Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Kerstin Bund

Mitfahrgelegenheit

Verkehrspolitik denkt nicht weit genug: Das Auto wird nicht verschwinden, aber es muss vom persönlichen Transportmittel zum Gemeinschaftsgut werden.

Kopenhagen, Amsterdam, Melbourne: Städte kommen weltweit mit weniger Autos aus. Sie vergeben den gewonnenen Platz an das öffentliche Leben, an Fußgänger und oft auch an Fahrradfahrer. Schon seit 1962 verbannte Kopenhagen schrittweise die private Motormobilität aus der Innenstadt. Mit dem gewonnenen Platz gewann das öffentliche Leben: Kopenhagener befinden sich viel häufiger auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Ja, Kopenhagen gilt als die Stadt mit höchster Lebensqualität weltweit. Selbst der Times Square in New York, ikonischer Ort des vergangenen Jahrhunderts, wird dem Flaneur zurückgegeben. Ist also die Zukunft der Stadt autofrei?

Unliebsame Konsequenzen

Doch von Anfang an. Automobilität ist eine Errungenschaft der Moderne: sie erlaubt das Einfamilienhaus im Vorort. Und sie bringt mit dem Auto das prädestinierte Statussymbol der vergangenen Epoche hervor. Im Überschwang überwand das System sein Ziel: Stau, Luftverschmutzung, Stress durch Lärm und soziale Segregation kristallisierten sich als unliebsame Konsequenzen, nicht immer für den einzelnen Autofahrer, doch aber für die Gesellschaft. Die staatlichen Institutionen reagieren und versuchen, diese schädlichen Folgen zu mindern. So gibt es immer mehr Standards für Autos, aber auch Umweltzonen und Verkehrsmanagement. Doch diese Reaktion ist nur eine Variation des Autoparadigmas, es wird weiter vom Auto aus gedacht.

Ein verkehrsmittelneutrales Paradigma sieht öffentlichen Raum und Mobilität als öffentliches Gut. Wo Menschen sich treffen und interagieren, da ist die Lebensqualität hoch. Interaktion erlaubt das Entstehen und die Weiterverbreitung von Ideen, schafft Gemeinschaften und damit sozialen Zusammenhalt. Dafür braucht es dort, wo Menschen leben, auch Platz, diese Interaktion zu verwirklichen: Straßen, Cafés, Plätze. Und dazu gehört ein Mobilitätssystem, das flexibel und platzsparend ist.
Was bedeutet es, öffentlichen Raum und Mobilität als öffentliches Gut zu denken? Das heißt, dass die Bereitstellung und das Design der Infrastruktur Aufgabe der Gemeinschaft ist. Im Gegenzug macht diese öffentliche Infrastruktur eine Stadt attraktiver und erlaubt damit Einnahmen (z.B. über die Grundsteuer), welche die Finanzierung sichern können.

Quasi-öffentliches Verkehrsmittel

Das öffentliche Gut Mobilität zeichnet sich durch eine hohe Erreichbarkeit der verschiedenen Orte einer Stadt aus – durch multimodale Angebote. Fahrrad- und Fußgängerwege und öffentlicher Nahverkehr erlauben ein rasches Erreichen verschiedener Ziele. Dieses Paradigma definiert sich nicht über das Auto, schließt es also auch nicht aus. Das Taxi ist schon immer Teil eines öffentlichen Verkehrssystems. In Städten wie Berlin und Paris gewinnen flexible und IT-lastige Carsharing-Angebote rasch an Kundenstamm. Das Auto als quasi-öffentliches Verkehrsmittel ist viel platzsparender als das private Auto, da es nicht mehr den Großteil des Tages als ungenutztes Material herumsteht. Für den Städter bedeutet dies die logische Fortentwicklung der Flexibilisierung, die durch das Autozeitalter eingeläutet worden ist: zu jeder Zeit an jeden Ort mit jedem Verkehrsmittel.

Ist die Zukunft der Stadt also autofrei? Sicherlich nicht. Aber in Städten, die Mobilität als öffentliches Gut sehen, wird das Auto sich im multimodalen Kanon einordnen und dabei gleichzeitig flexibler zu nutzen sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Eisenkopf, Thomas Weiss, Andreas Knie.

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