Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

Heimlicher Seitenwechsel des Bundeskartellamts

Einst waren sie die Stars des deutschen Einzelhandels, die Kaufhauskonzerne. Wo früher voller Stolz Karstadt und Kaufhof zentrale Standorte in deutschen Innenstädten dominierten, sind ihre geschlossenen Betonquader heute vielfach die Sorgenkinder der Gemeindeväter. Und nun genehmigt das Bundeskartellamt die Fusion von Kaufhof und Karstadt auflagenfrei. Warum gibt es keinen Aufschrei?

Da fusionieren zwei Handelsgiganten, das Kartellamt genehmigt geräuschlos und kein Pressekommentar nimmt davon Notiz. Noch heute stehen Sie sich an manchen Standorten wie feindliche Brüder gegenüber. Nicht mehr lange.

„Kaufhof bietet tausendfach – alles unter einem Dach!“ Die Älteren unter Ihnen werden sich an eingängige Slogans wie diesen erinnern. Mit der Verstädterung der Bevölkerung am Ende des 19. Jahrhunderts sprossen die Warenhäuser aus dem Boden, an ihrer Spitze ihre bekannten Stars Kaufhof und Karstadt, dahinter ein paar weniger beachtete, aber teils mit großem Hintergrund: Hertie, Woolworth, Kaufhalle und etliche Familienbetriebe mit einzelnen Warenhäusern in vielen deutschen Städten. Nur wenig ist davon geblieben.

Bezeichnend für die Entwicklung ist das Verschwinden von Hertie vom Straßenbild und seine Wiederauferstehung als Internet-Kaufhaus mit dem Werbetext: „Hertie ist Ihr Online-Kaufhaus mit über 1,2 Millionen Produkten in den Sortimenten Haushaltswaren, Spielzeug, Buch, Medien, Geschenkartikel, Technik, Heimtextilien, Garten & Hobby, Parfümerie.“ Das alles gab es früher im Warenhaus in den Innenstädten, an ihrer Spitze im KaDeWe in Berlin, das zu Karstadt gehört.

Noch vor drei Jahren war alles ganz anders. Sie erinnern sich sicherlich an den Nachrichtenhype, liebe Leser, an das Ringen um die Fusion von Kaiser’s und Tengelmann mit Edeka https://www.theeuropean.de/florian-josef-hoffmann/11465-das-ringen-um-kaisers-tengelmann. Als das Bundeskartellamt die Elefantenehe im Einzelhandel vor drei Jahren verbot, sodann Wirtschaftsminister Gabriel, immerhin oberster Chef dieser Behörde, mit einer Ministererlaubnis die Wogen glättete und danach Rewes streitbarer Chef Caparros mit Verve und ohne großen Erfolg per Oberlandesgericht dazwischen fuhr? Und diesmal? Vergleichbare Turbulenzen in den Medien? Fehlanzeige. Demnächst verschwindet einer beiden einst großen Namen, und das völlig sang- und klanglos.

Nichts ist mehr, wie es mal war

Hermann Tietz und Leonhard Tietz waren zur Kaiserzeit Pioniere des deutschen Einzelhandels. Aus dem Namen Hermann Tietz wurde „Hertie“, ein deutschlandweit präsenter Warenhauskonzern, während Leonhard Tietz auf die Verewigung seines Namens im Firmennamen verzichtete und seine Warenhäuser „Kaufhof“ nannte. Deren grüne Firmenzentrale wurde in Köln am Leonhard-Tietz-Platz gebaut. Ein Trostpflaster zumindest, was die „Verewigung“ seines Namens anlangt.

Die Nachkriegszeit war eine echte Kaufhof-Blütezeit. Die Konzernzentrale lag und liegt unweit des Kaufhofs an der Hohe Straße, einer engen Kölner Innenstadtgasse. Die Nähe zur Zentrale hatte Konsequenzen, denn die Kaufleute in der Zentrale begleiteten die wirtschaftliche Entwicklung hautnah. Als in Deutschland Ende der 50-er Jahre massenhaft die Motorisierung einsetzte, stand der Verkehr auch in der engen Hohe Straße häufig still, was die Stadtväter auf die Idee brachte, dort den Autoverkehr für ein längeres Stück zu verbieten. Die Hohe Straße wurde zur Fußgängerzone – und siehe da, mit erfreulichen Konsequenzen fürs Geschäft: In der Firmenzentrale gegenüber wunderte man sich über eine regelrechte Umsatzexplosion. Schnell fand man heraus, dass sich die „Frequenzen“ erhöht hatten und zwar gewaltig. Passierten früher im Schnitt stündlich 400 Fußgänger die Schaufenster, so war die Zahl von heute auf morgen auf 4.000 angestiegen. Das erklärte alles und war zugleich Ansporn, alle 150 Standorte bundesweit zumindest teilweise zu Fußgängerzonen umzufunktionieren. Die neue Einsicht wurde Programm.

Segensreiche Kooperation

Was dem Kaufhof politisch zupasse kam, war rein örtlich ein günstiger Umstand. Im Nachbarhaus der Zentrale am Leonhard-Tietz-Platz mit direktem Übergang zur Kaufhof-Firmenzentrale residierte der „Bundesverband der Großbetriebe des Einzelhandels“, also die Zentrale aller Warenhäuser und aller Warenhaus-Konzerne. Schnell sprach sich dort die neue kaufmännische Erkenntnis herum und der Verband ließ umfangreiche Studien und Broschüren erstellen, mit denen er im Sinne der Kaufhäuser für Fußgängerzonen warb. Zielgruppe der Studien waren Politiker der Bonner Parteien und der Deutsche Städtetag, und das mit großem Erfolg: Eine Welle von Fußgängerzonen überrollte ab Mitte der 60-er Jahre die Republik, auch deshalb, weil die neue Welle den Gegnern des Individualverkehrs entgegen kam, ja sich mit ihnen verbündete.

Die Ausbreitung der Fußgängerzonen konzentrierte sich auf Geschäftsstraßen, in denen sich die Fußgänger-Frequenz erhöhte und der Einzelhandel mit leicht Transportierbarem expandierte, während Möbelhandel, Autohandel, viele Dienstleistungen und mancher Großhandel verdrängt wurden: Die Vielfalt ging verloren. Aus den Umsatzanstiegen für sogenannte „schnell drehende Produkte“ wurden steigende Mieten, die zunehmend nur noch für Einzelhandelsketten bezahlbar waren. Das Patentrezept „Fußgängerzone“ bewirkte im Laufe der Jahrzehnte die Entwicklung unserer monokulturellen Innenstädte, die in ihrer Zusammensetzung und optisch oft kaum mehr unterscheidbar sind.

Der Vorteil wurde zum Pferdefuß

Aber es ist genau deren leicht transportierbares Produktangebot „Haushaltswaren, Spielzeug, Buch, Medien, Geschenkartikel, Technik, Heimtextilien, Parfümerie“ und allen voran Mode, das heute unter dem Umsatzschwund durch die dynamische Umsatz-Verlagerung ins Internet leidet. Siehe „Hertie“. Alle Versuche, die Innenstädte für Fußgänger noch „attraktiver“ zu machen, ohne den früheren Eingriff rückgängig zu machen, sind gescheitert. Der Laptop-Bildschirm ist halt doch noch bequemer zu erreichen, als die Innenstädte.

Umdenken ist angesagt und es fängt möglicherweise beim Bundeskartellamt an. War es eventuell der Umstand der Einsicht Unabwendbarkeit der Digitalisierung, der das Bundeskartellamt bewog, die Vereinigung von Kaufhof und Karstadt ohne Auflagen zu genehmigen? Oder gibt es eine neue Einsicht der Behörde in die wirtschaftliche Realität, genau so wie es sich auch an anderer Stelle zeigt: Neuerdings beklagt die Behörde, man höre, den Preis- und Rabattdruck auf die Möbelhersteller (!) durch den Handel, das bedeutete, die Behörde stellt sich in den vergangenen Monaten zunehmend auf die Seite der Hersteller und warnt den Handel vor zu hohem Preisdruck zu deren Lasten.

Man könnte meinen, das Bundeskartellamt habe sang- und klanglos die Seiten gewechselt, weg vom Verbraucher-Interesse hin zum Anbieter-Interesse. Das Lied vom Nutzen niedriger Preise für den Verbraucher wäre ausgesungen. Zu begrüßen wär’s.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Christian Böse – Kartellpolitik im Kaiserreich

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