End of Hype

Florian Josef Hoffmann20.08.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Welcher Hype ist denn da zu Ende? – Sie werden sich das angesichts der Überschrift sicher fragen. Es ist der Hype der Existenzgründer und der Start-Ups, es ist der Hype der ökonomischen Hoffnungsträger. Es ist der Hype der Illusionen in den Köpfen unserer Politiker, die immerfort riefen: „Wir brauchen mehr Existenzgründer!“ Amerika ist uns ja immer ein paar Jahre voraus. So auch hier.

Die Start-Up-Welt ist in Not. In den USA ist es schon mehr als deutlich, auch hierzulande wird es jetzt klar: Nichts geht mehr. Der Hyphe ist vorbei. Die Silicon-Valley-Korrespondentin des Handelsblatts, Britta Weddeling, bringt es am am 18. August mit Ihrer kleinen Kolumne unter dem Titel „Mal ganz ehrlich“ auf den Punkt: „Die Stimmung an der Sand Hill Road in Menlo Park, wo Top-Geldgeber in Büros mit mediterranem Flair täglich über Wohl und Wehe der Gründergeneration richten, ist fatal. An der teuersten Straße der Welt geht in Wahrheit die Angst um.“

Wachsende Probleme junger Talente, überhaupt Geld für ihre Visionen aufzutreiben, drückten die Stimmung, so Weddeling weiter: „Die enorm hohen Bewertungen der Einhörner, wie Start-ups mit Bewertungen jenseits der Milliarde genannt werden, stehen in der Kritik. Kein Wunder. Klar ist doch, dass von den derzeit 150 Fabel-Firmen nur ein Bruchteil überleben wird. Stattdessen erschütterten Skandale das Urvertrauen in die Erfolgsmaschine Silicon Valley. Shootingstar Theranos gab zu, dass sein wundersames Produkt überhaupt nicht existiert. Personalsoftware-Anbieter Zenefits feuert nach Missmanagement Hunderte Mitarbeiter inklusive Chef. Ob die kriselnde Speicherfirma Dropbox den offenbar für 2017 geplanten Börsengang überhaupt noch erlebt?“ Und von Tesla, wo mit crashenden Autos, die selbst fahren sollen, das aber eigentlich gar nicht können, täglich Dollar-Millionen verbrannt werden – von Tesla wollen wir hier gar nicht erst anfangen.

Jeder Hype ging irgendwann vorbei

Hoppla, weshalb ist der Hype denn vorbei? – Das werden Sie jetzt fragen. Die Antwort ist geradezu banal: Weil jeder Hype vorbeigeht. Das war schon immer so. Es gab einen Eisenbahn-Hype, bis Dunlop den Gummireifen erfand. Es gab einen Hype von Schnellfeuerwaffen, die einst kriegsentscheidend waren. Es gab einen Stahlbeton-Beton-Hype, der uns für siebzig Jahre stabile Brücken beschert hat, es gab einen Derivate-Hype, der mit einer Finanzkrise endete. Zur Zeit haben wir einen Drohnen-Hype und einen Pokemon-Go-Hype. Die Liste lässt sich fortsetzen. Die Liste wird sich fortsetzen.

Und wenn der Hype schon vorbei ist, wo ist dann die Lösung? Sie werden dies als nächstes fragen. Nun, die Lösung ist dort, wo sie schon immer gefunden wurde. Sie ist dort, wo sich Menschen in Gemeinschaften zusammentun, sich Regeln geben und damit die Grundlagen ihres Lebens sichern, für die Erzeugung von Lebensmittel beim Bauern, für ihre Verarbeitung im Handwerk und in der mittelständischer Industrie, für den Bau unserer Wohnungen und Büros, unserer Möbel, unserer Autos, Geräte, Flugzeuge und Maschinen, für die Dienste in den Freien Berufen und den Austausch von Leistungen über die Märkte – Letzteres eine besondere Art gemeinschaftlicher Einrichtung.

Und was ist das besondere an Märkten? – Das werden Sie nun fragen. Märkte sind Organisationsmittel, die in der Lage sind jeden mit jedem zu verbinden. Märkte sind dort nicht erforderlich, wo man etwas selbst machen kann. Dann brauche ich mich mit niemandem mehr zu verbinden. Alle im vorigen Absatz genannten Leistungen leiden heute darunter, dass die Leute – der Technologie sei Dank – immer mehr selbst machen können. Kaum jemand braucht heute mehr eine Sekretärin, Telefon-Häuschen sind überflüssig, Bauhaus und OBI ersetzen die einfachen Handwerksleistungen. Der Konsument ist nicht nur der Wettbewerber des Handwerks, er ersetzt die Eisenbahn, indem er Auto fährt, den Gastwirt, indem er Tiefgekühltes auftaut, den Einzelhändler, indem er über das Internet direkt beim Hersteller ordert.

Der Fortschritt frisst seine Kinder

Was hat das alles mit Weddelings „Mal ganz ehrlich“ zu tun? Etwas irritiert vielleicht werden Sie das fragen. Es hat damit zu tun, dass man ehrlicherweise sagen muss, dass High-Tech – also Technologie, die mit wenig Materialverbrauch verbunden ist – sehr schnell das erreicht, was das Aus jeder Marktwirtschaft ist: Das Ende der Knappheit. Technologie wird für die ganze Welt immer nur einmal erfunden und ist dann unendlich oft vermehrbar – nur limitiert durch die Materialknappheit. Mit High-Tech macht jeder am liebsten alles selbst, das heißt, er verabschiedet sich von den Anbietern auf den Märkten. Der Kontakt zu vielen Marktteilnehmern wird überflüssig und damit die Marktteilnehmer selbst. High-Tech macht sie arbeitslos. Zählen sie die Apps auf Ihrem Handy, dann wissen Sie, was ich meine. Die Presselandschaft kann ein Lied davon singen, aber auch die High-Tech-Branche, die sich in der Spitze reduziert auf Google, Facebook, Apple/Samsung und Co. Alle anderen sind nur technologische Zulieferer und werden von den Großen schnell geschluckt. Betrifft das bald auch die Automobilhersteller? Das steht zu erwarten.

Und jetzt, was sollen wir tun? – Jetzt doch etwas ratlos geworden werden Sie das fragen. Konzentrieren wir uns auf Produkte, die wir zum Leben brauchen, die aber eben nichts mit High-Tech zu tun haben, sondern mit Qualität. Wenn wir auf den Märkten die Knappheit so regulieren, dass diejenigen, die die Arbeit machen, ordentlich dafür bezahlt werden und nicht ruinöser Preiswettbewerb die Produkte und die Produzenten kaputt macht, dann hat die Soziale Marktwirtschaft eine gesunde Zukunft. Dann haben wir exportfähige Produkte zu kostendeckenden Preisen. Dann pflegen wir die attraktivste Marke der Welt: „Made in Germany“. Mit Preiskämpfen wie bei der Milch, beim Stahl, beim Strom, bei der Telekommunikation, bei der Wurst, beim Bier, bei den Airlines oder in der Mode gelingt das alles nicht.

Vom Charme der Kartelle

Entgegen der eigenartigen Behauptung, dass „der Markt denkt“, ist es Sache der Akteure der Wirtschaft, ihren wirtschaftlichen Verstand zu gebrauchen, sich zu verabreden und für das Wohl ihrer Branchen zu sorgen. Zu viel Industrien haben wir schon zu weiten Teilen oder ganz verloren: Textil, Bekleidung, Handy, Laptops, Drucker, Leuchtmittel, Porzellan, Glas, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Natürlich ist bekannt, dass der Lösung das gesetzliche Kartellverbot entgegensteht, das den Marktteilnehmern auferlegt, nicht miteinander zu reden, sich nicht abzusprechen, sondern auf den Märkten anonym gegeneinander die Auseinandersetzung im Preiskampf zu suchen. Aber genau diese Preiskämpfe „zum Wohle des Verbrauchers“ haben die Branchen ausgedünnt und Arbeitsplätze vernichtet. Ihr unersetzliches Opfer ist die Qualität der gequälten und der verschwundenen Produkte. Gegen die vom unerbittlichen Gesetz erzwungene Macht der „Hölle des Wettbewerbs am Himmel“, wie Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, den Wettbewerb unter den Airlines nennt. Und anderswo hilft dann auch keine gesetzliche Fusionskontrolle mehr. Ohne Kartellrecht und Kartellamt sähe die Welt besser aus. Ganz ehrlich.

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