Irgendwie verfolgt mich der Hitler. Michael Kessler

Albträume nach 1001 Nacht

Assad wird fallen, die Rebellen ziehen in die letzte Schlacht. Wie es mit dem Land weitergeht, weiß niemand. Am Horizont zeichnen sich Albtraum-Szenarien ab.

Das Tauziehen um Syrien hat bald ein Ende, das Regime ist angezählt. Es war ein harter Kampf. Auf der einen Seite standen die USA, die Türkei und die arabischen Golf-Monarchien. Die diplomatischen Schachzüge Russlands und die Rhetorik des Iran haben das Unvermeidbare nur verzögert. Jetzt werden die Grundfesten des Staates vom Umsturzwillen einer diffusen Masse aus Revolutionären, Demokratie-Hungrigen und religiösen Radikalen erschüttert – alle sind sie mit ausreichend Waffen, Material und Informationen versorgt.

Es ist ein Filetstück, das es unter den Siegern des Bürgerkriegs aufzuteilen gilt. Die Region zwischen dem östlichen Mittelmeer, dem Arabischen Meer und dem Persischen Golf ist von besonderer strategischer Bedeutung – insbesondere was den Transport von Öl aus den rohstoffreichen Emiraten gen Westen betrifft.

Verbrannte Erde

Wem die Hoheit über ein solches Stück Land zufällt, kann den regionalen und internationalen Akteuren schlicht nicht gleichgültig sein. Waffen wurden geliefert, Gelder überwiesen, Spionage-Informationen geteilt. Am Ende war die Anti-Assad-Allianz stärker und entschlossener: Die drastischen Vorstöße der Rebellen in den vergangenen Tagen, die Gefechte in der Hauptstadt Damaskus und das erfolgreiche Attentat auf den syrischen Verteidigungsminister wären ohne Unterstützung von außen unmöglich gewesen. Assad hat recht, wenn er dem Ausland eine Beteiligung an der Revolution vorwirft.

Jeder hat in diesem Theaterstück die Rolle gespielt, die er am besten beherrscht:

Jetzt ist der Konflikt in seine letzte und entscheidende Phase eingetreten. Noch-Präsident Baschar al-Assad ist wohl aus Damaskus geflohen und dürfte dabei die letzten blutigen Stunden Gaddafis vor Augen haben, der sich am Ende des Libyen-Kriegs nach Sirte absetzte. Derweil zerbombt die Luftwaffe, Assads letzter Trumpf, Aleppo – die Strategie der verbrannten Erde. Die Russen schicken einen größeren Schiffsverband in die Region und verkaufen das der Welt als Truppenübung. Die Israelis hingegen sorgen sich am meisten um eine Proliferation des chemischen Arsenals (das wir im Übrigen auch der legalen Einfuhr von sogenannten „dual use“-Gütern durch französische und österreichische Unternehmen zu verdanken haben) an die mit Assad verbundene Hisbollah im Libanon. Intervention nicht ausgeschlossen. Im Iran stoßen diese Gedankenspiele auf erwartbar wenig Gegenliebe und bewirken markiges Säbelrasseln.

Ein Albtraum wird wahr

Die Revolution wird einige ihrer Kinder fressen. Die auf den Sieg zusteuernden Rebellen sind primär durch ihr gemeinsames Ziel geeint. Kurden, Sunniten, desertierte Militärs, aus dem Irak eingesickerte al-Qaida-Kämpfer, Salafisten, Muslimbrüder, Exil-Politiker aus der türkischen und saudischen Diaspora. Auch Rebellen foltern und morden.

Die Lage am Boden ist dabei kaum zu überblicken. Ängstlich betrachten vor allem die Mitglieder religiöser Minderheiten das Endspiel um ihr Land. Christen, Schiiten und Drusen fürchten sich vor den Nachfolgern des Regimes. Eine klare Mehrheit der Syrier hatte sich noch im Januar aus Angst um die Zukunft gegen einen Rücktritt Assads ausgesprochen. Jetzt hetzen extremistische Revolutionäre einst in Eintracht lebende multi-religiöse Gemeinschaften gegeneinander auf. Der Albtraum wird wahr.

Ähnlich könnte sich die Situation für die Frauen im Land entwickeln. Ein kurzer Blick in die Mitgliederliste des „Syrischen Nationalrats“ offenbart männliche Dominanz: Der Frauenanteil unter den rund 270 SNC-Mitgliedern liegt bei weniger als fünf Prozent; und das, obwohl Frauen einen wichtige Rolle bei den Aufständen gespielt haben. Bislang war Syrien eines der fortschrittlichsten arabischen Länder in Bezug auf Frauenrechte (PDF). Verhältnisse (besser: Zustände) wie in Saudi-Arabien (PDF) würden diese zarte Emanzipation zunichtemachen. Gift für den Wiederaufbau.

Die Angst vor den Folgen

Syrien fällt, und dabei geht es um mehr als nur das Regime. Jenseits strategischer Interessen leiden jene Menschen, die von Anfang keinen Krieg wollten. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor seinen Folgen. Wie berechtigt diese Sorgen sind, zeigen die aktuellen Entwicklungen. Man muss kein Zyniker sein, um in der aufgeregten Überzeugung des Nahost-Kenners Peter Scholl-Latour ein Körnchen Wahrheit zu erkennen:

Das Regime in Damaskus ist eine abscheuliche Diktatur. Aber es ist auch nicht schlimmer als andere.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Guckelsberger: Nummer 760 lebt

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