Wie die Soziale Marktwirtschaft abgeschafft wurde

Florian Josef Hoffmann13.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Angesichts des größten industriellen Einbruchs aller Zeiten, Corona-Virus-bedingt im bevölkerungsreichsten Land der Erde, angesichts einer “aufgepeitschten Öffentlichkeit” (NZZ) “in diesem unserem Lamnde” (Helmut Kohl) mutet es geradezu lächerlich an, sich des “kleinen” Preis-Themas der verzweifelten Bauern anzunehmen, die zu Tausenden ihre Trecker in Großstädte lenken, wo sie doch eigentlich gar nichts zu suchen haben, “nur” weil sie zu Hundertausenden ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sehen.

Um bei den Fakten zu bleiben, muss man sagen, dass es bei den Bauern-Protesten nicht nur um die Preise für Lebensmittel geht, sondern vor allem auch um Beschränkungen der Ausbringung von Düngemitteln, die ihnen neue EU-Vorschriften eingebrockt haben. Als Opfer europäischer Grenzwert-Willkür stehen sie damit Seit’ an Seit’ mit der deutschen Automobil-Industrie. Insoweit ist es deshalb auch sinnvoll, dass die Bauern am 25. April gemeinsam mit “Fridays for Hubraum” in Berlin zu demonstrieren planen.

Meine Unterstützung haben sie beide. Aber moralische Unterstützung allein reicht nicht aus, was sie benötigen, ist die Unterstützung mit Ideen, mit Wahrheiten, mit Offenlegung von Gesetzmäßigkeiten und wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen.

Die deutsche Wirtschaftsgeschichte beginnt zwar nicht mit Ludwig Erhard, aber einer der besten Perioden der Nachkriegszeit beginnt mit ihm und hieß ‘Wirtschaftswunder’. Die Begriffe ‘Ludwig Erhard’ und ‘Wirtschaftswunder’ sind im Bewusstsein der Öffentlichkeit assoziativ untrennbar miteinander verknüpft. Aus Gründen der Zusammenbruch-belasteten Nachkriegskommunikation ist verständlich, dass damals voraufgegangene Wirtschaftswunder ausgeblendet wurden. Was heute nicht mehr so verständlich ist, ist die Tatsache, dass es heute immer noch so ist, denn: 

Das größte Deutsche Wirtschaftswunder

Das größte Deutsche Wirtschaftswunder fand zur Kaiserzeit in den 35 Jahren zwischen 1880 und 1915 statt, also in Zeiten einer wissenschaftlich-geistigen, industriellen und sozialen Revolution, die in der Menschheitsgeschichte allenfalls vom wirtschaftlichen, politischen und technischen Aufstieg Chinas in den vergangenen dreißig Jahren übertroffen wird. In dieser Zeit wurde, mit Ausnahme des Computers (Konrad Zuse 1941) und des Liberalismus (Adam Smith 1746), unheimlich viel in Deutschland erfunden und erdacht, vom Telefon über das Flugzeug (Lilienthal baute seinen Drachen in Berlin in Serie!), über das Automobil (Carl Benz) bis zum Sozialismus (Karl Marx) und der Christlichen Soziallehre (Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler), also der Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft.

Das zweite ‘Wunder’ ereignete sich nach der Währungsreform des Jahres 1923 (Golden Twenties), hielt aber nur bis zum Jahr 1929, als in New York – ähnlich wie schon im Jahr 1873 in Berlin – eine Industrie-Aktien basierte Spekulationsblase platzte, wodurch aus dem ‘Wunder’ binnen Tagen eine weltweite Krise wurde – etwas, was uns in diesen Tagen Corona-bedingt auch blühen kann. Kurz und gut, mit geliehenem Geld von der Reichsbank (Hylmar Schacht) erzeugte Hitler in Deutschland sozusagen das dritte ‘Wunder’, was ihm trotz gigantischer krimineller Untaten über Jahre das Wohlwollen der Bevölkerung erhielt. Und das fast bis zum Kriegsende. Mittlerweile ist bekannt, dass seine erfolgreichen Manager nicht nur in Amerika top waren (Wernher von Braun), sondern auch an unserem Wirtschaftswunder nicht ganz unschuldig waren (Nordhoff/VW, Neckermann/Versand, Schliecker/Werften, Goergens/Stahl, etc.). Erhards ‘Wunder’ war demnach das vierte in der Reihe.

Soziale Marktwirtschaft ist ein Kapillarsystem

Nun, worauf beruhten diese ‘Wunder’ alle? Selbstverständlich auf Erfindungen und einer prosperierenden Wirtschaft. Deren Organisation Letzterer beruhte seit der Krise 1873 auf Kartellen, d. h. Solidargemeinschaften der Unternehmer (Verbände) und Arbeitnehmer (Gewerkschaften). Die Unternehmer sorgten durch Kooperationen für prosperierende Unternehmen, die Gewerkschaften mit Unterstützung der Christlichen Soziallehre für gerechte Löhne und der Staat regelte die Sozialversicherungen. Steigende Löhne sorgten für wachsende Umsätze der Unternehmen. Absprachen aller Art sorgten für wachsende Gewinne, die dann von den Gewerkschaften wieder abgeschöpft wurden, also zu wachsenden Umsätzen führten. Die konsensorientierte, kooperative Marktwirtschaft wuchs stets in allen Bereichen gleichzeitig nach oben, wie in einem Kapillarsystem.

Dieses System übernahm Ludwig Erhard im Jahr 1948 und nannte es “Soziale Marktwirtschaft”. Im Jahr 1958 führte er das Kartellverbot als “Grundgesetz der Sozialen Marktwirtschaft” ein. Das Verbot war allerdings von so vielen Ausnahmen gekennzeichnet, dass es praktisch ledigleich zum Meldesystem für die Kartellämter taugte. Die waren somit über alle Absprachen informiert, schritten aber nicht ein.

Verbot der Festpreise war eine Todsünde

Die erste Todsünde gegen Erhards Soziale Marktwirtschaft geschah im Jahr 1973, als die Festpreise für Markenartikel verboten und durch die “Unverbindliche Preisempfehlung” ersetzt wurden. De facto nahm man den Herstellern die Preishoheit aus der Hand und übergab sie den Händlern, also denen, die heute durch die wenigen verbliebenen Organisationen Aldi, Lidl, Edeka und Rewe repräsentiert werden.

Was das bedeutet, wird klar, wenn man die beiden Seiten und ihren Handlungsfokus betrachtet: Der Hersteller liebt sein Produkt. Er hat seinen Fokus auf dieses eine Produkt und versucht, es permanent zu verbessern. Das gilt für Agrarprodukte genau so wie für Industrieprodukte, für Käsebauern wie Automobilbauer. Solche Entwicklungen können über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, gehen. Berühmt ist die permanente qualitative Entwicklung des Nürnberger Lodens im Mittelalter. Notwendige Voraussetzung für den Hersteller ist deshalb die langfristige, enge Bindung an Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter.

Anderes gilt für den Händler. Ihn interessieren die Preise. Er lebt von der Preisspanne zwischen Einkaufspreis und Marktpreis. Der Händler denkt – was das Produkt angeht – kurzfristig, von Tag zu Tag. Er nimmt die Produkte auf Lager und legt jeden Tag an jedes Produkt die Messlatte an und fragt, ob es für ihn noch profitabel ist, oder ob er seinen Lieferanten, seine Lieferanten, preislich drücken muss oder sie wechseln. So unzuverlässig wie sein Kunde ist, also der Endkunde, der Endverbraucher, ist auch der Händler. Kaum gibt es irgendwo etwas billiger, springt er über zum nächsten Lieferanten. Der Endkunde ist unzuverlässig. Ihn interessiert in der Masse nur der Preis, er kauft immer das Billigste.

Was bedeutete nun das Ende des Festpreises? Es bedeutete, dass die Händler sich von nun an gegenseitig mit identischen Produkten vom selben Hersteller oder anderen draußen auf dem Markt einen Preiskampf lieferten. Das Jahr 1973 war die Geburtsstunde der Discounter. Der berühmteste war einst der gelernte Metzger Schlecker. Er nahm immer die größten Mengen ab, bekam so die besten Preise von den Herstellern und war am Ende am Markt als Discounter praktisch allein. Alle anderen waren verdrängt oder aufgekauft. Am Ende hat er sich mit den niedrigen Preisen selbst erledigt – angesichts von 20.000 Mitarbeitern, die ihren Arbeitsplatz verloren, unverantwortlich – aber nicht nur von ihm, sondern von der Politik. Die Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Zuletzt haben sich Edeka und Rewe die große Traditionsfirma Kaisers/Tengelmann untereinander aufgeteilt. Aktuell ist Real dran.

Schuld hat die Politik

Schuld hat die Politik, weil sie die niedrigen Preise für den Kunden/Nachfrager lieber hat, als stabile Preise für die, die die Arbeit machen. Denn Preise sind Löhne. Wenn ich etwas anpreise, will ich dafür belohnt werden. Oder ein anderes Beispiel: Man stelle sich vor, jemand verkauft privat seine Wohnung und muss sich vom Käufer den Preis diktieren lassen. Man stelle sich vor, es gäbe keine Gewerkschaften und die Arbeitgeber könnten den Mitarbeitern immer noch den Preis diktieren, d. h. wir hätten keine Tarifverträge!

Mit anderen Worten: Derjenige, der als Nachfrager/Einkäufer über das Geld verfügt, darf nie in die Lage versetzt werden, dem Anbieter den Preis zu diktieren. Die Anbieter sind die Hersteller, sie sind für die Qualität des Produktes verantwortlich und für dessen langfristige Sicherung der Produktion. Der Hersteller hat als Anbieter die Pflicht, sich mit den Kollegen derselben Branche über Mindestpreise zu verständigen. Das ist einfacher als man denkt, weil sie ja ihre Kalkulation kennen, die bei identischen Produkten und gleichen Einsatzstoffen praktisch immer identisch sind. Konkurrierende Hersteller desselben Produkts – und das gilt besonders für die Landwirtschaft – müssen deshalb in die Lage versetzt werden, sich gegen Preisdrückerei zu wehren. Das gilt im Grunde für alle ‘homogenen Massengüter’, wie es in der wirtschaftswissenschaftlichen Terminologie heißt. Zu Zeiten der EWG hat man dafür richtigerweise Milch und Zucker kontingentiert (Zuckermarktordnung). Im Zuge der Liberalisierung seit dem Jahr 2003 wurden Milch und Zuckerkontingentierungen schrittweise heruntergefahren, mit der Folge, dass reihenweise Zuckerfabriken und Bauernhöfe schlossen und schließen.

Ergo: Auch wenn die Regierung als Augenwischerei “faire Preise” fordert, solange Absprachen der Hersteller oder Festpreise verboten sind, geht das Sterben der Hersteller und die Konzentration im Handel weiter. Selbständige Unternehmer, bäuerlicher unternehmerischer Mittelstand sind die Opfer einer vergessenen, echten Sozialen Marktwirtschaft. Rückbesinnung tut Not!

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