Haiti ist nicht zu retten!

von Felix Löwenstein15.01.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Augen der Welt sind entsetzt auf eine Insel in der Karibik gerichtet. Haiti, das √§rmste Land der westlichen Hemisph√§re, wurde von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Tausende Tote und eine humanit√§re Katastrophe sind die Folge. Es stellt sich nun die Frage, wie und ob √ľberhaupt Haiti noch zu retten ist. Die Antwort ist nein. Dennoch brauchen die Bewohner Haitis unsere Hilfe.

Das Ausma√ü der Erdbebenkatastrophe in Haiti √ľbersteigt jedes Vorstellungsverm√∂gen. Selbst massiver Einsatz von erfahrenen, gut ausger√ľsteten Hilfsteams aus aller Welt wird nicht verhindern k√∂nnen, dass Abertausende unter den Tr√ľmmern qualvoll zugrunde gehen, weil niemand zu ihnen vordringt, und dass Verletzte durch die Infektion von Wunden sterben, die zu normalen Zeiten problemlos versorgt h√§tten werden k√∂nnen. In den folgenden Tagen wird das Sterben sich durch Mangel an Wasser ‚Äď denn durch Port-au-Prince flie√üt nicht einmal die Andeutung eines Flusses ‚Äď, durch den Ausbruch von Krankheiten, durch Hunger und Ersch√∂pfung fortsetzen. Und wie soll dann der Aufbau einer, wie es scheint, nahezu komplett zerst√∂rten Millionenstadt in einem Land bew√§ltigt werden, das auch zuvor √ľber keine nennenswerte Wirtschaftskraft verf√ľgt? ¬†

Haiti ist am Ende

Auf furchtbare Weise konzentriert, spiegelt die Situation ein andauerndes Dilemma: Es gibt keine Form der Hilfe, die die Probleme Haitis l√∂sen kann. Wie an kaum einem anderen Ort kann man au√üerhalb der vernichteten Hauptstadt seit vielen Jahren ein Beispiel besichtigen, wie der Mensch seine nat√ľrlichen Lebensgrundlagen √ľber einen Point of no Return hinaus zerst√∂ren kann. Ein Gro√üteil des haitianischen Ackerbodens ist schon l√§ngst ins Meer geschwommen, die radikale Entwaldung hat ganze Landstriche in W√ľsten verwandelt, und da keine Krume mehr da ist, die die heftigen Niederschl√§ge aufnehmen und dem Grundwasservorrat zuf√ľhren k√∂nnte, flie√üen immer mehr Quellen nur noch in der Regenzeit. In ebenso erodiertem Zustand befinden sich die gesellschaftlichen Strukturen des Landes. ¬† Ich habe als Entwicklungshelfer drei Jahre lang in Haiti gearbeitet und danach f√ľr Misereor noch mehrere Projektevaluierungen dort vorgenommen. Dass ich √ľber all die Aussichtslosigkeit nicht verzweifelt bin, verdanke ich dem Wechsel zu einer Perspektive, die auch die Helfer in Port-au-Prince in diesen Tagen einnehmen m√ľssen: Ich kann nicht allen helfen, und ich kann Haiti nicht retten. Aber ich kann dem konkreten Menschen zur Rettung werden, dem ich gegen√ľberstehe. Ich kann in einem konkreten Dorf mit den dort lebenden Familien Wege entwickeln, wie sie unabh√§ngiger werden von der √úberweisung des Verwandten aus den USA, wie sie mehr Wert herstellen aus ihrer H√§nde Arbeit, wie sie gr√∂√üere Sicherheit f√ľr den Fall von Krankheit oder Wirbelsturm schaffen.

Den Menschen kann geholfen werden

F√ľr diese Art der Hilfe sind kirchliche Hilfswerke am besten aufgestellt. Denn sie verf√ľgen √ľber seit Jahrzehnten aufgebaute Strukturen, die unabh√§ngig von der wechselnden, nur allzu oft korrupten staatlichen Macht sind. Auch sie arbeiten mit Menschen ‚Äď also mit Individuen, die mal faul, mal flei√üig, mal ehrlich und mal korrupt, erfinderisch oder fantasielos sind, und deshalb kann viel schiefgehen. Aber die Attit√ľde eines Kollegen, der mir damals versicherte, man k√∂nne in Haiti so wunderbar Entwicklungshilfe betreiben, wenn es die Haitianer nicht g√§be, taugt nicht einmal als dummer Witz ‚Äď sie ist fruchtlos. ¬† Der Aufbau kirchlicher Institutionen und Hilfsorganisation, die nun in Tr√ľmmern liegen, muss im gro√üteils religi√∂sen Haiti eine Priorit√§t sein. Nicht nur weil gerade im gr√∂√üten Elend den Menschen ein Ort bleiben muss, an dem die Seele √ľber den Alltag hinausgehoben werden kann. Sondern auch weil von hier aus dem Menschen viel konkretere Hilfe und Anleitung zukommen kann. Dass beispielsweise Stra√üenkinder-Projekte und Waisenh√§user ihre Arbeit so schnell wie m√∂glich wieder aufnehmen k√∂nnen, ist nun n√∂tiger denn je.

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