Ich bin nicht der Oberlehrer, der anderen Zeugnisnoten erteilt. Rainer Brüderle

Echte Männer

Wer mit Großmutter die Hitparade sehen musste, weiß, warum er später niemals Schlager hören wird. Public Enemy schlägt Tony Marshall.

Es ist Winter 1979, der deutsche Herbst ist gerade vorbei. Ich bin fünf Jahre alt und besuche meine Großmutter. Zur Begrüßung umarmt sie mich nicht, wie meine andere Großmutter, sie fordert mich auf, einen Diener zu machen. Ich weiß nicht, was das ist. Sie ist etwas empört, schaut mich vorwurfsvoll an und fragt, wieso ich so etwas nicht weiß. Wir gehen in die Wohnung. Die Tapete sieht aus wie Malachit, und es riecht wie in unserem Keller, der letztens unter Wasser stand.

Wir gehen ins Wohnzimmer. Ich stolpere über die Teppichbrücke und stoße gegen den Teewagen, eine kleine Katzenfigur fällt gegen die Flasche Asbach Uralt. Es macht „Ping“. Meine Oma schaut sehr grimmig, als wäre sie der Geist des Weines. Ich setze mich in den Sessel und finde ein rundes Kissen mit Löchern drin. Ich stecke meine Hände hinein. „Leg’ den Handpouf beiseite“, schallt es mir entgegen. Der sei noch von ihrer Mutter und wertvoll.

Außerdem soll ich sie nicht stören, sie wolle jetzt „Fern-sehen“. Sie schaltet ein und es läuft eine Show mit Dieter Thomas Heck. Er kündigt Tony Marshall an. Ich schaue umher und sehe ein Telefon, eingehüllt in grünen Brokatstoff. Ich fummel an der goldenen Brokatspitze herum. Oma herrscht mich an, ich solle aufhören, ich mache nur den schönen Stoff kaputt. Tony Marshall singt „Schöne Maid“, und der lächelnde Kopf meiner Oma schwingt ganz leicht, so als würde er im Meer auf einer Welle schwimmen. Ich schaue auf die Uhr. Das Pendel bewegt sich hin und her. Ich habe das Gefühl, das Pendel wird immer langsamer.

Schlager ist tot

Tony Marshall verabschiedet sich, meine Oma ist begeistert und sagt: „Was ein schöner Mann“. Ich finde, seine Haare sehen aus wie ein toter Pudel. Während ich die Gardine mit Ado-Goldkante beiseite schiebe, um das Fenster aufzumachen, zischt es mir entgegen: „Es ist kalt“. „Stimmt“, denke ich, „hier ist es kalt“. Rex Gildo tanzt über den Schirm. Meine Oma bewundert seine „grazilen“ Bewegungen und sagt: „Das ist ein richtiger Mann“. Ich finde, er bewegt sich wie unsere Nachbarin.

Ich suche Ablenkung und gehe ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch steht eine Flasche Klosterfrau Melissengeist. Ich öffne den Schrank. Darin ist eine blau-güldene Kiste, auf der steht „4711“. In der Kiste befinden sich viele blecherne Anstecknadeln und Münzen. Auf den Münzen ist ein Mann abgebildet, der Ähnlichkeit mit Charlie Chaplin hat. Er hat mich immer zum Lachen gebracht, der Charlie Chaplin.

Heck kündigt jetzt Peter Alexander an. Währenddessen entdecke ich ein Kreuz mit rot-weißem Band. Dann findet mich meine Oma und brüllt mich an. Ich solle nicht rumschnüffeln, ich sei schlimmer als die Gestapo. Was ist die Gestapo? 15 Jahre später weiß ich es, und ich weiß auch: Das Kreuz, welches ich gefunden hatte, war ein eisernes Ritterkreuz.

Peter Alexander ist nun fertig. Heck interviewt ihn und fragt nach seiner Heimat Österreich. „Wir Deutschen haben ein Herz für Österreicher“, sagt Heck. Oma beginnt derweil, mich im Takt des Applauses zu züchtigten. Ich sei sehr „ungezogen“. Ich solle mir gefälligst ein Beispiel nehmen an Peter Alexander. Sie wünscht sich, dass ich auch mal so ein feiner Herr werde. Ich entziehe mich der unangenehmen Situation: indem ich sage „Ich muss Pipi“.

„Diidiiiiii“

Ich sitze auf der Toilette, als ich plötzlich merke, dass ich angestarrt werde. Ein extrem breites Lächeln mit perlweissen Zähnen grinst mich aus Richtung der Toilettentür an. Ich habe Angst. Der Mann, der mich anstarrt, hat keinen Körper, nur sein Kopf hängt an der Tür. Es muss meine Großmutter gewesen sein, die Roberto Blanco enthauptet hat. Er wird noch weitere zehn Jahre auf der Toilette als Geisel des „Kommando Großmutter“ verbringen. Ein bisschen Spaß muss sein.

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Heck kündigt jetzt den gespielten Witz an. Endlich, denke ich, keine Singerei mehr und kein rumhüpfendes Fernseh-Ballett, das sich im Takt von James Lasts hin und her schwingendem Seitenscheitel bewegt. Auftritt: Didi Hallervorden.

Palim Palim. Ich rufe „Diidiiiiii“, meine Oma schnauzt mich an, nicht so laut zu sein. Das „geziemt“ sich nicht. Und außerdem sei der Mann im TV „ordinär“. Ich mag „ordinäre“ Menschen, denke ich, auch wenn ich nicht weiß, was das Wort bedeutet.
Blende.

Hip-Hop lebt

Es ist 1992, und ich stehe als 18-Jähriger auf einem Public-Enemy-Konzert. Hinter Chuck D agiert die „Security of the 1st World“. In ihren schwarzen Uniformen zeigen sie militärische Drill-Routinen zum Takt des „Funky Drummers“ von James Brown. Sie halten dabei Uzi-Maschinenpistolen in der Hand. Flavor Flav rennt durch eine Wand aus Krach und brüllt „Yeeaahh Booyyy“. Namen und Parolen schießen durch die Luft wie Bombensplitter: Malcom X, Martin Luther King, Black Panther usw.

Die L.A.-Riots sind gerade fünf Monate her, die vier Polizisten, die Rodney King fast tot geprügelt hatten, waren vorher freigesprochen worden. Für die gutbürgerliche Elite trägt nur Rap die Schuld am Aufstand. Der amerikanische Vizepräsident Dan Quayle wirft Rappern wie Ice T vor, Jugendliche aufzuwiegeln. Sein Song „Cop Killer“ sei ein Aufruf zum Polizistenmord.

Präsidentschaftskandidat Bill Clinton verurteilt die aus dem Public-Enemy-Umfeld stammende Aktivistin Sister Souljah, weil sie vorschlägt, dass alle Schwarzen, die sonst immer Schwarze töten, einfach mal eine Woche Weiße töten sollen. Wir kaufen ihre Platte. Tipper Gore, die Frau des Vizepräsidentenkandidaten Al Gore, setzt zusammen mit einem Fernseh-Evangelisten die Plattenindustrie so unter Druck, dass diese seit 1990 eine Selbstverpflichtung zur Markierung von Rock- und Rap-Platten akzeptieren. Nun gibt es auf Alben mit „profanen“ Texten den so genannten „Tipper Sticker“. Darauf steht „Parental Advisory – Explicit Lyrics“, eine Warnung an die Eltern gefallener Teenager.

Ich mag „ordinäre“ Menschen

Wegen Public Enemy beschäftige ich mich mit dem Sklavenhandel, der Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und welchen Einfluss sie auf die Entstehung der Hip-Hop-Szene hatte. Das weiße Establishment fühlt sich bedroht. Sie haben Angst, dass sie es mit einer radikalisierten Version der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre zu tun haben. Ich bewundere Chuck D und Ice T dafür, dass sie der Wut von unterdrückten Menschen eine Stimme verleihen. Ich bin offensichtlich ein gefallener Teenager.

Ich spiele meiner Großmutter Public Enemy vor. Sie sagt zu mir: „Mach diese ordinäre Negermusik aus“. Ich frage sie, was ihrer Meinung nach Roberto Blanco dazu sagen würde. „Der ist kein ordinärer Mensch“, sagte sie. Und mir fällt wieder ein: Ich mag „ordinäre“ Menschen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Johannes Musial, Florian Claus, Götz Widmann.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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