Deutschland droht der ökonomische Selbstmord. Jacques Attali

Digitalisierung oder Gesangbuch?

„Digitalisierung“, der Wunderbegriff unserer Zeit, den wir in Ehrfurcht, Angst, Misstrauen, aber auch voller Hoffnung und Euphorie aussprechen. Wir erleben die Digitalisierung wie eine Säure, die konkrete Elemente, Texte, Bilder, Musik, in ihre Bestandteile zerlegt, sie mehr als verflüssigt – sie quasi verentgegenständlicht – und sie dadurch in eine neue Realität wandelt. Ist das ein Fortschritt?

Wilhelm Leibl, Drei Frauen in der Kirche, 1882

Zauberlehrlinge

Digitalisierung ist nicht etwas, was wir betreiben. Nein, die Digitalisierung ist vielmehr ein Wunderding, das uns treibt. Nur noch an die Kapazitäten von Rechnern und Leitungen gebunden, lassen sich die Elemente von Land zu Land und rund um die Erde jagen, lassen sie sich quasi grenzenlos multiplizieren. Rein technisch sicherlich ein Wunder. Für die Menschheit in gewisser Hinsicht ein Segen. Aber wirtschaftlich vielleicht doch eher ein Desaster?

Dass es sich technisch um ein Wunder handelt, bedarf keiner Diskussion angesichts von Milliarden Rechenoperationen binnen Millisekunden. Dass die Digitalisierung ein Segen für die Menschheit ist, ergibt sich einfach daraus, dass mit einem Mal das Wissen dieser Welt und das digitale Instrumentarium dafür der Menschheit – wenn auch nicht gleich allen Menschen sofort – schlagartig zur Verfügung stand beziehungsweise steht. Die weltweite Ausbreitungsgeschwindigkeit der Digitalisierung hat niemand vorausberechnet, viele ihrer Auswirkungen. so zum Beispiel die Flüchtlings- oder Migrationsbewegung, hat niemand vorhergesehen. Prinzipiell bedeutet die Multiplikation des Wissens und seiner Verteilinstrumente. also der Smartphones, für die Menschheit einen enormen Besitzgewinn. Und damit einen entsprechenden Wohlstandsgewinn.

Ein Kontinent in Bewegung

Die Aussicht auf diesen Wohlstandsgewinn, der scheinbar kostenlos zu jedem kommt, hat unter anderem einen ganzen Kontinent, Afrika, wirtschaftlich und körperlich, sozusagen, in Bewegung gesetzt. Ob allerdings der massenhafte mitgenerierte Elektroschrott und seine Gifte und deren Verbreitung und Verteilung auf menschenfeindlichen Deponien der reine Segen sind, darf bezweifelt werden. Schon hier hat die Medaille zwei Seiten, eine gute ökonomische und eine schlechte ökologische, aber es kommt noch eine dritte Seite dazu, wieder eine schlechte: die rein marktwirtschaftliche. Ei, warum ist diese Seite schlecht?

Was für den Einzelnen rein haus- oder betriebswirtschaftlich ein echter Zugewinn sein mag, ist rein marktwirtschaftlich ein Desaster, denn: Marktwirtschaft lebt von Knappheit. Die normalen wirtschaftlichen Güter sind knapp und haben einen Preis. Wir kennen es nicht anders, als dass wir für Lebensmittel Geld bezahlen, oder für die Straßenbahn, für einen Flug, für Schuhe, Hose, Mantel, Socken, für Baustoffe im Baumarkt, für Strom zuhause, etc. Gekauft wird auf Märkten. Niemand gibt dort sein Geld für etwas aus, was er woanders auch umsonst bekommen kann oder bekommen könnte, wie beispielsweise die Luft zum Atmen, das Wasser aus dem Bach, den Parkplatz auf der Dorfstraße oder die Wärme der Sonne. Wo man sein Geld ausgibt, also auf den Märkten, dort muss es eine Tauschrelation geben, einen Preis. Preise gibt es nur für knappe Güter.

Nichts und etwas

Google, Wikipedia, Youtube, Ebay, Amazon und Facebook sind kostenlos, sind kosten ihre Nutzer kein bares Geld. Das ist ihr Erfolgsrezept, von mir bereits beschrieben als Siegeszug des modernen Sozialismus. Die Vorgenannten, sie alle kennen keinen Preis, keine gleichgestellten Wettbewerber, also keine Märkte. Wikipedia, Youtube, Ebay, Amazon und Facebook sind im Sturmlauf Monopole geworden, sind Kinder der Digitalisierung, alle gerade mal 20 Jahre alt oder weniger. Ihr Angebot ist rein digital, ist in Digits aufgelöst, also in „0“ und „1“ oder „nichts“ und „etwas“. Wer glaubt, man solle oder könne diese Monopole mit Hilfe des Kartellrechts zerschlagen, der irrt. Man kann Google, Facebook, Wikipedia, Youtube nicht halbieren oder vierteln. Sie würden sofort wieder auf dem kleinen Bildschirm des Nutzers zusammengeführt. Außerdem setzt das Kartellrecht Märkte voraus, Märkte wiederum setzen Knappheit und Preise voraus und genau die gibt es hier nicht. Die Marktwirtschaft ist ausgeschaltet, jedenfalls nach vorne zum Nutzer hin.

Was viele, was wohl uns alle umtreibt, ist die Frage, wie geht es weiter? Wie sieht die Welt in 100 Jahren aus? Eine Frage, die sich kaum beantworten lässt. Man kann das schon daran erkennen, dass man kaum die Frage beantworten kann, wie die Welt heute aussieht. Mit Erstaunen beobachten wir Dinge, die heute unser Leben mitbestimmen, ohne dass wir je davon in der Schule gehört oder gelernt hätten, dass es so etwas geben könnte. Wenn wir sie überhaupt erkennen. Wir kennen die Erscheinungen nicht, die morgen aufpoppen werden. Eine Antwort könnte man dennoch bekommen, wenn man die Frage stellt.

Was ist für unser Leben unersetzlich?

Die Antwort auf diese Frage beginnt bei den Lebensmitteln, daher der Name. Speisen und Getränke sind unersetzlich. Dasselbe gilt für Kleidung, Wohnung, Transportmittel und viele Elemente der Infrastruktur, meist staatlich verwaltet, einschließlich Gesetzgebung, Justiz und Sicherheit. Alles unersetzlich. Materielles ist meist unersetzlich, wird nicht verdrängt werden. Das Problem beginnt bei den immateriellen Gütern, also bei Information, Wissen, Bildung und dem gesamten Finanzwesen, das rein auf finanziellen Ansprüchen aufgebaut ist. Finanzielle Ansprüche, also Forderungen, sind immateriell. Sie verschwinden so leicht, wie sie entstehen. Wer schon mal eine echte Bankpleite miterlebt hat, kann ein Lied davon singen.

Aber der größte Verlust droht wohl dort, wo wir uns selbst auslagern. Die Digitalisierung ist auch ein Angriff auf uns selbst. War Bildung in früheren Zeiten ein langjähriger Sammlungsakt für Wissen und Erkennen von Zusammenhängen, so trainieren wir heute nicht mehr unser Hirn, sondern wir sammeln Apps auf unserem Smartphone, auf die wir per Suchmaske Zugriff haben. Unser einst so gepflegtes häusliches Equipment, in früheren Zeiten der Stolz im Arbeitszimmer des Bildungsbürgertums, wird digitalisiert, unser dicker Brockhaus wird zu Wikipedia und wandert als App in unser Smartphone. Die vergilbte, schöne Weltkugel heißt „Google-Earth“, die der Größe nach aufgereihten, gelben Langenscheidt-Wörterbücher heißt „Google-translate“, in allen Sprachen verfügbar. Das Vergrößerungsglas, die Taschenlampe, der Kompass sind „tools“ geworden in unserem Smartphone. Unser Zuhause wird entleert und wandert in unsere Handtasche oder Hosentasche.

Was wird überdauern?

In unseren Kirchen liegen Gesangbücher aus. Keine Frage, WLAN wird sie ersetzen. Wie lange wird es noch dauern, bis in der Kirche jeder sein Handy zückt und die Nummer der Messe eingibt, die er gerade besucht, woraufhin auf dem Display das Lied erscheint, das gerade gesungen wird? Eine rein rhetorische Frage, denn die Antwort kennt jeder: Nicht mehr lange. Gedrucktes ist out. Alle erleben es, nicht nur die Veranstalter großer Industrie- oder Handelsmessen, die kaum mehr teure Kataloge verkaufen, statt dessen die „App“ zum „Event“ zum kostenlosen „download“ anbieten.

Da ist es schon wieder, das Wort „kostenlos“. Es verdrängt mit den Katalogen die Holzfäller, die Sägewerke, die Papierfabriken, die Buchdrucker, die Buchbinder, die Werber und noch ein paar mehr. Ökologisch gut? Auch das könnte fraglich sein, denn irgendwo muss der Strom für den digitalen Datenträger, für den Datentransport zum Smartphone und die Datenspeicherung ja herkommen. Das Gesangbuch, einmal auf gutes Papier gedruckt, braucht über 200, vielleicht 300 Jahre keine Energie mehr. Die Bibeln, die Johannes Gutenberg druckte, die Handschriften aus der Zeit der Karolinger, ja, die Schriftrollen von Qumran: all diese schriftlichen Quellen sind lesbar, also abrufbar, und sie werden auch in Jahrhunderten noch ihre Informationen bewahren. Beim Smartphone dagegen muss der Strom immer strömen. Tut er das? Wenn der Akku leer ist, sind alle Daten verloren. Auf einen Schlag. Werden wir also eines nicht allzu fernen Tages feststellen, dass unser Gesangbuch doch unersetzlich ist?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Heimlicher Seitenwechsel des Bundeskartellamts

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