Je öfter sich ein Politiker widerspricht, desto größer ist er. Friedrich Dürrenmatt

Hoffnungsträger in Flecktarn

Die Militärs haben bei der weitgehend unblutigen Revolution in Ägypten eine entscheidende Rolle gespielt. Doch wie berechtigt ist das Vertrauen in die Armee, wenn es um den demokratischen Übergang geht? Fest steht: Die Ägypter vertrauen ihren Generälen.

Das ägyptische Militär ist die mächtigste Einrichtung des Landes und hat den größten Einfluss in der neueren politischen und sozialen Geschichte. Der Militärputsch der Offiziere von 1952 zwang König Faruk zum Abdanken und beendete die fast 150-jährige Erbfolge in der ägyptischen Politik. Alle Präsidenten seit 1952 kamen auch aus den Reihen der Armee.

Sechzig Jahre später war es wieder die Armee, die eingriff und die Ära Mubarak letztlich beendete. Es ist nicht überraschend, dass es wiederholte Forderungen nach einem Eingreifen des Militärs gab, als die Zusammenstöße auf der Straße außer Kontrolle zu geraten drohten. Am Vorabend von Mubaraks Rücktritt wurde das Militär erneut gerufen, um ihn – falls nötig gewaltsam – von seinem Amt zu entbinden. Seit dem 10. Februar war den meisten Ägyptern deutlich, dass ein Rücktritt Mubaraks die einzige Option zur Beendigung der Proteste war. Die Armee sollte mit ihrem Einsatz für die Demonstranten also auch eine Rückkehr in die Normalität ermöglichen.

Garant der Abschreckung gegen Israel

Dieses Vertrauen ist auch historisch bedingt. Die meisten Ägypter sehen die Armee als nationale Institution an; ihre Geschichte während des 20. Jahrhunderts hat sie zu einem Symbol für Einheit, Widerstandsfähigkeit und Stolz werden lassen. Im Jahre 1956 hat sich das Militär während der Suez-Krise gegen Frankreich, Großbritannien und Israel gestellt. Im Jahre 1967 erlitt es eine beschämende Niederlage mit Konsequenzen für die gesamte Region. 1973 folgte der Gegenschlag mit einer Reihe überraschender Siege über die israelische Armee. Viele Ägypter glauben, die Rückgabe der Sinai-Halbinsel sei direkt auf militärische Überlegenheit und geschicktes Verhandeln auf Camp David zurückzuführen.

Auch regional nimmt das ägyptische Militär eine große Bedeutung ein. Für viele arabische Staaten war es Garant einer Abschreckung gegen Israel. Jetzt bietet Ägypten das Gegengewicht zu Irans wachsendem Einfluss in der Region.

Zwei ausschlaggebende Ereignisse haben das ägyptische Militär, wie wir es heute kennen, geprägt: Der Sturz des von den USA begünstigten Schahs im Jahre 1979 entwurzelte die US-Außenpolitik im Golf und führte zu einem Ungleichgewicht, das eine sozialpolitische Unbeständigkeit entfachte – die zugleich verstärkt und verschlimmert wurde durch den zerstörerischen und blutigen Krieg zwischen Irak und Iran zwischen 1980 und 1988, die israelische Invasion des Libanon 1982 und durch die erste richtige Beteiligung des amerikanischen Militärs, als es begann, kuwaitische Öltanker im Persischen Golf zu beschützen.

Stabilisierende Kraft

Auch die Verbindung zu den USA ist innerhalb der Armee besonders ausgeprägt. Seit dem Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten 1979 leisten die USA jedes Jahr Zahlungen in Milliardenhöhe. Durch Ausbildungskurse und Waffenlieferungen werden Wissen und Ausrüstung von den USA an Ägypten weitergegeben. Viele westliche Entscheidungsträger sehen das ägyptische Militär als stabilisierende Kraft an, das das Friedensabkommen gesichert hat und als Partner im Kampf gegen den Terror auftritt. Westliche Politiker sind auch überzeugt, dass das Militär wachsende islamistische Einflüsse ausgleichen kann.

Aus diesen Gründen scheint das Militär derzeit die beste Option zu sein – sowohl für die Stabilität innerhalb Ägyptens als auch für die Region allgemein. Es bleibt abzuwarten, wie sich die verkrusteten Befehlsstrukturen und alten Eliten innerhalb der Armee auf den rasanten Wandel einstellen. Die Welle der Veränderung wird vom Militär nicht aufzuhalten sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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