Wenn der Mensch nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Frank Schirrmacher

Kleinzelltäter

Anders Breivik und die Nazi-Attentäter des NSU haben eines gemeinsam: Für ihre Morde brauchten sie keine Zelle. Al-Qaida war gestern, der Einsame Wolf ist heute.

Das Phänomen des Rechtsterrorismus wurde durch die Mordserie des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) und die Pannen deutscher Sicherheitsbehörden, insbesondere der Verfassungsschutzämter, auf dramatische Weise virulent. Die Täter, offenbar drei, agierten jahrelang innerhalb einer Kleingruppe oder im Fachjargon Kleinzelle. Diese Art von Terrorismus fiel aus dem Raster deutscher Sicherheitsbehörden und auch professioneller Beobachter, wohl auch, weil die Behörden nicht in Szenarien denken. So spielt das Konzept des „Einsamen-Wolf-Terrorismus“ im deutschen Kontext bislang keine Rolle, obwohl es zahlreiche Fälle dafür gibt. Offenbar fehlt das Gespür für mögliche Szenarien.

Anschläge vom Einzeltäter

Bei der Terrorismusbekämpfung gilt es aber gerade, das zuvor Undenkbare zu denken. Das Potenzial des „Einsamen-Wolf-Terroristen“ wird inzwischen besonders in den USA immens hoch eingeschätzt, auch Präsident Barack Obama warnte davor. Der britische Geheimdienst machte im Einsamen-Wolf-Terrorismus die größte sicherheitspolitische Bedrohung für die Olympischen Spiele 2012 aus. Die Geschichte des politisch-motivierten Terrorismus zeigt, dass der Einsame Wolf seine Taten mit ganz unterschiedlichen Grundideologien begründet. In den 1990er-Jahren sorgte etwa der österreichische rechtsterroristische Briefbomber Franz Fuchs für Aufsehen.

Einsamer-Wolf-Terrorismus bezieht sich auf intendierte Akte, die von Personen begangen werden, welche individuell operieren, nicht einer organisierten Terrorgruppe oder einem Terrornetzwerk angehören, die ohne direkten Einfluss eines Anführers oder einer irgendwie gearteten Befehls- und Gehorsamshierarchie handeln und deren Taktik und Methoden umgesetzt werden von dem Individuum ohne direkten Befehl oder direkter Führung von außen. Der Einsame-Wolf-Terrorismus ist das Produkt der Selbstradikalisierung eines Individuums. Der Auslöser ist wohl eine Mixtur aus persönlichen Kränkungen und politisch-ideologischen Motiven. Im Unterschied zum Amoklauf ist der Einsame-Wolf-Terrorismus eben politisch motiviert. Es kann hier gleichwohl gewisse Überschneidungen geben, wenn der Terrorismus im öffentlichen Raum stattfindet, der Terrorist wahllos Menschen tötet und dabei völlig emotionslos agiert. Der Amokläufer bringt in einem willkürlichen Akt jedes Opfer einzeln aus unmittelbarer Nähe und nacheinander um.

Der erste erfolgreiche islamistische Anschlag in Deutschland im Frühjahr 2011 ging von einem Einzeltäter aus. Aufgehetzt von einem Internetvideo, das angeblich die Vergewaltigung von muslimischen Frauen durch US-Soldaten zeigte, radikalisierte sich der junge Kosovare Arid Uka innerhalb von wenigen Tagen und beschaffte sich auf dem Schwarzmarkt eine Waffe. Wenig später passte er eine Gruppe von US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen ab, fragte einen der GIs nach einer Zigarette und zog dann seine Waffe. Er erschoss zwei Soldaten, nur die Ladehemmung seiner Waffe verhinderte Schlimmeres.

Der drastische, auch von der Quantität, war der Fall in Norwegen, wo der 32-jährige rechtsterroristische Einzeltäter Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 erst eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo zur Explosion brachte, die unter anderem acht Menschen tötete. Nur wenige Stunden später richtete er, als Polizist verkleidet, auf einer kleinen Insel mit einer Schusswaffe ein Massaker an. Im Laufe von mehr als einer Stunde fielen dem Terroristen 69, meist junge Personen zum Opfer, die im Zeltlager der sozialdemokratischen Partei waren. Der perfide Akt kann nur deshalb nicht als Amoklauf bezeichnet werden, weil der Täter vor seinen Taten eine, wenn auch krude, politische Botschaft – ein Europa frei von „Kulturmarxismus und Islamismus“ – hinterließ und vorgeblich aus politisch-destruktiven Motiven handelte.

Breivik ist eine neue Dimension

Diese Botschaft fand ihren Ausdruck in einem sogenannten, wegen der größeren Publizität auf Englisch verfassten, meist plagiierten „Manifest“, welches mehr als 1.500 Seiten umfasst, und einem YouTube-Video, in dem sich der Täter zum „Kreuz- und Tempelritter“ stilisiert. Unabhängig vom im Prozess gegen ihn aufkommenden Streit um seinen Geisteszustand, zeigt sich ein rational-akribisches Vorgehen. Breivik war trotzdem vorher nicht strafrechtlich-polizeilich erfasst. Durch Breivik hat der Einsame-Wolf-Terrorismus eine neue Dimension erfahren, die sich kaum nachvollziehen lässt. Durch seine ausführliche Begründung der Taten, eine narzisstisch zugeschnittene Ideologie, geht er als einer der schlimmsten, aber am besten dokumentierten Massenmörder in die Geschichte ein.

Wichtiges Merkmal der Einsamen Wölfe scheint zu sein, dass sie eine Phase der eigenen Radikalisierung, die sie mitunter im stillen Kämmerlein erfuhren, neuerdings via Internet und soziale Medien erfahren. Isoliert von der Gesellschaft, scheinen sie ihre Taten professionell, gar minutiös planen zu können.

Im digitalen Zeitalter besteht verstärkt die Befürchtung, dass die unterschiedlichen Extremismen in Zukunft gestärkt durch das Internet wesentlich loser agieren, Individuen durch praktische Anleitungen wie ideologisch-fanatisches Material im Internet zu Terroristen mutieren und somit die „Propaganda der Tat“ zunimmt. Durch die Bedeutung des Internets bleibt zu erwarten, dass unsere freiheitlichen Demokratien auch in Zukunft von Einsame-Wolf-Terroristen heimgesucht werden. Bleibt uns, auf die Wachsamkeit unserer Sicherheitsbehörden zumindest zu hoffen, wenn auch nach den jüngsten Enthüllungen nicht zu vertrauen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Louise Comfort, Jost Kaiser, Alexander Görlach.

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