Schnelles Geld

Fabrizio Goria6.10.2012Wirtschaft

Der Hochfrequenz-Handel hat den Finanzsektor revolutioniert. Der Markt ist nun schnell, aber auch anonym und unberechenbar. Und schnell.

Mit dem Übergang von Telefonaten zu Klicks ist die Rückentwicklung der Finanzmärkte besiegelt. Die guten alten Zeiten der Geschäfte auf dem Börsenparkett sind gezählt; das Amphitheater, in dem es möglich war, alles Erdenkliche während eines Anrufs zu verkaufen, wurde ersetzt durch Maschinen. Computer haben die Finanzen revolutioniert, so wie die Finanzmärkte das Handeln an sich revolutioniert haben. Normale Computer sind heute schon nicht mehr up to date: Die Ära der Mikrosekunde ist angebrochen. Es ist das Zeitalter des Hochfrequenz-Handels (HFT, High-Frequency Trading) und nun versuchen die Finanzmarktregulierer in der Politik, das Unaufhaltbare aufzuhalten.

Schon wieder Plutokratie

In den letzten fünf Jahren wurde eine neue Generation von Werkzeugen entwickelt, die die ganze Finanzwelt auf den Kopf stellen. Wir sind dank der Technologie auf einem Level angelangt, das vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Praktisch hat das allerdings dazu geführt, dass die Märkte zur Plutokratie geworden sind – mal wieder. Wie schon die Wall Street in den 1920er- und 1930er-Jahren, wird das Finanzuniversum vom Geld regiert. Vor 90 Jahren galt: Je reicher du warst, desto bessere Informationen kauftest du. Heute kaufen die Reichsten schlicht die schnellsten IT-Systeme. Die wichtigste Entwicklung im HFT aber ist, dass die Algorithmen der Systeme passgenau auf die Bedürfnisse der Klienten zugeschnitten sind. Auf diese Weise können Hunderte menschliche Händler ersetzt werden.

Entwickelt zwischen 1998 und 1999, haben HFTs längst die bis dahin existierenden Verhandlungspraxen ersetzt. Von Telerate oder Quotron zu wesentlich komplexeren Systemen: „Verglichen mit den Geräten der NASA, geben die Supercomputer mit ihrer Zahlenverarbeitungskapazität kein schlechtes Bild ab“, sagte ein Handelsanalyst zu „Linkiesta“. Die Systeme operieren in Mikrosekunden und handeln riesige Beträge. HFTs sind überall im Markt: von Aktien zu Anleihen, über Handelswaren bis hin zu Metallen.

Zahlreiche HFT-nomSysteme wurden in den vergangenen Jahren entwickelt. Diese aber als Roboter zu betrachten, ist nicht nur naiv, es ist auch falsch. Denn die Kundenanpassung steht im Vordergrund. Cisco Systems, IBM, Oracle: Die großen Namen der IT-Branche haben Programme geschaffen, die so weit an den Kunden angepasst werden können wie nötig. Darüber hinaus gibt es unzählige kleinere Unternehmen, die in der Lage sind, HFT-Systeme zu entwickeln – unter beträchtlichen Kosten und mit Teams aus Finanzmathematikern, die in der Lage sind, jedes einzelne System zu individualisieren. „Wir reden hier über Unmengen von Geld. Manche Systeme können Millionen wert sein“, erklärt ein Analyst von Nomura. Sie können dabei auf Markttiefen, Markt-zu-Markt-Bewertungen, Marktschwankungen, Index- oder Auktionständen basieren.

Die Anonymität des Dark Pools

Leider gibt es keine präzisen Zahlen über den Handelsumfang dieser Systeme, da HFT-Besitzer zumeist im OTC-Handel, dem außerbörslichen Handel, aktiv sind. Dieser ist dereguliert und es gibt keine offiziellen Daten. Die perfekten Lebensbedingungen finden HFTs im Devisenmarkt, in dem täglich bis zu 4.000 Billionen US-Dollar gehandelt werden: schnelle Geschäfte, riskante Spekulationen, hohe Fremdkapitale, große Schwankungen und kein Wort darüber, welche Geldmengen HFTs überhaupt verschieben können.

Eine Erklärung findet man im Dark Pool, einer anonymen bankinternen Handelsplattform, in der HFTs oft handeln. Dark Pools sind eine Sorte paralleler Märkte, der die Federation of European Securities Exchanges (FESE) eine alternative Liquidität im Umfang von 5.500 Billionen US-Dollar bescheinigt. Anonym. Wir wissen nicht, wer sich am Geschäft beteiligt, wem was gehört, wie etwas gehandelt wird und wie der Preis der Ware überhaupt generiert wird. (Kaum) gesehen, (Preis) überprüft, (gewinnbringend) verkauft. Die ideale Umgebung eben für HFTs.

Aber warum ist es überhaupt sinnvoll, HFTs zu verwenden? Zuallererst: Nomen est omen – der Name ist Programm. Der Hochfrequenz-Handel garantiert einen beispiellosen Vorteil gegenüber normalen Händlern. Dies unterstreicht auch ein Bericht der US SEC (Security Exchange Commission) aus dem Jahr 2010: „Höhere Frequenz bedeutet höhere Stabilität des Systems.“ So erklärt auch die CFTC (Commodity Futures Trading Commission) in einem Bericht Ende 2011, „die Umsetzung der HFT-Regelungen hat ein optimales Level erreicht“. Ferner hat Technologie die Kosten für den Übergang gesenkt.

Liquidität ist vielleicht der wichtigste Vorteil der Einführung des Hochfrequenz-Handels. In einer so schnellen und vernetzten Finanzwelt bedeutet fehlende Zahlungsfähigkeit, aufgeschmissen zu sein. Hinzu kommt, das bestätigen SEC, CFTC und deren britischer Gegenpart FSA (Financial Services Authority), dass HFTs eine bessere Preisgenerierung garantieren. „Zusammen mit traditionellen Handelssystemen, Dark Pools und MTFs (Multilateral trading facilities) im Allgemeinen garantieren diese Werkzeuge Vorteile für Händler, die nun in der Lage sind, den optimalen Preis für Anlagen so schnell zu finden wie nie zuvor“, verkündete die FSA 2011.

Wie auf Eis. Bei Nacht

Gleichzeitig implizieren diese Systeme zahlreiche Risiken. Sie werden von etlichen Algorithmen geleitet und sind daher auch anfällig für verschiedenste Fehlerkategorien. Wie der Flash Crash zeigte, bei dem 2010 die Börsenkurse plötzlich fielen und sich dann ebenso überraschend erholten, ist vor allem die Risikowahrnehmung ein Thema. Bei HFTs, die auf Schwankungen basieren, sind die Händler bereit, alle offenen Posten zu verkaufen, wenn der VIX (Volatility Index) einen bestimmten Wert erreicht. Dem widerspricht ein Händler von Morgan Stanley: „Es ist ein bisschen so, als würde man bei Nacht über einen zugefrorenen See laufen: Du hast keine Ahnung, was unter deinen Füßen ist. Wenn dein Computer abstürzt, wenn ein anderes HFT schneller ist als deins, wenn ein Fehler alle deine offenen Posten schließt … nun, dann kannst du nichts tun.“

Hochfrequenz-Handelssysteme aber verstärken den Schmetterlingseffekt. Ein Hurrikan in den USA kann ausgelöst worden sein durch den Flügelschlag eines australischen Schmetterlings. So gesehen, kann eine kleine Änderung im System zu großen Veränderungen in diesem und anderen Systemen führen. Selbst wenn es für einen Fonds möglich ist, ein HFT-System daran zu hindern, seine offenen Posten bei ihm zu schließen – der Schmetterlingseffekt kann dennoch dramatische Auswirkungen haben. Vor zwei Jahren gab die HSBC einen Bericht heraus, in dem die Beziehung zwischen „Schwarzen Schwänen“ (unvorhergesehene Ereignisse großen Ausmaßes) und HFTs beschrieben wurde. Demnach steigt die Risikorate exponentiell, wenn die Wahrscheinlichkeit eines solchen „Black Swans“ zu der Fehlerwahrscheinlichkeit von HFTs hinzugerechnet würde. „Es ist besser, nicht mit Systemen zu spielen, die schon jetzt die Zukunft abbilden, wenn du Angst hast vor Risiken“, sagt der Händler von Morgan Stanley. Und wie jeder Händler weiß, gibt es keine Investition ohne Risiko.

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