Haben wir immer mehr Rassismus beim Fussball? | The European

Die allermeisten Fankurven haben einen Selbstreinigungsprozess durchgemacht

Felix Maximilian Leidecker8.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Ich möchte die Problematik rund um Rassismus und Homophobie im Fußball nicht kleinreden- aber es stört mich, dass erzählt wird, diese Phänomene würden zunehmen. Wer das erzählt, der hat entweder keine Ahnung oder er lügt, denn genau das Gegenteil ist richtig. Und jeder, der die letzten 20 Jahre in den deutschen Fußballstadien miterlebt hat, wird das bestätigen können.

Mann mit aggressiver Ausdrucksweise mit einer Fahne, die sein Gesicht bedeckt, Shutterstock

Ich möchte gerne ein paar Worte zum Thema Rassismus, Homophobie und Antisemitismus im Fußball verlieren. Als jemand, der sich lange in einer aktiven Fanszene bewegt hat maße ich mir an, das um einiges besser beurteilen zu können, als diese ganzen Politikjournalisten, die seit dem Wochenende mal wieder den Fußball für sich entdeckt haben.

Ich bin Jahrgang 1985, habe ab 1991 selbst Fußball gespielt, bin Zeit meines Lebens zum FC Bayern gefahren und war von meinem 16 bis zu meinem 27. Lebensjahr wirklich sehr aktiv in der Fanszene.

Als ich angefangen habe, Ende der Neunziger/ Anfang der 2000er viel auswärts zu fahren, standen gerade bei der älteren Fan-Generation Rassismus und Antisemitismus noch sehr hoch im Kurs. Das fing damit an, dass bei Europacupspielen gerne „Wir sind wieder einmarschiert“ skandiert wurde, gegen angebliche „Judenklubs“ gehetzt oder „SS! SA! Bavaria!“ skandiert wurde. Und da war der FC Bayern mit Sicherheit keine Ausnahme. Das ekelhafte „Auschwitz-UBahn-Lied“ wurde in fast jedem Stadion von irgendwelchen besoffenen Idioten gegrölt. Homophobie war allgegenwärtig- Rufe wie „Möller! Möller! Homosexueller!“ bis „Schwuuler, Schwuuuler Mehmet Scholl“ waren Stadienfüllend. Das war damals an der Tagesordnung. An jedem verdammten Spieltag, in jedem einzelnen Stadion in Deutschland.

Wir als Junge in der Kurve hatten darauf keinen Bock. Das Eintreten gegen Rassismus oder Homophobie war damals aber nicht so gratis wie heute, wo Du einmal „Nazis raus!“ rufst und das ganze Stadion applaudiert Dir. Wenn Du damals als 16jähriger zu irgendwelchen doppelt so alten Kutten- oder Bomberjacken-Trägern gegangen bist und was dagegen gesagt hast, dann konnte es halt einfach auch mal sein, dass Du ein paar auf die Zähne kriegst- und keinen hat es interessiert. Auch nicht den SPIEGEL oder die Süddeutsche Zeitung.

Mir und vielen anderen war das damals wichtig- ich habe es aber nie als politisches Engagement angesehen, sondern eher als eine Sache des gesunden Menschenverstandes.

Es waren die Fanprojekte und vor allem auch die viel gescholtenen Ultra-Szenen, die ab Mitte der 2000er-Jahre begonnen haben, dagegen zu halten. Mit Antirassistischen Projekten, in München beispielsweise mit Bildungsarbeit zum Thema Antisemitismus und der jüdischen Geschichte des FC Bayern. Das war ein langsamer und teilweise steiniger Weg- aber er hat sich ausgezahlt. Diese Ausfälle gibt es heute so gut wie nicht mehr. Das hat vielleicht auch viel damit zu tun, dass sich speziell München zu einer sehr linken Fanszene entwickelt hat, was übrigens wiederum auch einige Probleme mit gewissen Exzessen in dieser Richtung mit sich bringt- das führt hier jetzt aber zu weit.

Fakt ist: Ich möchte die Problematik rund um Rassismus und Homophobie im Fußball nicht kleinreden- aber es stört mich, dass erzählt wird, diese Phänomene würden zunehmen. Wer das erzählt, der hat entweder keine Ahnung oder er lügt, denn genau das Gegenteil ist richtig. Und jeder, der die letzten 20 Jahre in den deutschen Fußballstadien miterlebt hat, wird das bestätigen können.

Heute wird mehr darüber berichtet, weil wir ZUM GLÜCK sensibilisierter sind, was diese Themen angeht. Und weil die Fanprojekte und die Fanszenen selbst viel in diesen Bereichen leisten. Dass beispielsweise die Affenlaute gegen einen Spieler heute eine so große Aufmerksamkeit erhalten, ist ein gutes Zeichen- denn es bekommt auch diese Aufmerksamkeit, weil es insgesamt zum Glück die Ausnahme im deutschen Fußball geworden ist. In den Neunzigern war das noch der traurige Normalzustand in deutschen Stadien. An jedem verdammten Wochenende und niemanden hat das interessiert.

Was ich damit sagen will: Jeder dieser Fälle ist einer zuviel. Aber die allermeisten Fankurven in Deutschland haben hier sehr gute Selbstreinigungsprozesse durchgemacht. Mein Eindruck ist, dass es hier leider auch bestimmte politische Kreise gibt, die ein Phänomen von einem angeblichen „Rechtsruck“ in deutschen Fußballstadien konstruieren wollen, den es so schlicht nicht gibt. Das Gegenteil ist der Fall.

Und natürlich gibt es auch weiterhin schlimme Dinge in Fußballstadien: Neonazis auf der Dortmunder Südtribüne, Rechtsradikale in einigen Ost-Szenen: Alles unbestritten und alles Dinge, gegen die man einstehen muss. Aber ich will auch klar sagen: Gerade der Fußball ist in diesen Dingen auf einem sehr guten Weg und in den letzten Jahren hat sich das meiste massiv zum positiven entwickelt. Das gilt es auch einfach mal festzuhalten. Der Fußballfan darf auch nicht immer nur der Prügelknabe für die politischen Kommentatoren sein- wenn man keine Ahnung von einem Thema hat, bietet es sich auch an, einfach mal nicht darüber zu schreiben.

 

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