Irrationalität kann auch sehr positiv sein. Dan Ariely

Nummer 760 lebt

Die Schicksale der Gefangenen in Guantanamo sind zur bloßen Statistik verkommen.

Was haben Sie am 20. November 2001 gemacht? Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Blättern Sie in alten Kalendern, fragen Sie die Frau. Vermutlich war es ein Tag, der nicht weiter im Gedächtnis bleibt. Nicht so für Mohamedou Ould Slahi.* An diesem Tag im November endete sein altes Leben – ein neues hat er bis heute nicht bekommen.

„Man tötet einen Menschen, und man ist ein Mörder. Man tötet Millionen, und man ist ein Eroberer. Man töte sie alle, und man ist Gott“, schreibt der Franzose Jean Rostand. Aus einem Verbrechen wird ein historisches Ereignis und daraus Religion. Das Einzelschicksal verschwindet in der Statistik. Das geschah Mohamedou Ould Slahi.

Im November 2001 wird der gebürtige Mauretanier zum Gefangenen der USA im Kampf gegen den globalen Terrorismus. Er soll Anschläge geplant haben. Seine Mutter, der er noch versprach, gleich wieder da zu sein, hat ihn bis heute nicht mehr gesehen. Die mauretanische Polizei nahm ihn unter einem Vorwand mit, Jordanier flogen ihn nach Amman, die CIA verschleppte ihn nach Afghanistan und später nach Guantanamo. Dort trägt er die Nummer 760. Sein Leben ist jetzt Teil der Statistik. Das war vor 14 Jahren.

14 Jahre – ein kleines Leben

Was haben Sie in den letzten 14 Jahren gemacht? Vielleicht geheiratet, sich scheiden lassen, neu verliebt und sind ein weiteres Mal vor den Altar getreten. Kinder gezeugt, aufgezogen und verloren. Großvater oder -mutter geworden. Ein kleines Leben gelebt. Glücklich und unglücklich gewesen, triumphiert und versagt. Gereist, vielleicht ja sogar nach Kuba. Wahrscheinlich vieles davon, sicher einiges.

Mohamedou Ould Slahi war in seiner Zelle. Er war dort, als Sie das neue Auto im Empfang genommen haben und als Sie sich das erste Mal über eine Steuernachzahlung ärgerten. Er saß im Gefängnis, als Sie das erste Mal bei Ihrem späteren Lieblingsitaliener saßen und auch, als Sie das erste Mal dieses Stechen in der Lunge gespürt haben. Mohamedou Ould Slahi war auf seiner Insel und ist es auch jetzt, während Sie lesen.

Mehr als 800 Menschen haben die USA in Guantanamo seit Anfang 2002 inhaftiert. Hunderte mussten entlassen werden, die Vorwürfe gegen sie konnten nicht bewiesen werden. Mohamedou Ould Slahi wurde gefoltert und vergewaltigt („Spezialbefragung“), seine Schuld niemals bewiesen. Drei Militär-Staatsanwälte legten aus Protest gegen seine unter Folter entstandenen Aussagen ihr Amt nieder.

14 Jahre für nichts. Um so ein Schicksal zu verstehen, muss man es der Statistik entreißen. Es ist so: Wer ein Verbrechen begeht, ist ein Verbrecher und wer eine Million Verbrechen begeht, ist kein Held, sondern ein millionenfacher Verbrecher.

*„Das Guantanamo-Tagebuch“ (Klett-Cotta, 2015)

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Florian Guckelsberger: Hauptsache nicht untergehen

Print11

Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Reformer haben dem Islamischen Staat und Boko Haram den Kampf angesagt. Die bislang schweigende Mehrheit der Muslime kämpft bereits für eine Erneuerung ihrer Religion. Was kann die islamische Gemeinschaft der Gläubigen den Radikalen unter ihnen entgegen?

Zudem: Der Westen vs. Putin. Linkspartei vs. Alle. Politik vs. Heuschrecken. Dazu Gespräche mit Anne Applebaum, John Major, Dietmar Bartsch.

Mehr Informationen und Bestellmöglichkeit in unserem Kiosk.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Guantanamo, Terrorismus

Debatte

Sevim Dağdelen: EU-Hinterhofpolitik beenden

Medium_862ff6a607

Lateinamerika ist kein Hinterhof der USA

Lateinamerika ist in seiner Geschichte nur allzu oft als Hinterhof der USA betrachtet worden. Militärische Interventionen und ein rein geostrategischer Umgang prägten jahrzehntelang das Bild. Dies... weiterlesen

Medium_35baaadc38
von Sevim Dagdelen
19.05.2019

Debatte

Das Artensterben droht aus dem Ruder zu laufen

Bei der Klimakrise müssen wir zügig handeln

"Die Ursachen für die Biodiversitätskrise liegen beim Menschen. Die expandierende, exportorientierte Agrarindustrie, der ungestillte Ressourcenhunger, Straßen und Beton, aber gerade auch die durch ... weiterlesen

Medium_fe5db47421
von Bündnis 90 Die Grünen
10.05.2019

Debatte

Lenin: der Machiavell des Ostens

Medium_64eb3e49bc

Ex oriente ordo: Eine deutsche Philosophie zum Anbruch des planetarischen Zeitalters (anno 1933)

Herbert Ammon bespricht das Buch von Hugo Fischer: "Lenin: der Machiavell des Ostens". weiterlesen

Medium_4775a73792
von Herbert Ammon
09.05.2019
meistgelesen / meistkommentiert