Die Gesellschaft ist keine Puppenkiste

Florian A. Hartjen14.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Wie lösen wir als Gesellschaft Herausforderungen und erreichen Wandel? Leider mutieren viele Menschen allzu häufig zum stumpfen Homo Oeconomicus – und machen es sich damit viel zu einfach.

Weihnachtliche Politikromantik

Sie kennen das: Beim familiären (Vor-)Weihnachtstreffen kommt das Gespräch früher oder später, gewollt oder ungewollt, aufs Politische. Der ein oder andere mag sich nun in weiser Voraussicht oder gelangweilt hinter seinem Christstollen verstecken. Doch die Diskussion geht trotzdem auf, wie ein guter Panettone. Verwundert reibt man sich die Augen, wie bloß alles soweit kommen konnte. Die Themen wandeln sich über die Jahre, der Tenor bleibt gleich: Es ist doch eigentlich alles so einfach – wie kann die Politik das bloß so dermaßen vermasseln. Flüchtlingskrise, Dieselkrise, Klimakrise – man müsste die Bürger nur einfach mal dazu bringen, endlich das Richtige tun. Also einigt man sich nach langem Abwägen persönlicher Erfahrungen darauf: Der Sprit muss mindestens (!) 70 Cent pro Liter teurer werden, dann hören die Leute endlich auf, so viel mit dem Auto herumzufahren. Zufrieden über den erzielten Kompromiss und fassungslos über die Dummheit der Politik, steigen sodann alle einzeln in Ihre PKW und brausen davon. Moment…

Auf einmal mutieren wir alle zum stumpfen Homo Oeconomicus

Die Volkswirtschaftslehre musste sich in den vergangenen Jahren viel vorhalten lassen. Weder hat sie die globale Finanz- und Währungskrise der ausgehenden 2000er vorhergesehen, noch hat sie die eine gute Lösung zur globalen Internalisierung von Schadstoff-Emissionen parat. Und überhaupt: Der wirtschaftswissenschaftliche Blick auf die Welt gilt als gefühlskalt und vor allem realitätsfern. Insbesondere Letzteres hat viel mit dem dominanten Model zur Analyse menschlicher Entscheidungen der letzten 50 Jahre zu tun: der Theorie der rationalen Entscheidung, zu Englisch Rational Choice Theory (RCT). Die RCT hat viele und gute Ausprägungen, die wohl bekannteste und simpelste ist jene des Homo Oeconomicus. Kurz gesagt ist der Homo Oeconomicus in seiner Reinform ein rücksichtsloser Nutzenmaximier der Kategorie „Geiz ist geil!“. Rational wägt er Kosten und Nutzen aller zu Verfügung stehenden Entscheidungsoptionen ab und entscheidet sich für diejenige, die seinen persönlichen monetären Nutzen maximiert.

Wohl kaum einer der Beteiligten am weihnachtlichen Kaffeetisch würde sich als Homo Oeconomicus identifizieren. Doch wie selbstverständlich gehen alle davon aus, dass Verhaltensänderungen nur über den Preis zu erreichen sind – auch bei sich selbst. Sinngemäß: Wenn ich an der Tankstelle 70 Cent pro Liter mehr zahlen müsste, dann, ja dann würde ich auch Fahrrad fahren. Sicher, der Preis hat eine wichtige Lenkungswirkung. Mindestens genauso wichtig für die persönliche Entscheidungsfindung sind allerdings auch unsere eigenen Überzeugungen. Und das ist der Punkt, an dem wir eigentlich für einen Moment die Fassung verlieren sollten. Warum brauchen wir ein machtvolles aber ineffizientes Geld- und Meinungsumverteilungsinstrument, das uns durch das Setzen von Anreizen dazu bringen soll, das auch zu tun, was wir ohnehin für richtig halten?

Die Marktwirtschaft bietet uns die Möglichkeit, der Mensch zu sein, der wir sein wollen

„Dann tu es doch! Fang damit an. Sei ein Vorbild für deine Ideale!“ Das möchte man den politischen Hobbyarchitekten manchmal gerne laut und deutlich entgegenrufen. Es ist großartig, dass so viele Menschen sich nicht einfach mit der Situation zufriedengeben und etwas ändern wollen. Und wir leben in einer Welt, in der dies den meisten sogar möglich ist. Aber doch bitte nicht mit dem Staat als Vehikel der eigenen Interessendurchsetzung! Wir teilen doch bereits mit jeder Konsumentscheidung unsere Haltung zur Welt laut und deutlich mit. Insofern ist der Markt eine permanente, andauernde und hyperdemokratische Form des sozialen Zusammenlebens. Wer das Klima retten möchte, kann ins Fair-Trade-Kaffee gehen, Fahrrad und Bahn fahren und Vegetarier werden. Wer die Armut bekämpfen möchte, kann spenden oder am besten gleich eine eigene Hilfsinitiative starten. Und wer die Umwelt bewahren möchte, kann freiwillig Müll sammeln oder eben Kröten umsiedeln.

Und ja: Das kostet Geld! Bahnfahren ist häufig teurer als Autofahren. Aber wir sind (hoffentlich) eben keine abgestumpften Nutzenmaximierer, die ausschließlich aufs Geld schauen und wie Roboter erst unseren Überzeugungen folgen, wenn es sich auch direkt monetär lohnt. Natürlich kostet es Geld, eine ganze Volkswirtschaft auf Elektromobilität und Windräder umzustellen – doch wenn man das will, dann muss man nicht auf den Staat warten, der in bester Batman-Manier daherkommt und einen auf den rechten Pfad führt. Entweder, wir setzen uns für unsere Ideale ein (sei es mit Zeit oder mit Geld), oder wir sind so ehrlich, dass uns der Cocktail auf Mallorca am Ende eben doch wichtiger ist als unsere klimapolitischen Überzeugungen.

Der Liberale ist Individualist und kein stumpfer Nutzenmaximier

Am Ende sollte gerade der Liberale skeptisch sein, wenn der Homo Oeconomicus Einzug in die politische Debatte hält. So wusste bereits Ludwig von Mises:

Es ist auch den klassischen Ökonomen nicht entgangen, dass das Individuum nicht immer den Prinzipien des Unternehmers treu bleibt, dass es nicht allwissend ist, dass es irren kann und dass es unter bestimmten Bedingungen sogar seinen Komfort einer gewinnbringenden Unternehmung vorzieht.
(Ludwig von Mises, „Epistemological Problems of Economics“ 1960)

Als sozialwissenschaftliche Methode, erweist sich RCT häufig als gewinnbringend. Vor allem dann, wenn auch „weiche“ kulturelle und andere non-monetäre Präferenzen mit einbezogen werden. In der politischen Debatte jedoch ist der Rückzug darauf toxisch. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir versuchen, die Gesellschaft wie in der Augsburger Puppenkiste anhand von Preisänderungen in die oder die andere Richtig zu dirigieren. Viel nachhaltiger ist es, wenn wir für unsere Überzeugungen einstehen, mit gutem Vorbild vorangehen und in der Debatte unsere Mitmenschen von unseren Ideen zu überzeugen versuchen.

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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