Pudding und Pizza statt Schweinezyklus

Florian Josef Hoffmann4.12.2016Wirtschaft

Wenn sich das überaus bekannte und geschätzte Familienunternehmen „Dr. Oetker“ entschließt, die Hälfte seines Firmenumsatzes zu verkaufen, in fremde Hände zu geben – mit allen Konsequenzen vom Imageverlust über das Zerreißen jahrzehntelang gewachsener Bande bis zur Neubewertung von Vermögensfragen der persönlich haftenden Familienmitglieder – dann hat er wieder zugeschlagen, der Schweinezyklus.

Nicht allen wird der Schweinezyklus bekannt sein, deshalb sei er hier kurz erläutert. Das Vorprodukt, die kleinen Ferkelchen, sind ein gängiges landwirtschaftliches Produkt. Wenn man sie mit allerlei Wertlosem und Wertvollem füttert, werden sie zu großen Schweinen und liefern Schweinefleisch, unser geliebtes Schweinefleisch. Weil wir es so lieben, erzeugen wir beim Metzger Nachfrage, der den Bauern die Schweine abnimmt und sie schlachtet. Da immer ein jeder, egal ob Verbraucher oder Großabnehmer, nur so viel zahlt wie er muss, unterliegen die Schweinepreise dem Gebot der Knappheit.

Und so geht der Zyklus: Tauchen auf dem Schweinemarkt viele Bauern mit vielen Schweinen auf, verteilt sich die Nachfrage und das Geld auf viele Anbieter und der Preis sinkt. Er sinkt irgendwann so weit, dass es sich für manch einen Bauern die Ferkel- und Schweineproduktion nicht mehr lohnt und er beschließt, auf seinem Land etwas anderes zu produzieren, Kälber zum Beispiel. Da der Einkommensverfall gleichzeitig viele Bauern trifft, beschließen auch viele die Aufgabe des Geschäfts, und zwar synchron – mit der Folge, dass im Jahresverlauf das Angebot sinkt und die Preise wieder steigen.

Die Neider kommen immer schnell

Knappheit und nicht mehr Überfluss regiert dann den Schweinemarkt, die Preise schießen in die Höhe. Die Schweinebauern sind haben fröhliche Gesichter, das bleibt den Nachbarbauern am abendlichen Stammtisch nicht verborgen, die sind schlau und fangen an, wieder Ferkelchen zu produzieren. Mit ihren Schweinen treffen sie anfangs auf einen Markt hoher Preise, angelockt von den hohen Preisen, kommen immer mehr dazu und das Spiel beginnt von vorne.

Man kann also sagen: Das Verhalten der Teilnehmer, die „Geschäftsaufgabe“ und der Neueinstieg, bestimmen die Preise, oder genauer: Das ungesteuerte Verhalten vieler Bauern bestimmt die Marktverhältnisse. Jeder entscheidet für sich. Die Folge sind tendentiell zu hohe Preise in Zeiten der Knappheit und zu niedrige in Zeiten des Überflusses. In beiden Fällen führt es zu Fehlinvestitionen, zu hohen Kapazitäten, die dann in Zeiten des Abbaus zu Verlusten werden.

Bekannt ist uns das Phänomen vom Ölmarkt, vom Stahl, von der Milch, vom Kaffee und von den Flächen des Einzelhandels. Unbekannt beziehungsweise nur wenig bekannt ist es und vom Holzmarkt, vom Markt für EDV-Fachleute oder Chemiker, vom Strommarkt und vom Telefonmarkt. Auch auf dem Obstmarkt kann man es ebenso beobachten wie auf vielen anderen Märkten, auf denen es um homogene Massengüter geht, also um Produkte, die nicht oder kaum individualisierbar sind.

Steuerung der Märkte würde allen helfen

Die eigentlich erforderliche, mit kaufmännischer Vernunft ausgestattete, übergeordnete Steuerung der Kapazitäten ist verpönt, obwohl es genügend Beispiele gibt, die belegen, dass eine solche Steuerung zum Wohle aller wirkt. So hatten die Milchbauern ein Vierteljahrhundert einen Markt, der von der EU durch Milchquoten gesteuert war. Als die Quoten beseitigt wurden, verloren viele ihre Existenz, deren Ursachen am Markt leicht erkennbar waren: Die Verbraucher konnten bei bei Aldi, Lidl und Co die Milch zu Preisen einkaufen, die niedriger waren als die Wasserpreise. Nachdem viele Milchbauern aufgegeben hatten, ausgeschieden waren, ihre Existenz verloren hatten, wirkte der Schweinezyklus. Die Preise stiegen und wurden in den letzten Monaten wieder auskömmlich. In Gesprächen mit größeren Milchbauern erfährt man nun ganz aktuell von Expansionsplänen. Der Schweinezyklus feiert fröhliche Urständ …

Nun ist Oetker beileibe kein kleiner Milchbauer. Aber die Gesetze der Knappheit und des Überflusses, hier: Transportkapazitäten bei Schiffen, treffen auch diese wohlhabende Firma. Ihre intelligente Entscheidung ist die Verabschiedung vom Markt der Transportkapazitäten auf den Weltmeeren und deren Verkauf an den dänischen Weltmarktführer Maersk. Für beide macht es Sinn. Für Oetker, weil sie die Verluste, Substanzverluste, los werden und für den Weltmarktführer Maersk auf dem Weg zum Monopol, zum Weltmonopol, weil er am Ende dann selbst das Angebot an Transportkapazität so steuern kann, dass auf den Märkten kontinuierlich auskömmliche Preise bezahlt werden. Auf das Kontinuum kommt es an, denn dann haben alle eine Chance zu überleben. Und das muss eben nicht ein Monopol sein, sondern eine Teilhabe aller Wettbewerber.

Alle kennen die Kosten aller

Dabei ist es so einfach – und mit den heutigen Kommunikationsmitteln noch einfacher -, eine Teilhabe vieler an den Märkten und den Erfolgen zu organisieren: Marktteilnehmer, also die Teilnehmer eines Marktes, die um dieselben Kunden werben, kennen sich normalerweise alle. Alle kennen die Kosten des anderen, den Materialeinsatz, den Personaleinsatz, den Einsatz von Maschinen. Ergo können sie sich leicht auf Mindestpreise einigen oder auf Produktionsmengen. Das macht die Schwächeren stärker und die Stärkeren schwächer. Solche Einigungen sind das Ende der Gnadenlosigkeit, mit der sonst Preiskämpfe ausgefochten werden, Kosten gedrückt werden, also auch die Löhne zu Lasten der Mitarbeiter. Auf Weltmärkten kann man sich eben auch über die ganze Welt einigen, so wie die OPEC. Wichtig ist nur, dass die Vereinbarungen nicht heimlich geschehen, sondern veröffentlicht werden, also unter der Kontrolle der Öffentlichkeit stehen, so wie Tarifverträge. Nur geheime Absprachen sollten verboten sein.

Schuld am generellen Verbot sind nicht Oetker und nicht Maersk, sind nicht praktische Kaufleute, sondern Theoretiker, unsere liberalen Ökonomen und solche Politiker, die diesen folgen, schuld sind Leute, die meinen, dass es keine Preisabsprachen und generell keine Marktabsprachen geben darf, weil auf allen Märkten nur „anonyme“ Preisbildung erlaubt sein dürfe. Diese Monopolisierung, also ein Mangel an Absprachen, die Durchsetzung der anonymen Preisbildung, ist eine Idee, die zwangsläufig eine Monopolisierung im realen Warenangebot zur Folge hat. Wie dumm für die Theoretiker, dass sich die Märkte immer und überall eine Gegenreaktion einfallen lassen – und damit auch noch Erfolg haben.

Der Schweinezyklus kommt: ganz sicher

Diese Idee der „anonymen“ Preisbildung hat berühmte Väter, unter anderem Adam Smith, Ludwig von Mises und Walter Eucken. Deren Ideal des „vollkommenen Wettbewerbs“ und der „natürlichen Preisbildung“ soll nach deren Auffassung den Wettbewerb erhalten. Um diese Idealwelt des Wettbewerbs durchzusetzen, haben die Gesetzgeber der meisten Länder der Erde mittlerweile fast überall ein gesetzliches Kartellverbot installiert, das den Kartellbehörden erlaubt, Milliardenbußen zu verhängen. Nur leider haben die großen Protagonisten und ihre Follower verkannt, dass hinter den Märkten immer Menschen und Unternehmen stehen, die die Märkte durch ihr Verhalten steuern, nämlich durch Gegenreaktionen – ablesbar am Schweinezyklus, mit Tendenz zur Monopolisierung, weil sich nur dann wieder die kaufmännische Vernunft mit vernünftigen Preisen durchsetzen lässt. Was bedeutet: Das gesetzliche Verbot von Absprachen ist die gesetzliche Verankerung einer Ideologie mit allen ihren bösen Folgen. Die sich daraus ergebende, gesetzlich verordnete Unvernunft der Preise auf dem Weltmarkt der Schiffstransportkapazitäten hatte Oetker jetzt satt. Man bleibt beim Backpulver. Da hat Dr. Oetker eh schon ein Monopol. Jedenfalls so gut wie. Schweinezyklus adé!

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