Mit Vollgas ins Chaos

von Fernando Cardim de Carvalho18.11.2010Außenpolitik, Wirtschaft

Der Internationale Währungsfonds war konzipiert als Garant für die Stabilität der internationalen Finanzmärkte. Heute macht die Organisation vor allem Schlagzeilen durch verfehlte Entwicklungspolitik. Doch ein Umdenken setzt ein. Wir beginnen, Alternativen zum neoliberalistischen Dogma der 1990er ernst zu nehmen.

Auf der Konferenz der Finanzminister in Bretton Woods wurden 1944 zwei Institutionen geschaffen: der Internationale Währungsfonds (zur Überwachung der Wechselkurse, als Garant kurzfristiger Finanzhilfen und zur Stabilisierung der Zahlungsbilanzen mit Mitgliedsländern) und die Weltbank (zur Finanzierung des europäischen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg). Beide Institutionen wurden also geschaffen, um primär die Wirtschaft der westlichen Industrienationen zu unterstützen.

Politik statt Wirtschaftshilfen

Diese Hilfefunktion ging mit der Zeit verloren. Die Weltbank kam noch am besten damit klar und verlagerte ihre Arbeit in das Feld der Entwicklungspolitik. Doch für den IWF war die Entwicklung von flexiblen Wechselkursen traumatisch. Die westlichen Volkswirtschaften waren nicht mehr gezwungen, sich des IWF zu bedienen und in Zeiten kritischer Zahlungsbilanzen seinem Rat zu folgen. Seit Ende der 70er-Jahre liehen nur noch Entwicklungsländer Geld beim IWF. Der Fonds hörte auf, Wächter über die Finanzstabilität zu sein, und wurde zum Vermittler zwischen reichen Geberländern und ärmeren Staaten, die zu notleidenden Schuldnern wurden. Zur Bewältigung dieser neuen Klientel erweiterte der Fonds die Kreditlaufzeiten und begann, anspruchsvolle strukturelle Konditionen als Garantien für Kredite zu definieren. Entwicklungsländer mussten ihre Strukturen ändern, um einen Kredit zu erlangen, anstatt sie nur anzupassen. Die Politik des IWF begann, die Grenzen der Makroökonomie zu transzendieren. Innerhalb des IWF wurde diese Entwicklung in den 90er-Jahren nicht hinterfragt. Die Belange und Wünsche der Entwicklungsländer wurden oftmals mit Füßen getreten, wenn dadurch die Vision eines angelsächsischen freien Marktkapitalismus durchgesetzt werden konnte. Der freie Markt war die einzige legitime – weil effizienteste – Option. Dass nachhaltige Entwicklung durch dieses sogenannte Washington-Konsensus-Modell nicht gefördert wurde, ist dabei trotz zahlreicher Gegenbeispiele ignoriert worden.

Ideologie und Interessenpolitik

Dabei war es genau der liberale Radikalkurs, der Instabilität bedingte. Ländern, die ihre Handelsbarrieren auf Drängen des IWF in den 90er-Jahren abbauten, hatten wiederholt mit Krisen zu kämpfen. Fehlende Organisation von Produktion trug ihr Übriges dazu bei. Der IWF hatte versucht, markwirtschaftliche Strukturen in Ländern zu implementieren, die dazu einfach nicht bereit waren. Ideologie und die Interessen zumindest einiger der Geberländer ließen den Währungsfonds zu einem Instrument der Verarmung werden. Die Asienkrise der späten 90er hat gezeigt, dass der IWF sich nicht scheute, dem Schaden Beleidigung hinzuzufügen. Die Schäden durch Liberalisierung der Finanz- und Kapitaleinlagen, die erfolgreichen Volkswirtschaften zugefügt wurden, wurden weiter durch Strukturanpassungsprogramme verschärft, die der IWF im Gegenzug für finanzielle Hilfen verlangte. Das erklärt auch, warum viele asiatische Staaten um das Jahr 2000 herum massive finanzielle Rücklagen gebildet haben, anstatt auf dem internationalen Markt zu investieren. Bloß keine Abhängigkeit vom IWF, das war ihre Devise. Endlich scheint der IWF zumindest in Ansätzen die eigenen Fehler der jüngsten Vergangenheit begriffen zu haben. Auch wenn es keine öffentliche Ankündigung einer Veränderung seiner Sichtweise gegeben hat, so wurden doch leise und diskret Signale gegeben, dass man willens ist, seinem Auftrag mit mehr Vernunft nachzukommen. Andererseits sondieren die G20-Staaten die Möglichkeit eines Wandels in ihrer Politik, um dem Einfluss der Entwicklungsländer mehr Gewicht zu verleihen. Wenn es auch nur ein Anfang und noch nichts entschieden ist, so ist es doch eine Verbesserung, verglichen mit der Situation in den 90er-Jahren.

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