren begann, den Wert zu messen, also vor der Industrialisierung, lag er bei 280 ppm oder etwas darunter. Seitdem ist er kontinuierlich angestiegen und liegt aktuell bei 412 ppm. Interessant ist, was die Biologen dazu sagen: Für sie ist das CO2 kein Gift, sondern die wichtigste Lebensgrundlage. So, wie Menschen und Tiere pflanzliche Nahrung zuführen müssen, um daraus ihren Körper aufzubauen und zu betreiben, genauso bedarf die Botanik des CO2 aus der Luft, um es in der Photosynthese in Kohlenstoff und Sauerstoff aufzuspalten, den Kohlenstoff für den eigenen Aufbau zu verwenden und den Sauerstoff an die Luft abzugeben, wo wir ihn wieder einatmen können. Wie schön ist doch die sauerstoffreiche Luft in der Nähe der Pflanzen, vor allem im Wald!

Man kann den Entzug von CO2 noch weiterspinnen: Angenommen, man nimmt das CO2 ganz aus der Luft? Dann gibt es kein Leben mehr. Botaniker haben die Grenze ausgelotet und sehen für das Pflanzenwachstum den Mindest-CO2-Gehalt der Luft wohl bei circa 160 bis 180 ppm. Das ist ein Wert, der in einer Kälteperiode im Mittelalter wohl auch mal real erreicht wurde und der dann neben aller Not der Kälte auch noch eine Hungersnot auslöste, weil die Landwirtschaft darnieder lag. Und in der Tat ist ein Mehr an CO2 gesund für das Wachstum der Pflanzen: Holländer blasen in ihre Gewächshäuser CO2-Gas, weil es ein besseres Wachstum der Pflanzen bewirkt. Und genau so positiv wirkt sich der erhöhte CO2-Gehalt der Luft weltweit in der Botanik aus: Es ist unbestritten, dass Urwälder in den letzten Jahrzehnten an Wachstum zugelegt haben – was nicht heißt, dass man sie abholzen darf – und eine wissenschaftlich anerkannte NASA-Studie hat belegt, dass sich die Grünflächen der Erde von 1982 bis 2006 zwei mal um die Fläche der USA vergrößert haben. Letzteres ist beispielsweise sichtbar an der wachsenden Begrünung der afrikanischen Sahelzone in Richtung Norden und den wachsenden Baubewuchs ehemals karger Savannen. CO2 ist ein wunderbarer Stoff.

Wer will jetzt noch das Wort Dekarbonisierung in den Mund nehmen und als politisches Ziel proklamieren? Das klänge wie ein Programm zur Beendigung allen Lebens auf der Erde. Das kann es wohl nicht sein.

Weitere Erörterungen sind als Fortsetzung dieses Beitrags angekündigt, weil sie in einem einzigen Beitrag nicht unterzubringen sind. Dennoch eine Bemerkung vorab: Einer weiterhin weltweit ungebremsten Exploration fossiler Brennstoffe, also dem zügellosen Einsatz von Gas, Kohle und Erdöl, wird hier nicht das Wort geredet. Im Gegenteil. Die Missachtung der wahren Werte dieser Boden-“Schätze“ – auch zu Lasten kommender Generationen – hat schon für unsere Generation ungewollte, unvorhergesehene und unabsehbare Folgen. Aber nicht dort, wo die fossilen Wertstoffe Gott sei Dank verbrannt (!), also als CO2 in die Luft geblasen werden, sondern dort, wo sie sich als Plastikteile groß und klein und ganz klein in den Flüssen, den Meeren, den Böden und in der Nahrung verbreiten und festsetzen. Dagegen helfen keine Elektro-Autos. Die vergrößern mit ihrem unsinnigen Energie-Umweg über den Akku wohl nur das Problem.

 

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