Ich befürchte, dass wir eine rote Linie überschreiten. Wladimir Grinin

Die 140-Zeichen-Stimme des Volkes

Kein Social-Media-Kanal kann eine Revolution auslösen. Doch Facebook und Twitter waren die Katalysatoren, die der entrechteten Bevölkerung in Tunesien und Ägypten eine Stimme gaben und die Massen in ihrem Kampf gegen den Status quo bestätigten.

Experten aus dem Westen haben in den vergangenen Wochen versucht, die Bedeutung von Social Media im Kontext der Entwicklungen in Nordafrika und im Nahen Osten kleinzureden. Dennoch sollten Beobachter vorsichtig sein und die sozialpolitischen Bedingungen in der Region nicht mit einer westlichen Sichtweise zu betrachten. Studien über die Durchlässigkeit und den Einfluss von Social Media in Europa oder Nordamerika dürfen nicht als Maßstab der Bedingungen in anderen Teilen der Welt gelten.

Eine dringend benötigte Plattform

Social-Media-Kanäle sind besonders wichtig in Ländern, in denen die staatliche Zensur eine freie Meinungsäußerung in anderen Medien verhindert. Facebook und Twitter bieten eine dringend benötigte Plattform für politischen Diskurs. Nach der Ermordung von Präsident Sadat hatte die Regierung in Ägypten umfassende Notstandsgesetze in Kraft gesetzt, um politische Gegner auszubremsen, die Medien zu unterdrücken und Bestrebungen nach Wahlpluralismus zu verhindern. Durch diese Gesetze wurde der Sicherheitsapparat befähigt, Dissidenten festzusetzen und Journalisten ohne gerichtliche Anordnungen zu zensieren. Angesichts dieser Situation bot das Internet vielen Ägyptern die einzige Möglichkeit, sich frei zu äußern.

Seit 2004 haben soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und diverse Blogs geholfen, den Schleier des Konservativismus zu lüften. Durch sie begannen die Menschen, mehr über das Ausmaß von Zensur und Korruption zu erfahren. Schon seit 2007 beobachteten daher auch die Behörden zwischen Marokko und Bahrain die Blogosphäre mit wachsender Sorge. Blogger wurden oft beschuldigt, dem öffentlichen Interesse zu schaden und wurden auf die schwarze Liste gesetzt, eingeschüchtert, verhaftet, gefoltert und in einigen Ländern sogar ermordet. Trotzdem ist die Beliebtheit von Social Media stetig gewachsen. Am Ende wurden die Regierungen vom Ausmaß der Proteste schlichtweg überrascht.

Jedes Land ist ein Sonderfall. Doch die Wahrheit ist auch, dass bestimmte Probleme in jedem autoritären Regime vorkommen: die Verletzung politischer Rechte, wirtschaftliche Ausgrenzung und Korruption. Soziale Netze haben geholfen, die öffentliche Meinung im Kontext dieser allgemeinen Probleme zu formen und die Vorlage für Massenproteste in den jeweiligen Hauptstädten zu liefern.

Herausforderung der staatlichen Ordnung

Online und oftmals in weniger als 140 Zeichen fordert die Bevölkerung des Nahen Ostens die eigenen Regierungen heraus. Während die politischen Eliten noch auf die Loyalität des Sicherheitsapparates und vielleicht auch des Militärs vertrauen können, haben die Aktivisten längst die Deutungshoheit im Netz übernommen.

Während die Regierung das nationale Fernsehen für Propagandazwecke instrumentalisiert, nutzen Aktivisten Twitter und Facebook, um Bilder und Videos zu versenden, die der staatlichen Propaganda widersprechen. Die arabischen Staaten werden Zeuge eines beginnenden Kampfes der neuen Medien und einer aufgeklärten Öffentlichkeit mit autoritären Entscheidungsträgern. Die Wirkung dieses Kampfes geht weit über Ägypten hinaus.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hardy Ostry, Christoph Giesa, Sheldon Himelfarb.

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