SPIEGLEIN, SPIEGLEIN an der Wand

Florian Guckelsberger11.12.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Wer die wahre Bedeutung des Wikileaks-Skandals begreifen will, muss sich bei der ausländischen Presse informieren. Der deutsche Medienpartner DER SPIEGEL hat mit der Posse um die Einschätzungen zu Westerwelle, Merkel und Co. die wahre Tragweite der US-Dokumente drastisch verkannt. Das “Sturmgeschütz der Demokratie“ hat Ladehemmung.

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Eine Panne bei der Auslieferung des letzten SPIEGEL beendete jäh die Vorfreude. Wikileaks, so war im Vorfeld bekannt geworden, hatte wieder zugeschlagen: Wie bei der Veröffentlichung geheimer Protokolle zu den Kriegen in Irak und Afghanistan sollte auch dieses Mal der SPIEGEL in Deutschland exklusiv berichten. Amerikas Weltsicht wollte uns das Magazin näherbringen und hat doch nur über innenpolitische Banalitäten berichtet. Dirk Niebel? Eine schräge Wahl. Horst Seehofer? Unberechenbar. Angela Merkel? Meidet das Risiko. In wenigen Stunden war das deutschsprachige Netz geflutet mit hämischen Kommentaren, die den Abgesang der Enthüllungsplattform prognostizierten. Zu banal schienen die Enthüllungen.

Erstaunliche Provinzialität der Berichterstattung

Doch der SPIEGEL hat mit der peinlichen binnenpolitischen Nabelschau die eigentliche Tragweite der Dokumente verkannt. Schon am ersten Tag war beim britischen Guardian zu lesen, dass US-Gesandte dazu angewiesen waren, “Jagd auf intime Informationen des UN-Spitzenpersonals(Link)”:http://www.guardian.co.uk/world/2010/nov/28/us-embassy-cables-spying-un zu machen sowie DNA, Iris-Scans und Fingerabdrücke einer Reihe weiterer Diplomaten zu beschaffen. Als in Deutschland über die Trivialitäten parteipolitischer Querelen gelästert wurde, sorgte sich die amerikanische Times um “Waffenlieferungen Nordkoreas an das iranische Regime in Teheran(Link)”:http://www.nytimes.com/2010/11/29/world/middleeast/29missiles.html?ref=wikileaks. Die erstaunliche Provinzialität der Berichterstattung schlug sich in den folgenden Tagen auf die Kommentierung der Enthüllungen nieder. Wo war das Misstrauen, als US-Spitzendiplomaten bereits Tage vor Veröffentlichung der Depeschen panisch Anruf um Anruf führten, um befreundete Staatenlenker gutmütig zu stimmen? Wo der journalistische Kitzel, als sich abzuzeichnen begann, dass die Enthüllungen zum deutschen Politpersonal allenfalls eine Randnotiz in der weiteren Geschichte sein würden? Erst jetzt, nachdem Wikileaks-Gründer Julian Assange von Interpol mit internationalem Haftbefehl in London festgesetzt wurde und zig US-Unternehmen alles daran setzen, sich so weit wie möglich von der Enthüllungsplattform zu distanzieren, scheint auch in der deutschen Medienlandschaft die wirkliche Bedeutung der Enthüllungen erkannt worden zu sein.

Im Tagebuch des Leviathans schmökern

Nun gilt es, die Chancen zu nutzen und verlorene Zeit gutzumachen. Dieser in seinem Ausmaß historische Präzedenzfall gleicht einem journalistischen Eldorado. Er bietet die Chance, einen ungeschminkten und tiefen Einblick in die Einschätzungen der letzten verbliebenden Supermacht des Planeten zu nehmen, im Tagebuch des Leviathans zu schmökern und die Welt darüber zu informieren. Doch stattdessen ergeht sich das politische Feuilleton in Deutschland über eine Debatte um die Zulässigkeit solcher Veröffentlichungen. Vom Schüren “”antiamerikanischer Ressentiments(Link)”:http://www.drs4news.ch/www/de/drs4/sendungen/de/drs4/sendungen/drs-4-aktuell/5728.bt10160322.html” ist zu hören, vor der bislang unbewiesenen Gefährdung von Informanten wird gewarnt, und ein boulevardeskes Interesse an den “Vergewaltigungsvorwürfen gegen Julian Assange(Link)”:http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E87EEE82032EB4D1785FF2CA29EE4814D~ATpl~Ecommon~Scontent.html scheint vorzuherrschen. Wenn uns die Affäre um Wikileaks eines mit Sicherheit gelehrt hat, dann ist es das Wissen um den massiven Einfluss des Internets auf unsere Sichtweise der Welt. Interessierte Leser sind nicht länger auf die Informationen in den deutschen Zeitungen und Magazinen angewiesen, wenn alle Dokumente frei zur Interpretation im Netz verfügbar sind. Sollte das “Sturmgeschütz der Demokratie“ weiter Ladehemmungen haben, dann werden wohl “andere(Link)”:http://wikileaks.de/ das Schießen übernehmen.

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