Wir haben's toll gemacht. Angela Merkel

Mr. Trump, Freeze Please!

Niemand kann eine Eskalation oder einen Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China wollen oder gutheißen. Die chinesische Warnung vor einem „Domino-Effekt“ sollte ernst genommen werden, umgekehrt muss China die wirtschaftlichen Interessen der USA erkennen und auch anerkennen.

„Kontingente statt Zölle!“ war mein Vorschlag vor einigen Wochen. Das entsprach dann wohl auch den Vorstellungen des US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer, als er eine Woche nach Erscheinens der Kolumne ein Exportlimit forderte, damit auf Zölle zu verzichtet werden könne. Interessant war, wie das Exportlimit gestaltet werden sollte, nämlich so, dass die Exporte auf der Höhe der Mengen des Jahres 2017 eingefroren werden sollten. Eine solche Mengenbeschränkung ist ein „Freeze“, ein Einfrieren auf aktuellem Niveau. Die Idee ist gut.

Das „Einfrieren“ ist im wirtschaftlichen Alltag von Konzernen eine allgemein geübte Praxis bei Vorgängen, die einerseits kontinuierlich in Bewegung sind, andererseits nach unbedingter Stabilität verlangen. So verordnen die Unternehmensleitungen von Herstellern hochkomplexer Produkte, zum Beispiel bei der Neuentwicklung eines Automodells oder eines Mobilfunkgeräts, regelmäßig einen „Freeze“ zu einem bestehenden Entwicklungsstand, ab dem das zu verkaufende Produkt nicht mehr verändert werden darf – es sei denn, es besteht eine unbedingte Notwendigkeit, zum Beispiel aus Sicherheitsgründen. Ab dann richten sich Produktion, Werbung und Vertrieb auf diesen Entwicklungsstand ein, obwohl das Produkt oder weitere Produkte des Herstellers selbstverständlich weiterentwickelt werden. In Entwicklungsabteilungen gibt es keinen Stillstand, darf es keinen Stillstand geben, aber Produktion und Vertrieb brauchen das Einfrieren, weil sonst keine Planung für größere Produktionsmengen oder für Werbekampagnen und -prospekte etc. möglich wäre. Ein „Freeze“ ist für viele Wirtschaftsbetriebe ein Alltäglichkeit, nicht nur was die Produktgestaltung anlangt, auch im Bereich der Mengensteuerung, weil die Veränderung von Kapazitäten meist in Sprüngen erfolgt, beispielsweise durch den Bau oder die Stilllegung einer Fabrik.

Natürlich ist es schön, wenn man Unternehmen durch ordentliche Wachstumsraten vergrößern kann, aber unbedingt notwendig ist es dann nicht, wenn die vorhandenen Kapazitäten ordentlich ausgelastet sind. Kein Bauer muss unbedingt seinen Hof durch neue Ackerflächen oder größere Ställe erweitern. Dasselbe gilt andere Lebensmittel des täglichen Bedarfs: Kein Weinbauer oder Brauer oder Schlachtbetrieb ist auf Wachstumsraten angewiesen, wenn der regelmäßige Umsatz mehr als nur kostendeckend ist. Dasselbe gilt für Holzbetriebe, Energiebetriebe oder Stahlhersteller. Sie alle können mit einem Freeze ihrer Mengen leben, wenn er nicht mit einem Preisverfall verbunden ist. Typisches, höchst aktuelles Gegenbeispiel ist der Markt für Containertransporte, dessen Opfer die Reederei von Dr. Oetker wurde. Die Containerschiffe werden immer gigantischer, weil die Frachtraten kontinuierlich sinken. Dementsprechend werden die kleineren Schiffe in Mengen verschrottet und mit ihnen scheiden die kleineren Reeder aus. Regulierung täte Not, ist aber volkswirtschaftlich verpönt. Ohne sachlichen Grund.

Betriebswirtschaft und wirtschaftliches Denken sind eins und das ist genau das, was die US-amerikanische Interessenpolitik Donald Trumps bestimmt. Das Problem ist nur, dass das betriebswirtschaftliche Denken mit dem in der Politik vorherrschenden volkswirtschaftlichen Denken synchronisiert werden muss. Und das gelingt nicht so recht, denn gerade die Volkswirte der EU verabscheuen lauthals Mengensteuerung und Limits und sehen durch sie den Wohlstand gefährdet, obwohl auch die EU mit zwei Zungen spricht: Einerseits fordert sie Freihandel, andererseits hat sie schon immer Zölle für mehr als 40 Importprodukte verhängt, unter anderem zehn Prozent Zoll für US-amerikanische Autos. Aber das Problem ist ja nicht mehr die EU, nachdem unser neuer Bundeswirtschaftsminister Altmaier, in diplomatischer Blitzmission nach Washington gereist, auch sehr schnell eine Einigung herbeigeführt hat. Letztere war wahrscheinlich im Hintergrund doch mit Konzessionen verknüpft, aber die Volkswirte haben nach außen gesiegt, denn in den Verlautbarungen wurde die „Freiheit des Handels“ erhalten.

Das Problem heißt China. Die chinesischen Produkte sind ob ihrer niedrigen Preise für den Kaufmann Trump ein betriebswirtschaftliches Problem. Für die Chinesen wäre es allerdings ein Problem, wenn der US-amerikanische Markt schlagartig in großem Umfang ausfiele. Betriebswirtschaftlich könnte man davon ausgehen, dass auch die chinesischen Hersteller mit einem Einfrieren der bestehenden Exportmengen zurecht kämen. Der Handel bliebe bestehen, sodass erst einmal in China keine betrieblichen Probleme entstünden. Auf einem „Freeze“ aufbauend – wenn auch China sich darauf einließe –, könnten nach einer solchen Interim-Einigung zwischen den USA und China für alle Export- und Importprodukte ausgeglichene, mittelfristige Perspektiven aufgebaut und abgestimmt werden. Das käme der chinesischen Planwirtschaft entgegen und der US-amerikanischen Betriebswirtschaft auch. Deshalb, Mr. Trump, freeze please!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Das letzte Gefecht?

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