Vom Fressen und der Moral

von Felix Löwenstein19.08.2011Außenpolitik, Wirtschaft

Kaum jemand bezweifelt heute noch, dass Hunger von Menschen geschaffen wird – durch lokale Korruption und globale Ausbeutung. Doch wie geht es weiter? Die Menschen vor Ort müssen sich unabhängig machen – von den Geldern des Westens, aber auch von der Chemie, die Böden zerstört und Nachhaltigkeit unmöglich macht.

Im Alten Testament ist eine berühmte Geschichte nachzulesen, die zeigt, wie die Auswirkungen auch von schlimmen Dürreperioden durch gutes Regieren gemildert werden können. Es geht um Josef, auf dessen Rat hin sieben fette Jahre dazu genutzt wurden, die Vorräte anzulegen, mit deren Hilfe das Volk Ägyptens sieben dürre Jahre überstehen konnte. Zugegeben: Josef arbeitete mit übernatürlicher Hilfe, die ihm in verschlüsselten Träumen mitteilte, wann die beiden Perioden beginnen und enden würden. Aber auch ohne solche Vorankündigung ist absehbar, dass in den niederschlagsarmen Regionen Afrikas periodisch der Regen aussetzt.

Eine vorausschauende und verantwortungsvolle Politik

Dass die “Hungerkatastrophe , die die Menschen am Horn von Afrika in diesen Tagen so fürchterlich heimsucht, menschengemacht ist, bedarf insofern eigentlich keiner Debatte mehr. Von zerstörten Agrar- und Infrastrukturen und der Beanspruchung aller Ressourcen für die Bewaffnung der miteinander in Fehde liegenden Clans wurde ausgiebig berichtet. Auch dass im Zuge von land-grabbing g große Flächen gerade in den fruchtbarsten Landstrichen an internationale Großinvestoren aus China, den Golfstaaten und anderen Weltregionen verkauft oder verpachtet und somit der bäuerlichen Nahrungserzeugung entzogen wurden, ist bekannt. Und dass die dringend benötigten Hilfslieferungen nicht zu den Hungernden gelangen können, weil das aktiv von Milizen verhindert wird, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen . Auf einen größeren Zusammenhang verweisen die Berechnungen der Klima-Wissenschaftler, die schon seit etlichen Jahren in den jetzt betroffenen Weltgegenden die Zunahme von extremen Wetterereignissen wie das Ausbleiben von Niederschlägen vorhergesagt haben. Diese Veränderungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Verbrauch von fossiler Energie und einer erheblich zur Anreicherung von Treibhausgasen beitragenden Landwirtschaft. Verursacher davon sind nicht die Menschen in den betroffenen Regionen, sondern wir, die wir in gemäßigten Klimaten Industriegesellschaften aufgebaut haben, die mehr Ressourcen verbrauchen, als ihnen zu Verfügung stehen. Nicht nur die Kolonialgeschichte hat damit zu tun, dass es in Ländern wie Äthiopien und Somalia an Strukturen fehlt, die Zeiten niedriger landwirtschaftlicher Erträge überbrücken könnten. Daran trägt auch eine jahrzehntelange europäische Agrarpolitik Schuld. Sie hat zu Überschüssen geführt, die zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt entsorgt wurden. Andere Industriegesellschaften haben sich gegen solche Niedrigpreise durch entsprechende Import-Zollsysteme geschützt. Nicht so die Staaten Afrikas . Ihre Landwirtschaften waren der unfairen Konkurrenz so intensiv ausgesetzt, dass sie trotz minimaler Arbeitskosten nicht mehr mithalten konnten. In der Folge konnten die Bauern keine Einkommen mehr auf dem Markt erwirtschaften, die es ihnen möglich gemacht hätten, in Technik, Lagereinrichtungen und Vermarktungsstrukturen zu investieren.

Bio statt Ausbeute

Auch die Hinwendung zu einer Landwirtschaft, die auf den Anbau nur noch weniger Arten von Feldfrüchten und auf den Einsatz von Mineraldünger und von Agrarchemie setzt, hat die Menschen anfällig für extreme Schwankungen gemacht. Für Schwankungen des Klimas ebenso wie des Marktes. Hier wird besonders deutlich, wie dringend erforderlich es ist, eine ökologische Landwirtschaft zu entwickeln, die ohne den kostenaufwendigen Input aus den Chemiefabriken des Nordens auskommt, die einen Risikoausgleich durch Vielfalt aufeinander abgestimmter und sich ergänzender Kulturen vornimmt und durch die die Bodenfruchtbarkeit erhöht wird. Eine von 2001 bis 2006 vorgenommene Studie der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen im Tigray, einer besonders armen Region Äthiopiens, hat den Erfolg solcher Konzepte eindrucksvoll belegt. Beim Vergleich von fast 800 Feldern, von denen ein Teil mit mineralischem Stickstoffdünger, der andere mit Kompost gedüngt worden war, zeigte sich ein deutlicher Ertragsvorteil der organisch gedüngten Parzellen. Der dort erfolgte Aufbau von Bodenfruchtbarkeit durch Humusbildung erhöht zudem die Wasserhaltefähigkeit des Bodens und damit das „Durchhalten“ in Zeiten geringer Niederschläge. Dass auch an solchen Standorten nichts mehr wächst, wenn nach zwei niederschlagsfreien Regenzeiten einfach gar kein Wasser mehr zur Verfügung steht, steht allerdings außer Frage.

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