Christian Böse – Kartellpolitik im Kaiserreich

von Florian Josef Hoffmann8.12.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Historiker Christian Böse hat sich um die deutsche Wirtschaftsgeschichte verdient gemacht. Er hat ein fundiertes und spezialisiertes Werk über das rheinische Kohlensyndikat zur Kaiserzeit, also von 1893 bis 1919, vorgelegt. Überraschenderweise wird darin offenbar, dass es der damaligen Kartellvereinigung um Effizienzsteigerung in der Distribution ging – und nicht etwa um Profitmaximierung.

In Zeiten der Gewinnmaximierung, des Kostendrucks und der Fusionierung ist dies ein erstaunliche Nachricht. Den Eigentümern, den Vorständen und auch den Ingenieuren in den Kohlegruben des Deutschen Reiches ging es nicht um die uferlose Vermehrung ihres Reichtums. Natürlich waren sie wohlhabend, einige waren sogar ausgesprochen vermögend – Bettelmönche waren sie also nicht. Erster und vornehmster Zweck ihrer damaligen Bemühungen war es aber, eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit kostengünstiger Kohle sicherzustellen.

Schade, dass es sich bei dem Werk um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt, in der sich die Quellen und Nachweise für Zitate und Erkenntnisse fast immer in den Fußnoten befinden und nicht im Text. Die Lebendigkeit leidet zwar, aber das ist die einzige Kritik, die bei der Beurteilung dieses umfangreichen und spannenden Werks angebracht ist und die das Werk hindert, zur Weltliteratur aufzusteigen. Bei der Lektüre wünscht man sich sehr, dass auch andere wichtige Kartelle der deutschen Wirtschaft – die heute noch allesamt als Branchenverbände agieren – auf diese Weise aufgearbeitet würden. Es würde sie in der politischen Realität entlasten, vor allem vom ewigen Verdacht der unlauteren Hinterzimmermauschelei befreien können. So viel Objektivität war in dieser Arbeit möglich, weil der Autor – anders als heute in den Wirtschaftswissenschaften üblich – das ideologisch belastete Kartellthema ohne Voreingenommenheit bearbeitet hat. Ihm, seinen Betreuern und den Gutachtern seiner umfangreichen Arbeit sei Dank.

Die geschichtlichen Ereignisse wiedergebend, bestätigt die Kapitelüberschrift „Kartellierungsbestrebungen als Krisenreaktion“ den berühmten, heute häufig aber eher abschätzig zitierten Satz Friedrich Kleinwächters, „Kartelle, Hilfe in der Noth“. Anhand regional und überregional erarbeiteter Beispiele wurde dann an unterschiedlichsten Ereignissen und Entwicklungen herausgearbeitet, dass es bei den Kartellabreden in erster Linie darum ging, die Kosten der für die Bevölkerung damals überlebensnotwendige, flächendeckende Distribution von Kohle zu reduzieren. Durch immer wieder neue, gemeinschaftlich erarbeitete Maßnahmen wurde im Rahmen des Kohlensyndikats die organisatorische Effizienz erhöht, was durch eine rein marktwirtschaftlich-freie Distribution, also durch ein Nebeneinander von Distributoren, offensichtlich nicht möglich war. An vielen großen und kleinen Beispielen ablesbar ist das Gezerre der Marktakteure an Transport- und Lieferbedingungen, um einerseits die Wohltaten der Syndizierung zu genießen, andererseits zurückzukehren zur kaufmännischen Handlungsfreiheit, um auf diese Weise den eigenen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern doch wieder zu erhöhen.

Durchgehend penible, sachliche Darstellungen des Werkes zeigen lebensnah das Auf und Ab in Abhängigkeit von den Bedingungen des eigenen Marktes, aber auch von den Bedingungen der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung der ebenfalls abhängigen Industrien in diesen dynamischen Zeiten, vor allem bei Eisen und Stahl. Die Liste der Zechen ist ebenso vollständig und beeindruckend wie die Liste der eingearbeiteten Tätigkeiten und Funktionen der Gesellschaften, der Akteure, der Gewerkschaften, Handelsgesellschaften, Kammern und Behörden und die 32 bestimmt mit großen Mühen zusammengetragenen, umfangreichen Zahlentabellen. Multipler Nutzen des Buches ist garantiert. Historiker Christian Böse hat sich um die deutsche Wirtschaftsgeschichte verdient gemacht, für die mit diesem Werk intendierte Erlangung des Doktorgrades ist ihm das „summa cum laude“ wohl sicher!

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