Männer, die auf Mäuse starren

Florian Guckelsberger18.07.2012Außenpolitik

Am Anfang stand eine symbolische Reise nach Entenhausen – am Ende vielleicht ein neues Nordkorea. Kim Jong Un ist womöglich im Begriff, ein gewaltiges Experiment zu wagen.

Nordkoreas Jung-Despot Kim Jong Un guckt sich, wie sein verstorbener Vater, Dinge gerne genauer an. Gummistiefel, Soldaten, Muscheln und ausgestopfte Tiere: Nichts war und ist vor den taxierenden Augen der Kim-Dynastie sicher. Hinter diesem ungewöhnlichen Freizeitverhalten steckt aber weder Voyeurismus noch schlichte Langeweile, sondern politisches Kalkül. Dem Volk signalisiert der Diktator-Sprössling seine Nähe zum Proletariat; der internationalen Staatengemeinschaft, dass er immer noch die Fäden in der Hand hält.

Es ist was faul im Staate Nordkorea

So ist also anzunehmen, dass auch die jüngste Beobachtung Kim Jong Uns mehr als bloßes Spektakel war. Weich gebettet auf rot bezogenem Theater-Stuhl, bestaunte Kim das wohl ungewöhnlichste Konzert, das das hermetisch abgeschottete Land bislang zugelassen hat. Schöne Frauen in schulterfreien Kleidern und kurzen Röcken fiedelten auf der Bühne die „Rocky“-Titelmelodie, Mickey Mouse und Schneewittchen tanzten zur Musik und, als ob nicht ungewöhnlich genug, war der Herrscher Nordkoreas in Begleitung einer jungen Frau erschienen. “Dazu dichtete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA gewohnt pompös(Link)”:http://nkleadershipwatch.wordpress.com/2012/07/07/kim-jong-un-attends-concert-by-moranbong-band: bq. Kim Jong Un organized the Moranbong band as required by the new century, prompted by a grandiose plan to bring about a dramatic turn in the field of literature and arts this year in which a new century of Juche Korea begins. Es ist ganz offensichtlich was faul im Staate Nordkorea. Auch wenn über die Geschmackssicherheit des Arrangements trefflich gestritten werden darf, war es doch ein Abend von unerhörter Symbolwirkung. Ausgerechnet Disney-Figuren. Ikonen der Populär-Kultur des feindlichen Westens also. Entstanden und groß geworden in jenem Land, das entgegen des politischen Kalküls von Kim Il-sung den von China unterstützten Angriff Nordkoreas auf den südlichen Teil der Halbinsel zu verhindern half. Wie konnte es dazu kommen? Die Spekulationen darüber schießen naturgemäß ins Kraut. Doch bevor sich der Westen einen Reim auf die Situation machen konnte, folgte der nächste Coup: Kim Jong Un entlässt mit Ri Yong Ho einen seiner Top-Militärs und Vertrauten seines Vaters. Offiziell wird die Demission mit einer Krankheit des Armeechefs gerechtfertigt. Ungewöhnlich, so das Urteil südkoreanischer Beobachter, die naturgemäß zumindest einen leidlichen Kontakt ins nördliche Nachbarland pflegen.

Pjöngjang ist faktisch isoliert

Gut möglich also, dass wir gerade Zeugen werden, wie der jüngste Spross der Kim-Dynastie sein Land auf einen neuen politischen und wirtschaftlichen Kurs vorbereitet. So unerwartet diese Entwicklung kommt, so viel spricht doch für diese These. Zunächst die wirtschaftlichen Fakten: Pjöngjang ist faktisch isoliert – die Exporte, Mineralien, Landwirtschafts- und Fischereiprodukte, gehen zu beinahe gleichen Teilen nach Seoul und Peking, das wiederum für 60 Prozent aller Importe Nordkoreas verantwortlich ist. Darunter Güter wie Textilien, was angesichts der simplen Herstellung bereits viel über den Zustand der nordkoreanischen Industrie verrät. Auf 5,6 Milliarden US-Dollar wird der bilaterale Handel geschätzt (2011), dank direkter und indirekter Subventionen “ein unrentables Geschäft für Peking(Link)”:http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/07/12/cheap_at_any_price?page=full, die massiven Essens-Lieferungen noch nicht eingerechnet. Kurz: Die Abhängigkeit ist fast so groß wie die Not des Landes. Aber auch nur fast. Denn jenseits wirtschaftlicher Erwägungen ist der politische Spielraum des stolzen Atomwaffenstaats stark eingeschränkt. Der Aufstieg Chinas zur Weltmacht bedeutet eine deutliche Marginalisierung Nordkoreas, das trotz wahnwitziger Militär-Ausgaben (“jeder vierte US-Dollar wird in Waffen investiert(Link)”:http://www.focus.de/panorama/welt/nordkorea-ein-viertel-des-bip-fuer-militaerausgaben_aid_338429.html) vollständig im Schatten des nördlichen Nachbarn untergehen würde, wäre es nicht im Besitz der Atombombe. “Die mit dem Aufstieg des chinesischen Drachen verbundenen Fliehkräfte haben bereits Myanmar in die Arme des Westens getrieben(Link)”:library.fes.de/pdf-files/iez/08896.pdf und könnten dies auch (partiell) mit Nordkorea tun. In diese Lesart der Ereignisse passt auch die Entlassung Ri Yong Hos, dessen Militär sich vernehmlich immer wieder gegen eine wirtschaftliche Öffnung Nordkoreas gestellt hat – ob nun besorgt um die Pfründe der Armee oder aus Sorge um den Zerfall des gesamten Systems. In diese Lesart passt ebenfalls, dass Peking offen beklagt, kaum noch Einfluss auf Pjöngjang zu haben. Selbst als Nordkorea mit einem (gescheiterten) Raketentest zum wiederholten Male gegen auch von China getragene UN-Resolutionen verstieß, “zeigten sich die KP-Funktionäre machtlos(Link)”:http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/07/12/cheap_at_any_price?page=full. Der chinesischen “Weiqi-Doktrin(Link)”:http://www.theeuropean.de/henry-kissinger/10798-chinesische-realpolitik folgend, wäre der Verlust von Einfluss auf Nordkorea katastrophal. Über Hunderte Kilometer verläuft die Grenze zwischen Nordkorea und China – traditionell ein Einfalltor fremder Mächte, wie etwa von Japan, “das sich 1931 über diesen Weg die Rohstoffvorkommen der nordchinesischen Mandschurei sicherte(Link)”:http://de.wikipedia.org/wiki/Mandschurei-Krise.

Das Interesse der USA am Drahtseilakt

Den USA hingegen käme eine wirtschaftliche und politische Öffnung des Landes entgegen. Das von Obama ausgerufene “„Pazifische Jahrhundert“(Link)”:http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/USA/clinton.html dient direkt der Wahrung amerikanischer Interessen im Hinterhof Pekings. Militärbasen in Nord-Australien, hoher diplomatischer Besuch bei den Militärs in Myanmar, Machtspiele mit Hilfe der Philippinen im Südchinesischen Meer. Nordkoreas wirtschaftlicher Aufstieg könnte einen der quälendsten Unsicherheitsfaktoren der Region zumindest entschärfen. “Dass den Amerikanern das einiges wert ist, zeigen schon die rund 1,3 Milliarden US-Dollar, die sie der Kim-Dynastie seit 1995 überwiesen haben(Link)”:http://www.fas.org/sgp/crs/row/R40095.pdf. Hinzu käme eine Erzählung, die besonders der ehrgeizigen Außenministerin Hillary Clinton und ihrem Vorgesetzten im Weißen Haus im Wahljahr gut gefallen dürfte. Von der erweiterten „Achse des Bösen“ bliebe nach einer partiellen Öffnung Nordkoreas nur noch wenig übrig: Irak besetzt, Iran und Syrien unter quasi maximal möglichem Druck, Libyen „befreit“ und Myanmar diplomatisch geöffnet. Das Potenzial zum wirtschaftlichen Aufschwung, insbesondere mit wahlweise chinesischer oder amerikanischer Hilfe, hätte Nordkorea. “Experten schätzen den Marktwert der natürlichen Ressourcen Nordkoreas auf drei bis sechs Billionen US-Dollar(Link)”:http://www.thedailybeast.com/newsweek/blogs/wealth-of-nations/2009/10/28/north-korea-s-untapped-mineral-wealth.html – darunter sind so wertvolle Stoffe wie Uranerz, Gold und Kupfer. Hinzu kommt eine, anders als in vielen afrikanischen Entwicklungsländern, zumindest rudimentär vorhandene Infrastruktur und eine “zunehmende Bereitschaft, ausländisches Kapital anzuziehen(Link)”:http://thediplomat.com/new-leaders-forum/2012/05/01/north-korea%E2%80%99s-resource-headache. Es wäre ein gewagter Drahtseilakt Kim Jong Uns. Das auf Staatshörigkeit getrimmte System Nordkoreas ist einerseits dringend auf eine Belebung der am Boden liegenden Wirtschaft angewiesen, andererseits birgt die wirtschaftliche Öffnung repressiver Räume die Gefahr des politischen Kollapses. Dass das Experiment dennoch stattfinden wird, glaubt aber auch Südkoreas Präsident Lee Myung Bak, der bereits im Juni von einer “„politischen Phase der Öffnung“(Link)”:http://www.nzz.ch/aktuell/international/kim-jong-un-zeigt-seine-eigene-handschrift-1.17359733 orakelte. Sicher ist bei diesem Experiment nur eines: Kim Jong Un wird ganz genau hinschauen.

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