Eine Lanze für gutes Essen

von Felix Löwenstein17.10.2010Gesellschaft & Kultur

Mutter wusste noch, was gutes Essen ist. Heute werden immer mehr Menschen Zeugen der eigenen Verfettung. Dabei ist Bio durchaus erschwinglich – und gut in zweifacher Hinsicht. Neben der Gesundheit geht es auch um die ethisch vertretbare Herkunft der Nahrungsmittel.

Renate Künast hat immer behauptet, die Deutschen hätten die teuersten Küchen und das billigste Essen. Nicht auszuschließen, dass sie damit recht hatte. In England gibt es das Gegenmodell: Häuser ohne Küche, dafür mit Mikrowellenherd. Finde ich auch nicht prickelnd. Dass auch wir Deutschen als Volkswirtschaft ebenso wie als Volk ein massives Ernährungsproblem haben, ist wohl kaum zu leugnen. Was uns schlechte Ernährung kostet, ist vielfältig und beschränkt sich keineswegs auf den immer unerfreulicher werdenden Anblick von immer mehr Menschen in der Fußgängerzone. Mit über 50 Milliarden Euro werden die durch ungesunde Ernährung verursachten Gesundheitskosten beziffert – damit könnte man jedes Jahr eine ansehnliche Bank retten. Die Produktion des billigen Fleisches, das man für ein anständig ungesundes Essen braucht, häuft darauf noch die Umweltkosten einer sich zunehmend konzentrierenden industriellen Tierhaltung: für Grund- und Oberflächenwasser, für die Reinheit der Luft, für das Klima. Die Tiere selbst nicht zu vergessen, deren Leiden als Fabrikprodukt nötig ist, damit uns das Schnitzel über den Tellerrand lappt, aber nur einen Apfel und ein Ei kostet.

Gegen die Volksverfettung

Um dagegen anzugehen, hilft Ernährungsbildung. Es würde sich lohnen, da anständig zu investieren. Aber in was genau? Michael Pollan stellt in seinem wunderbaren Buch “In the Defense of Food” fest, der Mensch sei das einzige Tier auf diesem Globus, das Professoren braucht, um zu wissen, was es essen soll. Er rät uns, doch einfach unsere Mutter zu fragen, die wüsste noch, was Essen ist – Essen im Gegensatz zu Nährstoffen, Vitaminen und Kohlehydraten, ungesättigten und Omega-3-Fettsäuren und was immer sonst man uns noch beibringen möchte. Leider gibt es diese Mütter aber auch immer weniger, da muss man sich schon an die Großmutter halten – und wenn auch die nicht mehr zur Verfügung steht, dann muss es eben doch die Schule sein, die den Kindern neben Mathe und Englisch beibringt, wie Lebensmittel entstehen, und auf praktische Art darauf Lust macht, gut und gesund zu essen. Für uns Ökobauern ist es erfreulich, dass immer mehr Menschen es satthaben, Essen zu kaufen, das zweifach krank macht: wenn es produziert wird und wenn es gegessen wird. Die große nationale Verzehrstudie des staatlichen Max-Rubner-Instituts in Karlsruhe hat gezeigt, dass Menschen, die Bio kaufen, auch gesünder leben – erstaunlich ist das nicht. Erstaunlich ist, dass sie dabei nicht wirklich teurer leben. Wer sich nicht mit Fast-Food- und Convenience-Artikeln malträtiert, wer seinen Fleischkonsum auf die Menge reduziert, die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen wird, wer lieber mit frischem Gemüse kocht, als Tiefkühlpizzen aufzutauen, spart eine Menge Geld. Das tut er selbst dann, wenn er Bio kauft – und bekommt noch gratis das gute Gefühl dazu, in vieler Hinsicht das Richtige zu tun.

Bio ist doppelt wichtig

Am Ende ist alles eine Frage der Kultur, in Ursache und in Wirkung. Wer sich nicht mehr mit einer Familie regelmäßig an den Tisch setzt, sich miteinander unterhaltend statt kauend den Fernseher anzustarren, der wird auch keinen Drang verspüren, Essen zu genießen. Es ist nicht von ungefähr, dass in religiösen ebenso wie in gesellschaftlichen Riten das Essen einen zentralen Platz einnimmt. Für Kühe hat Fressen nur den Sinn der Zufuhr von Nahrungsenergie. Es ist die Leistung menschlicher Zivilisation, darüber hinausgekommen zu sein. Der Verlust an Esskultur kostet uns deshalb nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch das Ergebnis Jahrtausende alter Kulturleistung!

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