Kompromiss, los

Florian Guckelsberger28.01.2015Gesellschaft & Kultur

Weder Garderoben noch politische Entscheidungen lassen sich beliebig optimieren. Ein Lob auf den Kompromiss.

Herzlichen Glückwunsch, Sie hätten ein Gewinner sein können. Sie hätten heute Morgen den besten Kaffee trinken, ­danach in die bequemsten Hosen und elegantesten Schuhe schlüpfen und die neue Woche im erfüllendsten Job starten können, erholt vom anregendsten Urlaub am schönsten Ort der Welt.

Warum der letzte Absatz im Konjunktiv verfasst ist? Die Antwort: Rankings. Diese wertenden Listen tummeln sich in Social Networks, in Magazinen und Zeitungen, in E-Mail-Verteilern und sonst auch überall. Sie hätten also wissen können, dass es bessere Klamotten gibt als die, die in Ihrem Schrank hängen. Dass es faszinierendere Orte gibt als die, die Sie ­besucht haben. Warum also haben Sie sich nicht an den guten Rat gehalten, den man Ihnen gegeben hat?

Ich erspare Ihnen die methodische Fragwürdigkeit von Rankings, denn der Punkt ist ein anderer. Egal ob es um die zehn spannendsten Start-ups geht, die 100 demokratischsten Länder oder die 30 sichersten Anlagen: Listen funktionieren, weil sie mathematisch anmuten und eine unübersichtliche Realität auf verdauliche Appetithäppchen reduzieren – und dieses Fast Food fürs Gehirn basiert auf der Annahme, es gäbe tatsächlich eine beste Wahl. Rangfolgen bringen Ordnung in die Dinge und suggerieren, dass sich für jede Rubrik ein Optimum finden lässt, an dem man sich als rationaler Mensch gefälligst zu orientieren habe.

Die beste der schlechten Lösungen

Der Feind der Rangfolge ist der Kompromiss. Wie potenziell gefährlich das Prinzip Liste ist, wird erst dann deutlich, wenn es nicht mehr um Socken oder Wein geht, sondern um politische Entscheidungen. Wenn einer vor der versammelten Mannschaft steht (Beraterstab, Wahlvolk, Aktionärsversammlung) und so tun muss, als habe er tatsächlich die beste Lösung gefunden. Nicht die zweitbeste, nicht die drittbeste und ganz sicher nicht die viertbeste. Immer dann, wenn gerade das Beste gut genug ist, schnappt die Falle zu.

Denn die Wirklichkeit lässt sich von Listenplätzen regelmäßig nicht beeindrucken. In jeder Suppe findet sich ein Haar. Warum nicht dazu stehen? Der Kompromiss hat das Potenzial, das neue Optimum zu sein. „Ja, wir wissen, dass die Reform X nicht weit genug geht. Mehr war aber nicht drin.“ Oder: „Maßnahme Y ist unappetitlich, aber tatenlos bleiben noch schlimmer.“ Wer so verkauft, schafft doppelten Spielraum: Er muss sich und andere nicht belügen, kann Fehler eingestehen und von vorne denken. Und mit etwas Glück ­bekommt der Scheiternde die Chance, einen neuen Kompromiss zu verhandeln.

Kritisch betrachtet ist das ein sprachlicher Taschenspielertrick, denn auch Kompromisse lassen sich hinsichtlich ihrer Güte in eine Reihenfolge bringen. Oben auf der Liste thront dann der schlauste Kuhhandel, der politische Preis-Leistungs-Sieger. Vielleicht ist das so. Aber Sprache­ schafft eine Wirklichkeit, der wir uns kaum entziehen können. Wir trennen uns mindestens gedanklich leichter von der vermeintlich besten der schlechtesten ­Lösungen als vom behaupteten Testsieger – egal wie sehr der enttäuscht hat.

Wir haben also wirklich allen Grund, uns mit dem Inhalt unseres Kleiderschranks zu versöhnen.

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