Nummer 760 lebt

von Florian Guckelsberger30.04.2015Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Die Schicksale der Gefangenen in Guantanamo sind zur bloßen Statistik verkommen.

Was haben Sie am 20. November 2001 gemacht? Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Blättern Sie in alten Kalendern, fragen Sie die Frau. Vermutlich war es ein Tag, der nicht weiter im Gedächtnis bleibt. Nicht so für Mohamedou Ould Slahi.* An diesem Tag im November endete sein altes Leben – ein neues hat er bis heute nicht bekommen.

„Man tötet einen Menschen, und man ist ein Mörder. Man tötet Millionen, und man ist ein Eroberer. Man töte sie alle, und man ist Gott“, schreibt der Franzose Jean Rostand. Aus einem Verbrechen wird ein historisches Ereignis und daraus Religion. Das Einzelschicksal verschwindet in der Statistik. Das geschah Mohamedou Ould Slahi.

Im November 2001 wird der gebürtige Mauretanier zum Gefangenen der USA im Kampf gegen den globalen Terrorismus. Er soll Anschläge geplant haben. Seine Mutter, der er noch versprach, gleich wieder da zu sein, hat ihn bis heute nicht mehr gesehen. Die mauretanische Polizei nahm ihn unter einem Vorwand mit, Jordanier flogen ihn nach Amman, die CIA verschleppte ihn nach Afghanistan und später nach Guantanamo. Dort trägt er die Nummer 760. Sein Leben ist jetzt Teil der Statistik. Das war vor 14 Jahren.

14 Jahre – ein kleines Leben

Was haben Sie in den letzten 14 Jahren gemacht? Vielleicht geheiratet, sich scheiden lassen, neu verliebt und sind ein weiteres Mal vor den Altar getreten. Kinder gezeugt, aufgezogen und verloren. Großvater oder -mutter geworden. Ein kleines Leben gelebt. Glücklich und unglücklich gewesen, triumphiert und versagt. Gereist, vielleicht ja sogar nach Kuba. Wahrscheinlich vieles davon, sicher einiges.

Mohamedou Ould Slahi war in seiner Zelle. Er war dort, als Sie das neue Auto im Empfang genommen haben und als Sie sich das erste Mal über eine Steuernachzahlung ärgerten. Er saß im Gefängnis, als Sie das erste Mal bei Ihrem späteren Lieblingsitaliener saßen und auch, als Sie das erste Mal dieses Stechen in der Lunge gespürt haben. Mohamedou Ould Slahi war auf seiner Insel und ist es auch jetzt, während Sie lesen.

Mehr als 800 Menschen haben die USA in Guantanamo seit Anfang 2002 inhaftiert. Hunderte mussten entlassen werden, die Vorwürfe gegen sie konnten nicht bewiesen werden. Mohamedou Ould Slahi wurde gefoltert und vergewaltigt („Spezialbefragung“), seine Schuld niemals bewiesen. Drei Militär-Staatsanwälte legten aus Protest gegen seine unter Folter entstandenen Aussagen ihr Amt nieder.

14 Jahre für nichts. Um so ein Schicksal zu verstehen, muss man es der Statistik entreißen. Es ist so: Wer ein Verbrechen begeht, ist ein Verbrecher und wer eine Million Verbrechen begeht, ist kein Held, sondern ein millionenfacher Verbrecher.

_*„Das Guantanamo-Tagebuch“ (Klett-Cotta, 2015)_

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