Das Wort „alternativlos“ benutze ich nie. Denn es gibt immer Alternativen. Die Frage ist nur: Sind die besser? Jörg Asmussen

Das letzte Gefecht?

KI ist das Kürzel der Zeit, die Abkürzung für „künstliche Intelligenz“. Die Vorstufe dazu ist die Digitalisierung. Die Kartellbehörden setzen sich an mehreren Stellen damit auseinander, angefangen bei Facebook, Google und Co., aber auch auf weniger abgehobenen Märkten. Um dies alles zu verstehen, hilft ein Blick in die technologischen Historien.

Ein schönes Beispiel für eine Erfindung, die wirklich etwas bewegt, ist das Auto, also das Auto-Mobil, also das sich selbst bewegende Gefährt. Im Grunde handelt es sich um eine Kutsche, in die ein gewisser Carl Benz einen kleinen, knatternden Benzinmotor einbaute, und bei der er die Deichsel entfernte. Damit wurde das Vehikel vom Pferd oder Esel unabhängig. Zugtiere wurden nach und nach zu einer aussterbende Rasse – nicht so ihre Stärken, genannt Pferdestärken, die üblicherweise unter eleganten Motorhauben versteckt werden.

Neben der reinen „Stärke“ entwickelte das Automobil in den vergangenen Jahrzehnten weitere gute Eigenschaften. Seine größte Stärke: die innere, die passive Sicherheit. Während sich bis vor sechzig Jahren die Lenksäule beim Unfall noch ungespitzt in die Brust des Fahrers bohrte, haben die Techniker diese Gefahr heute komplett beseitigt. Im Gegenteil. Im Lenkrad befindet sich ein Prallsack, der den Fahrer im Falle eines Unfalls vor Unbill schützt. Die Lenksäule ist keine Säule mehr, sondern mehrfach unterbrochen und geknickt. Sie schiebt sich beim Unfall zusammen wie eine Harmonika. Und genau so umgebaut zur Knautschzone wurde der gesamte Vorderwagen. Aus dem „Prallsack“ wurde eine Vielzahl von „Airbags“. Die Liste der mechanischen Errungenschaften am Automobil lässt sich fortsetzen.

Das Auto wird elektrisch

Der Entwicklung der Mechanik folgte die Entwicklung der Elektrik. Ein Auto hat schon sehr lange eine „Lichtmaschine“ und eine Batterie, also Lieferanten von elektrischem Strom für das Licht. Wichtigster Abnehmer: Die Beleuchtung außen und innen, der Anlasser und Dutzende von Service-Motoren, einst bekannt unter dem Namen Servo-Bremse und Servo-Lenkung, heute versteckt und selbstverständlich bei der Sitzverstellung, beim Öffnen und Schließen der Türen und des Kofferraumes oder bei der zigfachen Regulierung von Heizung, Lüftung und Klimaanlage.

Der Elektrik auf dem Fuße folgte die Elektronik. Die Entwicklung des sogenannten „Tachometers“, also der optischen Anzeige der Geschwindigkeit mittels Nadel, demonstriert die ganze Entwicklung von der Mechanik über die Elektrik zur dritten Stufe, zur Elektronik. Frühere Tachonadeln hingen zitternd an einer Tachowelle. Die ihr folgende Elektrik ließ elegant gedämpfte Kreisbewegungen der Tachonadel zu, heutige Displays mit Multifunktionsanzeige spiegeln Mechanik nur noch vor. Hinter den Displays (Mehrzahl!) ist das Auto im Inneren und Äußeren vernetzt. Anschluss an das Internet und Anschluss an den Hersteller eingeschlossen.

Die Elektrik verselbständigt sich

Die digitalen Elektroniker weben ein immer dichter werdendes Spinnennetz, interne Rechneroperationen werden externalisiert. Sowohl die Empfangsdaten wie auch die gesendeten Daten schwirren zu Milliarden über zig WLAN- und digitale Telefonnetzverbindungen um ein jedes Auto herum. Es ist eine Frage der Zeit, bis jedes Fahrzeug mit jedem anderen in seiner Umgebung Daten austauscht, bis es keine Verkehrsunfälle mit anderen Verkehrsteilnehmern mehr gibt. Im Flugverkehr ist es heute schon so – wohl hauptsächlich deshalb, weil der Abstand zwischen den Fluggeräten mehrere Kilometer beträgt.Am Ende sind nur unbewegliche Hindernisse, also Bäume oder Mauern, etc., noch eine Gefahr, weil sie nicht ausweichen können. Auch dieser Gefahr wird man schon bald mit Radar und Rechen- und Steueroperationen in Millisekunden, Satelliten-gestützt, Herr werden. Das Auto wird sozusagen von einem digitalen Spinnennetz umwoben, am Ende quasi von einem digitalen Polster umgeben.

Mehr noch als das Automobil sind Smartphone und Laptop unsere täglichen Begleiter. Auch sie sind in mehr als einhundertfünfzig Jahren den Weg von der Mechanik über die Elektrik zur Elektronik gegangen, von der klapprigen Schreibmaschine über die Elektrische zum Laptop, genau so wie vom analogen Telefon aus Bakelit über das analoge Handy zum digitalen Smartphone. Telefonsysteme sind schon seit Jahrzehnten weltumspannend, Satelliten-gestützt. Ihr Übertragungsmedium in die Ferne ist reine Energie in magnetischer Wellenbewegung.

Kartellbruder Computer

Die unsichtbaren, unerklärlichen Wellen sind omnipräsent. Dutzende von Menschen können an einer Stelle stehen und gleichzeitig miteinander oder mit der ganzen Welt telefonieren, ohne dass man ein einziges Übertragungskabel sähe. Nur der Akku muss geladen sein. Digitale Impulse schwirren durch die „Luft“, Energie in kleinsten Mengen verbreitet sich in Lichtgeschwindigkeit. Verbindungszentralen für den Transport und die Lagerung der gigantischen Datenmengen sind Computerzentren, die über ebenso gigantische Kapazitäten verfügen. Ihre Rechengeschwindigkeiten übersteigen das für Menschen Vorstellbare, das Begreifliche. Die Lernfähigkeit der Systeme nähert sich Schritt für Schritt dem menschlicher Gehirne.

Das ist die digitale Realität im Bereich der Technik. Jetzt gedanklich der Schwenk zur wirtschaftspolitischen Realität: „Kartellbruder Computer“, so lautete eine Handelsblatt-Überschrift vom 4. Juli 2018, „Wettbewerbshüter warnen vor illegalen Preisabsprachen mithilfe künstlicher Intelligenz“. Aufgeschreckt worden waren Bundesministerium und Bundeskartellamt durch eine Bemerkung des Lufthansa-Vorstandes Carsten Spohr, als nach der Pleite von AirBerlin die Ticketpreise bei der Lufthansa in die Höhe schnellten. Algorithmen seien schuld daran, sie reagierten eben auf die gestiegene Nachfrage. Der Präsident der Monopolkommission, Achim Wambach, empfiehlt auf derselben Seite eine verstärkte Beobachtung der Preisentwicklungen, um Absprachen zu erkennen. Einen Blick in die Programmierung hält er für nicht machbar bzw. für zu komplex. Er sieht nur die Möglichkeit, Programmierdienstleister zur Rechenschaft zu ziehen. Wie soll das gehen? Mit einer Cyber-Justiz vielleicht?

Wehe, wenn das Kartellamt kommt!

Und, was hier erhöhte Preise mit irgend welchen Absprachen zu tun haben sollen, ist auch nicht zu erkennen. Die Lufthansa reagierte mit den Preiserhöhungen marktgerecht, denn die höheren Preise dämpften die Nachfrage herunter auf die vorhandenen Sitzplatz- und Flugkapazitäten. Nur so konnte das Unternehmen dem Ansturm auf die Schnelle gerecht werden. In der Tat ist nichts geschehen, was man dem Unternehmen vorwerfen könnte. Hinter den ad-hoc-Preisreaktionen der Lufthansa steckten also keine Absprachen, sondern nur ganz normale digitale Intelligenz, also das „digitale Polster“ des Unternehmens – als solches noch weit entfernt von KI, von künstlicher Intelligenz. Zwar meinte der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, die Algorithmen seien „nicht vom lieben Gott geschrieben“, das Amt musste aber dennoch nach Abschluss der Untersuchungen alle Vorwürfe zurücknehmen und das Verfahren einstellen. Mal sehen, wie das Kartellamt und seine Leitung reagieren, wenn sie mit KI zu tun bekommen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Macht endlich das Kartellamt dicht!

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