Geliebtes Smartphone – bist Du böse?

von Felix Sühlmann-Faul19.07.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Wir alle lieben unsere Smartphones. Sie enthalten unsere Fotos, unsere Musik, Nachrichten unser Freunde – sie sind quasi ein kleines, elektronisches „Ich“. Unsere Liebe zu den Geräten erzeugt jedoch Nachhaltigkeitsdesaster in anderen Teilen der Erde.

Aktuell gibt es in Deutschland 57 Millionen Nutzerinnen und Nutzer eines Smartphones. Das entspricht ungefähr 69 Prozent der gesamten Bevölkerung. 2009 waren es lediglich 6,3 Millionen Nutzende. 432 Millionen Smartphones wurden weltweit allein im vierten Quartal 2016 im Einzelhandel verkauft. Diese enorme Verbreitung hängt mit einem ebenfalls großen Schwund zusammen: Smartphones werden im weltweiten Durchschnitt bereits nach rund 20 Monaten gegen ein neues Gerät getauscht. Ein solch schneller Wechsel sollte aber dringend überdacht werden. Wie im Folgenden beschrieben wird, sind die Geräte von der Wiege bis zur Bahre eine Katastrophe für die ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Die Bauteile eines Smartphones bestehen aus 50 bis 75 verschiedenen chemischen Elementen. Und wie bei anderen elektronischen Geräten werden dafür Rohstoffe benötigt, die in Schwellen- und Entwicklungsländern abgebaut werden. Weil der Bedarf so hoch ist und die Nutzungsphase der Geräte so kurz, entsteht hier ein starkes Spannungsverhältnis. Denn in den Ländern, die die Rohstoffe für die Smartphones liefern, erzeugt die Gewinnung erhebliche soziale und ökologische Probleme. Etwa benötigen die Telefone die vier sogenannten „Konfliktmineralien“ Tantal, Zinn, Wolfram und Gold. Die Demokratische Republik Kongo (DRK) exportiert alle vier dieser Stoffe.

Konfliktbehaftet sind diese Mineralien, weil der Abbau vor Ort Rebellentruppen finanziert. Die Rebellen sind im Besitz des Bergbaus und/oder Teilen des Handels mit den Mineralien. Sie finanzieren mit dem Gewinn die Waffen zur Sicherung ihrer Macht und destabilisieren so die Region, was noch viele weitere Probleme mit sich bringt. Im Umfeld der Bergbauanlagen wurde Zwangs- und Kinderprostitution beobachtet, HIV und Aids breiten sich aus. Laut der Weltflüchtlingsorganisation UNHCR liegt die Zahl der registrierten Geflüchteten aus der DRK bis dato bei einer dreiviertelmillion Menschen.

Giftschlamm

Die ökologischen Probleme zeigen sich am deutlichsten beim Abbau seltener Erden, die für unsere smarten Geräte ebenfalls benötigt werden. Diese Metalle wie Neodym oder Lanthan werden aus Mineralgestein gewonnen, das mit Säuren ausgewaschen wird. Aufgrund der geringen Konzentration (daher „selten“) der Stoffe müssen viele Tonnen Gestein ausgewaschen werden, um wenige Gramm der Metalle zu erhalten. Durch den Abbau entsteht giftiger Schlamm. Der weltgrößte Tümpel dieses Schlamms befindet sich in der Mongolei mit 10 Km² Fläche. Er besteht aus 160 Millionen Tonnen Abfall, 17,5 Millionen Kubikmeter hochradioaktivem Abwasser, Schwefelsäure und Fluorwasserstoffsäure.

Energieverbrauch der Produktion

Sind die Rohstoffe gewonnen, bringen die Einzelteile des Smartphones lange Wege hinter sich. Schon der Transport der einzelnen Bauteile erzeugt ein hohes CO2-Aufkommen. Hinzu kommt die fossile Energieerzeugung in den Regionen, in denen die meisten Teile hergestellt werden. 85 Prozent der Anteile eines iPhones werden bspw. in China gefertigt. In den Ländern des südostasiatischen Raums ist Kohle als Grundlastversorgung bislang unersetzbar. Durch die allgegenwärtige Digitalisierung ist Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) der Sektor, der den höchsten Anstieg von Emissionen erzeugt.

Am Beispiel des Samsung Galaxy S6 zeigt sich nach Angaben aus dem Nachhaltigkeitsbericht des Herstellers, dass Herstellung und Transport über 80 Prozent des Energieverbrauchs und damit der Emissionslast des Geräts ausmachen.

Reparatur? Fehlanzeige!

Der Trend zu dünneren Geräten mit möglichst großem Display und die Verwendung von Glas auf der Rückseite laufen der Option zuwider, etwa den Akku einfach wechseln zu können. Eine weitere Hürde stellt die Verwendung von Schrauben mit Sonderformat dar. Damit ist eine Reparatur für einen Laien quasi unmöglich und für Fachleute zunehmend aufwendig. Ist ein Bauteil des Telefons defekt, ist es häufig ein „wirtschaftlicher Totalschaden“, weil es so kompliziert ist, an das betroffene Bauteil überhaupt erst heranzukommen.

Ätzender Müll

Am Ende des Smartphonelebens steht dann die Müllkippe. Der Fachbegriff für Technikschrott lautet „waste electrical and electronic equipment (WEEE)“ bzw. „E-Waste“. Die weltweite Menge an anfallendem E-Waste betrug im Jahr 2017 über 60 Millionen Tonnen. Das entspricht dem Gewicht des Empire State Buildings multipliziert mit 200. Aufgrund des kurzen Lebenszyklus von Mobiltelefonen stellen diese das größte Problem dar. Sie machen bei weitem den größten Anteil des anfallenden Schrotts aus.

Technik ist an sich keine ökologische Bedrohung während der Nutzungsphase. Als E-Waste ist sie jedoch eine besonders aggressive und schädliche Art Müll. Die Platinen und Akkus von Computern, Mobiltelefonen und anderen Geräten enthalten zumindest ein giftiges Metall, meist handelt es sich um Blei, Cadmium oder Beryllium.

Alle diese Stoffe können bei Kontakt schwere organische Erkrankungen erzeugen. Von den Müllkippen aus geraten giftige Chemikalien in Boden und Luft und schädigen Umwelt und Menschen in den umliegenden Kommunen. Die Menschen vor Ort, darunter viele Kinder, zertrümmern ohne Schutzbekleidung die kaputten Geräte oder stecken deren Plastikgehäuse in Brand, um an verwertbare Rohstoffe zu kommen. Diese werden auf Schrottmärkten zu Geld gemacht.

Verantwortung wird exportiert

Aber auch Recycling ist bei Tablets, Smartphones oder Computern nicht das, wofür man es halten könnte. Besonders für Elektronik existiert kein Stoffkreislauf, der eine Wiederverwertung verbauter Materialien ermöglicht. Auch können einmal verbaute seltene Erden nicht wiedergewonnen werden und gehen unwiederbringlich bei der Herstellung eines Geräts verloren.

In den USA werden 50 bis 80 Prozent der zu recycelnden Elektrogeräte in die Länder des Fernen Ostens, Indien, Afrika und China exportiert. Dort angekommen, werden die Altgeräte von Hand, meist ohne geeignetes Werkzeug oder Schutzbekleidung, zerlegt.

Konflikthafte Liebe

Fassen wir zusammen: Die Nachhaltigkeitsdefizite der Smartphones sind vielfältig. Hohe Absatzzahlen und kurze Lebenszyklen bedeuten mehr Bedarf an Rohstoffen und auch mehr Elektroschrott, was problematische Folgen für viele bedeutet: vergiftete Böden und Luft, Umweltzerstörung, Krankheit und Gewalt.

Was können wir tun? Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht wegzudenken, es enthält unsere Bilder, unsere Musik, stellt Kontakt zu unseren Freunden her, ist Arbeits- und Spaßmaschine, unser persönlichster Besitz – es ist ein erweitertes Selbst!

Lebensverlängernde Maßnahmen

Da die Herstellung des Telefons selbst schon so enorm viel Energie braucht, verbessern sämtliche lebensverlängernde Maßnahmen die Ökobilanz des Smartphones. Das eigene Telefon möglichst lange zu nutzen, ist das Beste, was man tun kann. Schutzhüllen, Displayfolien und akkuschonendes Laden halten das Telefon lange schön und lebendig. Und Nutzerinnen und Nutzer von Android können stets neue Versionen des Betriebssystems über sogenannte Customs Roms nach Ablauf der Garantie aufspielen.

Wenn man zwar ein altes funktionierendes Smartphone hat und ein neues Gerät haben möchte, ist das Recycling des alten Geräts – wie beschrieben – die am wenigsten nachhaltige Option. Das Smartphone kann aber ein zweites Leben führen: z. B. als interaktiver Tischkalender, als Babymonitor, Küchenradio oder digitaler Bilderrahmen. Auch eine Spende für gute Zwecke ist nachhaltig. Und das neue Gerät kann dann am besten ebenfalls ein Gebrauchtes sein. Denn der wichtigste Nachhaltigkeitsfaktor ist Suffizienz – die Begrenzung des eigenen Lebensstils und Konsums. Und wenn es einem in den Fingern juckt, weil etwa die Veröffentlichung des neuen iPhones vor der Tür steht, sollte man an einen gewissen Schlammsee in der Mongolei oder die Gewalt in der Republik Kongo denken.

Der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul forscht seit ca. drei Jahren im Bereich Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Zuletzt verfasste er eine Studie zu den Nachhaltigkeitsdefiziten der Digitalisierung und möglichen Handlungsempfehlungen im Auftrag des WWF Deutschland und der Robert-Bosch-Stiftung. Hier finden sie eine kurze Zusammenfassung, eine ausführliche Zusammenfassung und die komplette Studie.

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