House of Cards aus München

Florian Hartleb21.07.2015Politik

Laptop, Lederhose, Kungelei, Machtinstinkt und kein Schamgefühl: Markus Söder erfüllt alle Voraussetzungen, um in Bayern der nächste Ministerpräsident zu werden.

Zweifellos, wir leben in einer Empörungsdemokratie. Personen des öffentlichen Lebens sind schnell im Schaufenster öffentlicher Häme. Das gilt insbesondere für Politiker. Einmal in den Ausschnitt einer Journalistin schauen (Rainer Brüderle), frisch verliebt ein Fotoshooting im Pool machen (Rudolf Scharping), die Weltumarmungspose am Times Square in New York einnehmen (Karl-Theodor zu Guttenberg) – soziale Medien verstärken die Effekte von Selbstdarstellung heute noch. Blickt man auf das Berufsbild des Politikers, sticht eine zunehmende Unattraktivität ins Auge. Politiker von heute sind auch Spiegel einer Generation, heutzutage Ausfluss von Leistungsbereitschaft, Networking, Ego und Opportunismus. Mitunter tummeln sich auch aalglatte Karrieristen.

Peinlichkeit oder einfach Teilhabe: Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur sind durchaus erlaubt. Eindrucksvoll belegt das nun der CSU-Politiker Markus Söder, der seit Jahrzehnten seinen Sprung auf den bayerischen Ministerpräsidentensessel plant. Er kokettiert ganz offen mit seinem Machtbewusstsein. Mittlerweile ist das sogar für viele in der bayerischen Bevölkerung durchaus sympathisch. Ihm wird das Amt zugetraut. Er kann Bierzelt. Eine Kostprobe eines Auftritts vor kurzum in Franken: Die Große Koalition in Berlin sei wie sonntagabends bei Familie Söder: Seine Frau schaue seit Jahren diese Rosamunde-Pilcher-Dinger, „während ich eher geprägt bin für was Visionäres, Intellektuelles – einen Tatort eben.” Er versteht als Finanzminister etwas von Zahlen, ist modern (macht auf Digitalisierungsoffensive) und ist zusätzlich als Heimatminister auch heimatverbunden qua Amt. Horst Seehofer braucht bald einen Nachfolger. Wer nicht, wenn er?

Imagekorrekturen scheinen immer möglich

Söder kennt die Partei wie kein zweiter, war JU-Landesvorsitzender, Generalsekretär und Minister in verschiedenen Ressorts. Parteifreunde wie Ilse Aigner sticht er rhetorisch und inhaltlich locker aus. Söder kennt die Medienlogik, da er als JU-Chef in Bayern eine Volontariatsausbildung beim Bayerischen Rundfunk absolvierte, dem Staatsfernsehen sozusagen. Er war auch Mitglied des ZDF-Fernsehrats, wo er Einfluss auf die Besetzung von Talkshowgästen nehmen wollte. Mittlerweile hat er als Kommunikationschef Michael Backhaus, den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ angeheuert. Ehemalige Rivalen wie Karl-Theodor zu Guttenberg haben sich erledigt. Promovierter Jurist – das passt auch. Alles Paletti? Formal sind alle Kriterien erfüllt. Ohnehin zählt in Bayern Laptop und Lederhose. Söder ist das House of Cards aus München. Kungeleien und Netzwerke – sein Tagesgeschäft. Selbst Edmund Stoiber, einst als blondes Fallbeil und Bürokrat verschrien, wurde zum populären Ministerpräsidenten und fast zum Bundeskanzler. Imagekorrekturen scheinen immer möglich.

Aber Söder will Volksnähe und Charme auch konstruieren, also strategisch planen. Damit gefährdet er seine hehren Pläne. Beim Fasching als Filmfigur Shrek oder Mahatma Ghandi verkleidet, einen Gastauftritt in der bayerischen, folkloristischen Kultserie Dahoam is dohoam – natürlich im bayerischen Staatsfernsehen. PR kennt keine Grenzen.

Nun hat er wohl die Grenzen der Selbstdarstellung überschritten. In einem Facebook-Post veröffentlichte er am Sonntag ein Foto von sich in jungen Jahren in seinem Zimmer. Er trägt einen schwarzen Anzug, eine bizarre Krawatte, der linke geht Daumen hoch, die rechte Hand zeigt auf ein Poster von Franz Josef Strauss: „Das war das Poster übr (!) meinem Bett in der Jugendzeit was hing bei euch?“, schrieb Söder dazu.

Mit dem Parteikult kennt er sich gut aus

Im seltsamen Jugendanzug Strauss anzubeten, das ist für Söder ein logischer Schritt. Er kokettiert auch hier – während andere David Hasselhoff, Axl Rose, Jon Bon Jovi oder Rocky Balboa im Zimmer hängen haben, verehrte er den bayerischen Übervater. Er weiss: Jeder CSU-Ministerpräsident muss sich in die Ahnenreihe von Strauss stellen. Das zeigen alle Bewerbungsreden. Söder forderte bereits, Strauss als Büste in der Walhalla zu verewigen. Bereits hier verwies er auf sein Starposter. Was sich der Politiker nun erhoffte, war ein Austausch mit seinen Facebook-Followern. Ein bisschen Volksnähe zeigen. Austausch mit dem Wähler. Was er allerdings bekam, waren größtenteils belustigte bis hämische Kommentare, die weit über die Tatsache hinausgingen, dass er es geschafft hatte, einen ziemlich offensichtlichen Tippfehler in den kurzen Satz einzubauen.

Andere Politiker wollen gerade nicht das Bild des Rebellen kultivieren. Friedrich Merz outete sich einst als Mofarocker, um sein Image zu polieren. Söder hatte offenbar keine Jugend jenseits der JU. Er bleibt sich treu und setzt Horst Seehofer gewaltig unter Druck, der ihn nicht mag. Seehofer unternimmt alles, um andere ins Spiel zu bringen. Doch Söder wird wohl die Oberhand behalten. Kein Schamgefühl, maximale Öffentlichkeit und harte Arbeitsdisziplin, immer auf der Suche nach dem Massengeschmack – grandiose Voraussetzungen. Zu perfekt beherrscht er die Mechanismen der Macht. Und: Mit dem Parteikult kennt er sich gut aus: Als JU-Chef erklärte er einst den steifen Stoiber zum Captain Future und Oberjugendlichen. Gilt das auch für ihn?

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