Wir sind nicht im Venedig des 14. Jahrhunderts

Florian A. Hartjen24.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Die Corona-Krise dient Globalisierungskritikern als Steilvorlage für Renationalisierungsträume. Doch die Globalisierung ist nicht das Problem, sondern die beste Lösung, die wir haben.

Auf der Suche nach dem Schuldigen

Jede große Krise braucht einen Schuldigen. Schuld an der Finanzkrise von 2008 seien die raffgierigen Investmentbanker gewesen, Schuld an der darauffolgenden Eurokrise die faulen Griechen. Schuld an der aktuellen Corona-Pandemie und ihren ökonomischen Auswirkungen ist für viele die Globalisierung. Die Globalisierung, mit ihren Verflechtungen und grenzüberschreitendem Verkehr von Gütern und Personen, würde das Covid-19 Virus nicht nur viel schneller verbreiten, sondern auch zu Versorgungsengpässen und ökonomischen Kettenreaktionen führen. Der Protektionismus feiert derweil sein großes Comeback und nicht nur der strauchelnde US-Präsident würde die Wirtschaft lieber heute als morgen renationalisieren. Die jüngste US-Einreisesperre für Bürger aus dem Schengenraum ist dabei nur das absurdeste Beispiel dafür, wie Protektionisten und Nationalisten versuchen, die Corona-Krise für ihre Zwecke zu nutzen.

Wir sind nicht im Venedig des 14. Jahrhunderts – Gott sei Dank

Die meisten Menschen, die heute in der westlichen Welt leben, waren nie mit einer großen Influenza-Pandemie konfrontiert. Die letzten großen Pandemien waren die Spanische Grippe, der zwischen 1918 und 1920 zwischen 20 und 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, und die asiatische und die Hongkong-Grippe in den 50er Jahren mit jeweils ca. 1 bis 4 Millionen Toten. Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS, Zika und Ebola verschonten derweil die meisten Industrienationen. Während die spanische Grippe wohl zuallererst durch das Militär verbreitet wurde, sind heutzutage Flugverkehr und Handel die Inkubatoren für eine globale Verbreitung von Viren. Menschen reisen und handeln so lange es Zivilisation gibt. Je weniger feste Grenzen à la Korea es gibt, desto größer ist das Pandemie-Risiko. Damit werden wir uns wohl abfinden müssen.

Und das lohnt sich. Denn anders als im 14. Jahrhundert zur Zeit des „Schwarzen Todes“ stehen wir nicht mehr isoliert und hilflos da, wenn eine neue Krankheit ausbricht. Der Globalisierung sei Dank:

Das Wunder der globalisierten Wissens- und Informationsgesellschaft

Die Globalisierung hat den Zugang zu Informationen auf beispiellose Art und Weise vereinfacht. Wissenschaftler können überall auf der Welt quasi in Echtzeit auf Daten ihrer Kollegen zugreifen und Mediziner können sich über erfolgreiche Behandlungsmethoden austauschen. Der globale Informationsaustausch hat dazu geführt, dass wir in Europa bereits bevor hier die ersten Fälle auftraten viel über Wirkweise, Verlauf und Ausbreitung des Virus wussten. Akademische Journale entfernen dafür aktuell für relevante Forschungsarbeiten ihre Paywalls und auf sogenannten Preprint-Servern können die neusten Manuskripte direkt geteilt werden. Das geschieht natürlich nicht einfach so, sondern bedarf Vertrauens und persönlicher Bekanntschaften. Die Entwicklung hin zu einer leistungsfähigen, digitalen und globalen Wissenschaft war nur möglich durch die zahllosen Austausch- und Gastwissenschaftler-Programme, internationalen Konferenzen und Universitäts-Kooperationen. All das wäre ohne eine offene und günstige Reiseinfrastruktur nicht denkbar.

Eine globale Produktion steht niemals still

Sicher, eine globalisierte Produktion ist fragil und ein kleines Sandkorn im Getriebe kann globale Lieferketten ins Wanken bringen. Die Reaktion der Börsen und die teils düsteren Erwartungen der Wirtschaft verdeutlichen dies. Wie aber sähe eine Pandemie in einer protektionistischen Welt aus? Während Europa vermutlich erst noch auf den Höhepunkt der Infektionszahlen zusteuert, dürfen erste Firmen im chinesischen Wuhan (wo alles begann) schon wieder öffnen und produzieren. Sollte das öffentliche Leben in Deutschland zu einem ähnlichen Stillstand kommen wie in China, wissen wir, dass in anderen Teilen der Welt bereits wieder produziert wird. Eine globalisierte Produktion bedeutet eine höhere Abhängigkeit von Partnern, dafür aber auch eine geringere Abhängigkeit von der Region. Das kann in Zeiten regionaler Krisen ein Faustpfand sein.

Das größte Gesundheitsrisiko ist Armut

Der wichtigste Grund an der Globalisierung festzuhalten ist, dass Armut wie kein anderer Faktor gesundheitsgefährdend ist. Die Globalisierung hat viele Teile der Welt auf einen Entwicklungsstand gehoben, der der gesamten Bevölkerung eine hervorragende medizinische Versorgung ermöglicht. Für niemanden in Deutschland hängt es heute vom Einkommen ab, wie die ärztliche Behandlung im Fall einer Infektion aussieht. Wir können es uns leisten, Mitarbeiter ins Home Office oder in die Kurzarbeit zu schicken. Jeder hat Zugang zu fließendem Wasser, zu Seife und zu Lebensmitteln – selbst wenn das öffentliche Leben für einige Wochen stillstehen sollte.

Die Gegner der Globalisierung behaupten, nur die Eliten würden von ihr profitieren. Der Umgang mit Covid-19 zeigt, wie falsch dies ist. Sicher gibt es sichtbare Ungleichheiten aber der durch die Globalisierung erreichte Fortschritt ermöglicht allen ein besseres, sichereres und längeres Leben.

Die globalisierte Weltgemeinschaft kann nun zeigen was sie kann. Wenn man sie lässt.

Die Corona-Pandemie wird uns einiges kosten und jeder Tote ist eine individuelle Tragödie. Doch Epidemien gab es schon immer, wir waren nur noch nie so gut gerüstet wie heute. Die globalisierte Weltgemeinschaft kann nun zeigen was sie kann: durch internationale Kooperation in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Hoffen wir, dass die Trumps dieser Welt sie nicht daran hindern.

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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