In ehrenwerter Gesellschaft

von Florian Guckelsberger2.01.2014Außenpolitik

Amerika ist kriegsmüde. In einem Jahrtausend, das so turbulent wie das jetzige begann, erlaubt das frische Perspektiven.

Mein Wort des Jahres ist „Kriegsmüdigkeit“.

Es war kein leichter Sommer für die Falken in Washington: Die angekündigte Bombardierung syrischer Militäranlagen wollte niemandem so recht schmecken. Weder der eigenen Bevölkerung, noch den Abgeordneten im Kongress und Repräsentantenhaus und schon gar nicht wichtigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats. So harsch also die Rhetorik gegenüber den Offiziellen in Damaskus war, so schneidig wurde parallel das diplomatische Parkett bespielt. Obama ließ schließlich einen Notausgang öffnen und die Russen nutzten die Gelegenheit.

Warum es so kam, mag ein Blick ins Seelenleben des gemeinen amerikanischen Bürgers erhellen. Afghanistan? Schnell raus. Irak? Der größte Fehler seit Vietnam. Syrien? Nicht auch das noch. In einer “aktuellen Umfrage()”:http://www.people-press.org/2013/12/03/public-sees-u-s-power-declining-as-support-for-global-engagement-slips/ attestieren Amerikaner ihrem Land eine rekordverdächtige Unlust am Krieg. 92 Prozent der Befragten beobachten, dass ihr Land sich außenpolitisch immer weniger aktiv einmischt. Neben der Erfolglosigkeit (19 Prozent) bisheriger Auslandsabenteuer und deren enormen Kosten (28 Prozent), ist die ausgemachte Hauptursache dieser Entwicklung eben jene Kriegsmüdigkeit (42 Prozent). Noch nie in den vergangenen Jahrzehnten waren die Antworten eindeutiger, die das „Pew Research Center“ und das „Council on Foreign Relations“ von den Befragten erhielten.

Jedes andere Ergebnis in der Syrien-Frage hätte Obama also unter erheblichen innenpolitischen Rechtfertigungsdruck gesetzt. Weil das Elektorat für solche Abenteuer nicht mehr zu haben ist. Weil die Wähler, die Beteuerung, die Zukunft ihres Landes liege im Sand des Nahen Ostens begraben, nicht mehr glauben wollen. Es ist verlockend, diese Empirie im Sinne eines romantischen Rationalismus’ zu deuten. Basierend auf der Überzeugung, dass sich die einfacher Bürger als Hauptfinanziers militärischer Eskapaden – die sie mit Steuergeld und ihren Kindern bezahlen – früher oder später verweigern werden.

Lawrow, Rohani, Ashton und Co.

In Washington macht derzeit das Wort von der “„Kerry Doktrin“()”:http://www.foreignpolicy.com/articles/2013/12/02/the_kerry_doctrine#sthash.ZRS1TaSf.dpbs die Runde. Gemeint ist damit die ambitionierte To-Do-List des namengebenden US-Außenministers und dessen Versuch, die gordischsten aller Knoten auf einen Streich zu durchschlagen. Sei es die geschickte Annäherung im Atomstreit mit Iran – “dem Pulverfass mit der wohl kürzesten Lunte”:http://www.theeuropean-magazine.com/katherine-mcnamara/7773-obamas-failure-in-the-middle-east. Sei es die kalte Schulter, die diese Entscheidung für die lange hofierten Ultraradikalen aus dem Königshaus der Saud bedeutet. Sei es der Nahost-Konflikt, in den trotz bedrohlicher regionaler Umbrüche und entgegen aller Rückschläge Bewegung kommt.

_Go big or go home_: damit das möglich wird, brauchen die USA Verbündete – neue (alte) Partner für eine pragmatische Diplomatie – und finden sie in Lawrow, Rohani, Ashton und Co. Dieser Lesart folgend, reiht sich der schlussendliche Verzicht auf die Intervention in Syrien in eine bemerkenswerte Abfolge politischer Vorgänge, die in ihrem diplomatischen Zungenschlag – gewollt oder ungewollt – einer wachsenden Kriegsmüdigkeit Rechnung tragen. Die dafür nötigen Gesprächsforen reichen vom UN-Sicherheitsrat bis zu den Sitzungen der 5+1-Partner.

Doch hinter solchen Entwicklungen steht nie ein einzelner Mensch. Denn es stellen sich strukturelle Fragen. Die Spielräume schwinden und alte Beinfreiheit weicht neuen Zwängen. Mit dem Aufstieg Chinas, dem Machtgebaren Russlands und eines sich in Auflösung befindenden Westens gewinnen internationale Mandate zwangsläufig an Bedeutung. Den mit ihnen lassen sich geschickt eigene Vorstellungen mehrheitsfähig organisieren. Es ist ein überfälliger Wandel der internationalen Machtarchitektur, der sich da bemerkbar macht.

UN, IAEA, IPCC, EU, OPCW: Jedes dieser Akronyme meint Kooperation und es ist kein Zufall, dass die dahinter stehenden Institutionen in den letzten Jahren allesamt mit dem “Friedensnobelpreis()”:https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreistr%C3%A4ger bedacht wurden. Auch wenn solche Ehrungen oft genug einer riskanten Wette auf die Zukunft gleichen, spiegeln sie doch die wachsende Bedeutung internationaler Kooperation für das friedliche Mit- oder zumindest Nebeneinander.

Die Renaissance des Pragmatismus

Natürlich können und werden Entscheidungen auch heute unilateral getroffen. Gegen den Willen aufstrebender oder wiedererstarkter Großmächte. Dazu noch ohne völkerrechtliches oder politisches Mandat, also im offenen Widerspruch zu geltenden Normen – die prominentesten Beispiele sind der andauernde “Drohnenkrieg()”:http://www.thebureauinvestigates.com/category/projects/drones/ und das “massive Ausschnüffeln()”:http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/7780-spionage-jahresrueckblick-2013 selbst engster Partner durch die eigenen Geheimdienste.

Doch die Kosten einer solchen Strategie waren, sind und bleiben hoch, während die Zahlungsbereitschaft – und wichtiger: Fähigkeit – sinkt. Hinter verschlossenen Türen ausgehandelte Kompromisse werden unter solchen Bedingungen attraktiver. Sie reduzieren Unsicherheit, stiften Legitimität, senken Kosten und verteilen politische Lasten auf mehreren Schultern. Ein vorsichtiges Hinwenden zum Multilateralismus der 1990er-Jahre? Vielleicht. Die Renaissance einer offen pragmatischen Diplomatie? Möglich.

Kriegsmüdigkeit als potentieller Katalysator solcher Entwicklungen passt jedenfalls gut zur stillsten und nachdenklichsten aller Jahreszeiten. Sie passt gut in das Niemandsland zwischen den Jahren, wo Fernsehbotschaften Moralin in deutsche Wohnzimmer kübeln, wo von Kanzeln Weltfrieden gewünscht wird. Sie passt aber besonders gut zum Vorabend des 100. Jahres nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 2014 wird Europa nämlich auch darüber sprechen, warum von Kriegsmüdigkeit damals so wenig zu spüren war.

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