Turbojugend

Fjodor M. Dostojewski18.08.2014Gesellschaft & Kultur

Zorn und Zerstörung: Der russische Dichter Fjodor Dostojewski dokumentiert die rohe Kraft einer Jugend, die Vorbilder nicht mehr braucht.

Es gibt solche Jünglinge wie sie nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen wirklich immer sich nach der schlechten Seite hin zu entwickeln: entweder zum romantischen Verführertum oder zum Verlangen nach Gesetzlosigkeit. Aber dieses Verlangen nach Gesetzlosigkeit entspringt vielleicht – und zwar sogar in den allermeisten Fällen – aus einem heimlichen Durst nach Ordnung und Anstand.

Die Jugend ist schon deshalb rein, weil sie eben Jugend ist. Vielleicht steckt in diesen so frühen Ausbrüchen von Unverstand gerade dieser Durst nach Ordnung und dieses Suchen nach Wahrheit, und wer ist denn schuld daran, dass manche jungen Leute der Gegenwart diese Wahrheit und diese Ordnung in so dummen, lächerlichen Dingen sehen, dass man gar nicht begreift, wie sie überhaupt daran haben glauben können!

Ich bemerke beiläufig, dass man früher, in noch gar nicht weit zurückliegender Zeit, noch vor einem Menschenalter, die Jugend nicht für ihr stürmisches Temperament bedauern musste, weil die Sache damals fast immer damit endetet, dass sich die junge Generation der älteren und kulturell gebildeteren Generation anschloss und letztendlich mit ihr verschmolz. Trotz des jugendlichen Mangels an Respekt und Manieren wussten sie doch durch ihre Familien von dem Wert einer vollendeten Kultur und lernten später, aus eigenem Antrieb danach zu trachten. Heutzutage liegen die Dinge schon wesentlich anders – eben deswegen, weil es so gut wie nichts gibt, woran sie sich anschließen könnten.

Das Wichtigste ist für mich die Achtung einer wie auch immer beschaffenen Ordnung – und zwar einer Ordnung, die der Jugend nicht vorgeschrieben wird, sondern die vor allem von ihr selbst erworben wird. O Gott, das Allerwichtigste ist eben bei uns eine wie auch immer beschaffene, aber vor allen Dingen eigene Ordnung! Darin lag unsere Hoffnung und sozusagen unser Augentrost: endlich wenigstens etwas Aufgebautes, nicht dieses ewige Einreißen, nicht die überall umherfliegenden Späne, nicht Schutt und Staub, aus denen nun schon seit zweihundert Jahren sich nichts entwickelt. Jetzt, seit Kurzem, geht bei uns etwas vor, was das volle Widerspiel zu dem oben Geschilderten ist.

Echte Freunde der Menschheit gibt es nicht so viele

Die Jugend nimmt sich nicht mehr die höheren Schichten als Vorbild und strebt danach, es ihnen gleichzutun. Im Gegenteil: Mit vergnüglicher Eilfertigkeit schlagen sie Stücke und Brocken aus diesem schönen Typus heraus, die alsbald herabfallen und mit den Freunden der Gesetzlosigkeit und den Neidern einen gemeinsamen Haufen bilden. Und es kommt keineswegs nur in vereinzelten Fällen vor, dass die Väter, die Stammhalter alter kultivierter Familien, selbst schon über das lachen, woran ihre Kinder vielleicht noch glauben würden.

Ja noch mehr: Sie zeigen ihren Kindern mit Begeisterung ihre gierige Freude an dem plötzlich entdeckten Recht auf Ehrlosigkeit, das sie jetzt in Massen aus irgend etwas abgeleitet haben. Ich spreche nicht von den echten Fortschrittsmännern, sondern nur von jenem unzähligen Gesindel, auf das der Ausspruch zutrifft: „Grattez le Russe et vous verrez le tartare.“ Und glauben Sie mir, echte Liberale, echte, hochherzige Freunde der Menschheit, gibt es bei uns überhaupt nicht so viele, wie wir auf einmal geglaubt hatten. […]

Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihrigen könnten, glaube ich, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein künftiges Bild einer unordent¬lichen, aber bereits vergangenen Periode dienen. Oh, wenn der Zorn des Tages vorbei ist und die Zukunft anbricht, dann wird ein zukünftiger Künstler sogar für die Darstellung der vergangenen Unordnung und Verwirrung schöne Formen finden.

Dann wird man solche Aufzeichnungen wie die Ihrigen nötig haben, und sie werden ein brauchbares Material liefern – trotz all ihrer Verwirrung und Zufälligkeit, wenn sie nur aufrichtig sind. Es werden doch wenigstens ein paar richtige Züge darin ¬stecken, so dass man aus ihnen erraten kann, was in der Seele manches Jünglings in der damaligen trüben Zeit verborgen lag – eine Kenntnis, die nicht ganz wertlos ist. Denn aus denen, diesen Jünglingen, bilden sich die Generationen.

_Textauszug aus Fjodor Dostojewskis „Der Jüngling“ (1875)_

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