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Hass™

Die blutigen Proteste in der arabischen Welt schockieren, überraschen aber nicht. Wir werden lediglich Zeuge, wie die globale Hass-Industrie stolz ihr neustes Produkt vorstellt.

In Nordafrika und dem Nahen Osten herrscht Hass. Tote, Verletzte, gekränkte religiöse Egos, niedergebrannte Botschaftsgebäude und brachiale Rhetorik bestimmen die Medienagenda. Das Drehbuch dieser fiebrigen Tage liest sich wie der überdreht skurrile Entwurf zu einem neuen Film von Quentin Tarantino. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein aus Ägypten stammender US-Amerikaner mit längerem Vorstrafenregister produziert nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einen Film, in dem er den Propheten Mohammed verspottet.

So weit, so unspektakulär. In einer weniger verrückten Welt würde die Geschichte hier verdientermaßen enden, doch die Schlagzeilen der vergangenen Woche bilden gewissermaßen die Antithese zu diesem Satzanfang. Stattdessen wurden und werden wir Zeuge einer neuen erfolgreichen Produkteinführung von dem, was ich in Anlehnung an den „Time“-Autor Bobby Ghosh als die „Hass-Industrie“ bezeichnen möchte. Und die funktioniert so:

Die wichtigste Ressource für die global agierende Hass-Industrie ist Extremismus, zumeist religiöser, und der findet sich in jeder Ecke der Welt. Jeder Anfang braucht einen Aufreger, gewissermaßen den Kern des Produkts und sein „unique selling point“. Hier ist Kreativität gefragt: Eine niedergebrannte Kirche oder die Darstellung des Propheten als gewalttätigen und sexistischen Nichtsnutz haben sich als probate Mittel bewährt. Wie jede andere Industrie hat auch die Hass-Industrie ihre Shooting-Stars (etwa al-Qaida) und bietet Fortbildungen an (etwa Terrorcamps in Pakistan und Jemen). Wer gute Ideen hat, wird von den Multiplikatoren der Branche entdeckt (etwa ein Terry Jones in den USA) und darf sich in Folge dessen nicht nur über Aufmerksamkeit, sondern auch über das Geld finanzmächtiger Inkubatoren freuen (etwa von Scheichs aus den Golfstaaten). Erlaubt ist, was Hass sät.

Die Hass-Industrie hat leichtes Spiel

Das Produkt, hier der Film „Die Unschuld der Muslime“, ist dann bereit für die Markteinführung. Ein erster Testlauf in Ägypten erweist sich rasch als erfolgreich und so zieht der Film seine Kreise. Eine Sternstunde viralen Marketings. Ägypten, Libyen, Tunesien, Jemen und Sudan haben den Anfang gemacht. Iran, Afghanistan, Pakistan und Libanon sind die nächste Station. Algerien, Nigeria, Irak und die Türkei laufen sich bereits warm. Die Sektkorken knallen, ein weiterer Kassenschlager hat das Licht der Welt erblickt.

Die Hass-Industrie hat leichtes Spiel. Insbesondere in Jemen und Libyen, wo die Staatlichkeit schwach bis fragil ist. Auch die ägyptischen Behörden waren damit überfordert, die gewalttätigen Proteste zu unterbinden. Es gibt auch berechtigten Grund zur Sorge, dass die Ohnmacht lediglich eine vorgetäuschte war. Denn – und in diesem Sinne sind die Gewaltexzesse kein Beleg für die Fruchtlosigkeit des sogenannten „Arabischen Frühlings, sondern das Gegenteil – auch die nun nicht mehr säkularen Machthaber kennen den heilig-religiösen Zorn.

Was also tun? Zunächst die gute Nachricht: Auch wenn es täglich so geschrieben steht, ist es dann doch nicht „die gesamte muslimische Welt“, die sich in gewalttätigem Aufruhr befindet. Von den mehr als 1,2 Milliarden Muslimen, die auf der Erde leben, haben sich alles in allem wohl nicht mehr als 100.000 Menschen an den Krawallen beteiligt. Bestürzend genug, aber die sich daraus ergebende Prozentzahl beginnt immerhin mit sehr vielen Nullen. Doch wenn Flaggen brennen, Diplomaten sterben und Botschaften gestürmt werden, fällt es schwer, klar zu sehen.

Denn die Hass-Industrie bedient eine Nachfrage, die – und hier reibt sich jeder Marketing-Stratege erfreut die Hände – sie auch und vor allem selbst erzeugt. Ost gegen West, Christen gegen Muslime, Oben gegen Unten – die Spannungsfelder werden virtuos bespielt. Diesem Kreislauf gilt es die Energie zu entziehen.

Jede Bombe erschafft zehn Bomber

Ohne einen ersten Schritt wird es nicht gehen und der könnte in einem radikalen Wandel der US-Kriegsführung bestehen. Genauer: Dem Verzicht auf den weiteren Einsatz bewaffneter Drohnen. Denn, so rechnet das spendenfinanzierte britische „Bureau of Investigative Journalism“ vor, allein in den letzten Jahren wurden bei Angriffen in Pakistan, Jemen und Somalia zwischen 550 und 1.100 Zivilisten getötet. Die Gesamtzahl der Toten wird mit 3.000 bis 4.500 angegeben. Kein Wunder also, dass sich etwa im Jemen, wie der „Economist“ berichtet, viele Menschen nicht mehr auf Hochzeiten trauen. Teil einer Menschenmenge zu sein, mag sie noch so harmlos sein, kann tödlich sein.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die zivilen Opfer vor allem nahe terroristischer Hochburgen zu beklagen sind – denn dort sitzen die eigentlichen Ziele. Und es liegt ebenfalls in der Natur der Sache, dass jedes zivile Opfer Angehörige hat, die sich dann in einem solchen Umfeld besonders schnell radikalisieren. Jede Bombe erschafft zehn Bomber. Die Ausgaben für bewaffnete Drohnen sind eine Art Subventionen für den muslimischen Ableger der Hass-Industrie. Sie machen es den Extremisten unter ihnen viel zu leicht, lauter zu brüllen als die Moderaten und Versöhner. Es ist dieser indirekte Zusammenhang, der die Kriegsführung mit Drohnen und die Angriffe auf US-Botschaften verbindet.

Umso größer sollte also unsere Sorge sein, wenn auch die Bundeswehr offen über den Kauf bewaffneter Drohnen nachdenkt und diese, auch im Angesicht oben zitierter katastrophaler Kollateralschäden, weiterhin für „ethisch neutral“ hält. Wenn dann noch etwas im Haushalt zu verteilen ist, könnten wir bei Gelegenheit die Mauern deutscher Botschaften höher ziehen und Panikräume installieren. Denn die Hass-Industrie plant mit Sicherheit bereits ein neues Produkt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Guckelsberger: Nummer 760 lebt

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