Wir alle können Helden sein

Florian A. Hartjen19.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Die große Politik bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit von uns allen. Tatsächlich sitzen die wahren Helden unsere Gesellschaft nicht in den Regierungspalästen, sondern in Universitäten und Rathäusern.

Genug geschimpft 

Alle drei Wochen erhalte ich die Möglichkeit, mich mit der „Großen Freiheit“ an Sie zu wenden. Das ist mir stets eine Ehre und manchmal auch eine Herausforderung. Schließlich ist Ihre Zeit wertvoll und wir sollten diese nur in Anspruch nehmen, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben. In dieser Woche nun böte sich eigentlich ein Thema an, das sich wie ein Mantra durch unsere Texte dieses Jahres zieht: Wie konnte es bloß soweit kommen? Und warum hassen sich die Menschen so sehr? Da posaunt ein US-Präsident, er besitze eine große und unübertroffene Weisheit [sic!], während Recep Erdogan mal eben völkerrechtswidrig in Syrien einmarschiert. Und in Berlin blockiert eine gruselige Weltuntergangsprophetensekte die Straßen, um vor unser aller Selbstausrottung zu warnen. Darüber ließe sich trefflich schreiben – und schimpfen. Doch genug damit, das kennen Sie alles längst. Und am Ende nützt den Trumps dieser Welt unsere Aufmerksamkeit doch nur. Neue Helden braucht die Welt! 

Die, auf die es wirklich ankommt 

Sicher, die große Politik besitzt nicht umsonst eine so erdrückende Mediendominanz. Ihre Machtfülle ist gigantisch und in Zeiten von Twitter und Co. sind die Mächtigen unserer Welt uns scheinbar so nah wie nie zuvor. Nicht mehr die gefilterten und aufbereiteten Beiträge in Tageszeitungen und Nachrichtensendungen bestimmen den Rhythmus und die Themen der politischen Öffentlichkeit, sondern die erratischen und anarchischen sozialen Medien. Und diejenigen, denen wir zujubeln oder über die wir uns ereifern, brauchen unsere Aufmerksamkeit wie die Luft zum Atmen. Mit jedem Leitartikel, jeder gut gemeinten Erwiderung geben wir dem lodernden Feuer des Populismus nur mehr Sauerstoff. Zeit also, um einmal einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Auf wen kommt es eigentlich wirklich an in unserer Gesellschaft? 

Machtfülle hin oder her – bis auf wenige Ausnahmen (und Kriege gehören definitiv dazu) wird unser Leben nicht in Berlin oder Washington, London oder Ankara bestimmt. Und das sollte es auch nicht. Die großen Gestalter und Antreiber unseres Zusammenlebens wirken nicht in prächtigen Regierungspalästen. Sie arbeiten in vorstädtischen Forschungsinstituten, hässlichen Rathäusern aus den 70ern und hippen, aber überfüllten Berliner Couch-Büros. Sie machen keine Gesetze, sondern entwickeln neue Medikamente und Technologien, planen Bushaltestellen oder setzen sich für dafür ein, dass Menschen überall auf der Welt in Sicherheit und ohne Armut leben können. Es sind die vielen Wissenschaftler und Erfinder, Bürgermeister und engagierten Weltverbesserer, auf die es wirklich ankommt. Sie haben für die wunderbare Revolution gesorgt, die vielen heutigen Bürgern einen Lebensstandard ermöglicht, von dem die großen Könige vergangener Jahrhunderte nur träumen konnten.  

Die großen und kleiner Helden unserer Welt 

In dieser Woche ist es wieder soweit. Einmal im Jahr erhalten die großen Entdecker unserer Zeit für eine Sekunde die ganz große Öffentlichkeit. Bis dato nur Eingeweihten und Nerds Bekannte erhalten Nobelpreise für zumeist atemberaubende Entdeckungen und Erfindungen. So könnte sich das „Klimakabinett“ noch so lange auf den Kopf stellen – ohne die Erfindung des Lithium-Ionen-Akkus durch die diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger John B. Goodenough, M. Stanley Whittingham und Akira Yoshino würde vermutlich kein einziges Elektro-Auto über unsere Straßen rollen. Und die diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger William Kaelin, Peter Ratcliffe und Gregg Semenza werden mit ihrem Beitrag zur Zellforschung höchstwahrscheinlich mehr Krebspatienten retten, als alle Gesundheitsminister zusammen. Und das Beste daran: Das ist nur die Spitze des Eisbergs: weltweit arbeiten gerade Millionen von Wissenschaftlern und Erfindern daran, ihren Beitrag zum menschlichen Fortschritt zu leisten.  

Doch es muss nicht immer die ganz große Bühne sein. Auch bei Ihnen um die Ecke wird Weltpolitik betrieben – zumindest für Ihre ganz persönliche Alltagswelt. Da sitzen Gemeinderäte, ehrenamtliche Ortsteilbürgermeister und Landräte zusammen. Diesen Menschen geht es in den seltensten Fällen um Politik in jenem Sinne, in dem sie auf den großen nationalen, europäischen oder globalen Bühnen betrieben wird. Hier geht es um Politik im eigentlichen oder altgriechischen Sinne. Also um Fragen des Gemeinwesens, die „die Stadt betreffen“ (wohlgemerkt handelte es sich beim antiken Athen um eine Stadt mit einigen zehntausend Einwohnern). Es sind Menschen wie der ehemalige Bürgermeister des kleinen Westerwälder Dörfchens Windhagen, Josef Rüddel. Dieser machte die Gemeinde in seiner über fünfzigjährigen [sic] Amtszeit von einem der ärmsten Dörfer zu einer wohlhabenden Gemeinde, die heute doppelt so hohe Gewerbesteuereinnahmen pro Kopf erwirtschaftet wie München.  

Wir alle können Helden sein 

Ich gebe zu: Bis heute hatte ich weder von den genannten sechs Nobelpreisträgern noch von Josef Rüddel je auch nur gehört. Und wenn Ihnen das auch so geht, dann habe ich mit meiner Kolumne in dieser Woche mehr erreicht als je zuvor. Es sind diese Menschen, die uns eine Inspiration sein und deren Geschichten wir erzählen sollten. Menschen, die durch ihr Wirken echte Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen übernommen haben. Das beste Mittel, um das Feuer des lodernden Populismus zu löschen, ist schließlich nicht, sich selbst jeden Tag aufs Neue zu echauffieren. Das beste Mittel ist, uns bewusst zu machen, dass es den Menschen auf dieser Welt noch nie so gut ging wie uns heute. Nutzen wir dieses Privileg und machen unsere Welt noch besser: In unseren Kommunen, in Vereinen und Wohltätigkeitsorganisationen, durch unsere Arbeit und unseren Umgang miteinander. Neue Helden braucht die Welt – lassen Sie uns versuchen, einer davon zu werden.

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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