Im Interesse des Verbrauchers vernichtet

Florian Josef Hoffmann25.10.2016Europa, Gesellschaft & Kultur

Die Aufhebung der Preisbindung für Medikamente ist ein böses Menetekel für die Werte, die hierzulande über Generationen Kultur und Wohlstand gedeihen ließen. Deutschland interessiert nicht, deutsche Interessen sind egal, unsere präsentable Apothekenlandschaft – wertlos. Das einzige, was interessiert, ist der Europäische Binnenmarkt und eventuell noch das Interesse des Verbrauchers.

„Der Europäische Gerichtshof ist kein Gericht“, sagt der Bonner Staatsrechtsgelehrte Josef Isensee, „die entscheiden immer nur: Was ist gut für Europa?!“ Die neueste Entscheidung des EuGH, die die Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel im Versandhandel aufhebt, soweit die Händler jenseits der Landesgrenze ihren Sitz haben, ist so ein Fall. Wer durch ländliche Gebiete wie etwa Ostwestfalen reist, wird in jeder kleinen Stadt eine Apotheke finden, die eine mehrhundertjährige Tradition aufweist – ungebrochen. Das Bild zeigt die Brandes’sche Apotheke in Bad Salzuflen, und von Detmold über Coburg bis Meersburg finden sich solche lebendigen Denkmäler. Eigentlich wäre das ein Fall für die UNESCO: Menschheitserbe im Dienst der Gesundheit.

All dies soll nun nichts mehr wert sein. Wohin Deutschland mit dem „Interesse des Verbrauchers“ gekommen ist, zeigt die Aldisierung der Landschaft für Güter des täglichen Bedarfs. Wir haben die niedrigsten Lebensmittelpreise, eine Vereinheitlichung von Äpfeln, Bananen und Zitronen und haben eine abgeflachte Fleischqualität, weil alles fast noch aus der Fabrik kommt und nicht mehr vom Metzger, sprich: Niemand weiß, wo das Zeug her kommt – und also müssen neue EU-Vorschriften über die Kennzeichnung mit Ursprungsangaben her. Arbeit für die Brüsseler Lobby. Sonst nichts. Besserung ist nur Marktnischen in Sicht, und die sind teuer.

Die Entwicklung im Lebensmittelhandel ist fatal. Denn nichts ersetzt die verlorengegangene Lebensmittelqualität, ersetzt das „Schwätzchen“ im Geschäft, die Beratung durch die qualifizierte Verkäuferin, die wertvolle – geschenkte – Anregung für gute praktische Handhabung, die geschenkte Lieferung leckerer Kochrezepte oder anderer Einkaufsquellen für gute Produkte. Alles passé.

Apotheken als Hort von Qualität und Kultur

Ganz anders in unseren Apotheken, wo der Einkauf noch oft zum wohltuenden Ereignis wird, weil man freundlich bedient und gut beraten wird. Der Preisbindung sei Dank, weil sie den Apotheken die Margen liefert, die gute Beratung eben kostet. Aber der Verlust der Qualität bei den Apotheken durch das anstehende Rabattfeuerwerk – ausgelöst durch den EuGH – ist erst der Anfang. Amazon hat doch darauf gewartet, hat doch schon vor Jahren (vergeblich) versucht, die deutsche Buchpreisbindung zu kippen. Nach diesem Urteil des EuGH wird dort in den Vorstandsetagen nur noch laut gelacht, sie klopfen sich auf die Schenkel, weil sie diesmal gar nichts dafür tun mussten, dass ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen.

Der Schock musste in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse schon unterschwellig zu spüren gewesen sein, denn die Unterstützung aus der Bürokratie kam sofort: Der frisch gebackene Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, hängte sich an das Urteil des EuGH zu den Arzneimitteln dran und posaunte die Forderung nach Abschaffung der Buchpreisbindung heraus – auch wenn der Bundesjustizminister Heiko Maas sofort widersprach und die Fahne der Kultur hoch hielt. Warum eigentlich nicht der zuständige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel? Ist ihm die Kultur nicht so wichtig? Oder wollte er seiner eigentlichen Unterabteilung nicht widersprechen?

Als nächstes kommt die Kultur dran

Dabei geht ihn das Thema wirklich an. Unsere Buchhändler können bald alle zuhause bleiben, wenn Amazon sie vom (nahen) Ausland aus preislich unterbieten kann und sie ihren Laden schließen müssen. Sie haben es jetzt schon schwer genug mit dem digitalen Wettbewerb, danach wird es ein Mühlstein, der alle unter Wasser zieht. Und dann beginnt das große Sterben der Buchverlage, dann galoppiert die Monopolisierung, dann überschlagen sich die Fusionsanträge beim Bundeskartellamt. Wer den Wettbewerb so verschärft, fördert die Monopolisierung – und die geistige Verarmung.

Denn wenn der Bann gegen die Buchpreisbindung einmal gebrochen ist, ist als nächstes die Zeitungslandschaft dran. Dann wird aus dem aktuellen, kleinen Zeitungssterben und dem Abbröckeln des guten Journalismus ein Tsunami, wie ihn die ausgedünnte amerikanische Zeitungslandschaft seit Jahren hinter sich hat, wo es kaum noch regionale Zeitungen gibt. Auch bei uns sind sie in manchen Regionen schon dünn gesät, weil das Internet einen Kostenvorteil hat und einen unschlagbaren Geschwindigkeitsvorsprung liefert. In manchen Regionen?

Spazieren Sie doch mal durch unser großes Vorbild, besuchen Sie doch mal New York und suchen Sie einen Buchladen. Sie finden keinen. Deshalb: Buch einfach bei Amazon in der U-Bahn bestellen und dann im Aufzug lesen. Bald finden Sie Bücher wie Youtube-Videos: im Überfluss, kostenlos und funny, immer wieder funny. Das abstoßende Ergebnis des Qualitätsverfalls in der allgemeinen Bildung kann man in der amerikanischen Politik schon heute bewundern: Am primitiven Duell Hillary Clinton gegen Donald Trump.

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