Haushaltstipps statt Auftragskiller

Fabian Löhe24.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Putzen, Waschen, Kochen und sich um die Kinder kümmern: Viele türkische Männer sind als Alleinerziehende anfangs überfordert. So wie Muhammet Avcibas, der erst lernen musste, wie man Haushalt und Männlichkeit vereint.

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An jenem kalten Nachmittag im Januar 2005 steht Muhammet Avcibas in der Ankunftshalle des Flughafens Berlin-Tegel und wartet auf seine Frau. Reisende aus Istanbul strömen an ihm vorbei. Sein Blick huscht von Gesicht zu Gesicht – Fehlanzeige. Die Minuten verstreichen, doch seine Frau ist nirgends zu sehen. Schließlich tapst mit kleinen Schritten ein kleines Mädchen auf ihn zu. Avcibas stürzt los und schließt sie in die Arme: Es ist seine zweijährige Tochter Betül. Sie läuft an der Hand ihrer Tante, die Betüls Mutter nach Deutschland mitgeschickt hat. Die soll dem 39-Jährigen zur Hand gehen. Denn seine Frau Güleyla hat ihn verlassen. Von diesem Tag an ist der türkische Vater alleinerziehend. “Ich war völlig schockiert”, sagt Avcibas heute. Seine Frau erklärt ihm am Telefon, sie wolle in Bursa – einer Vorstadt Istanbuls – Sängerin werden. Von Verwandten hört er, sie habe dort auch einen neuen Freund. Avcibas’ “Namus” – seine Ehre – ist verletzt. Bekannte ihn Berlin raten ihm: “Bring sie um!” Avcibas entgegnet kühl: “Und kümmerst du dich dann um die Kinder?” Kopfschüttelnd sagt er über solche Bekannte: “Macho-Männer haben keinen Verstand.” Statt nach einem Auftragskiller sucht Avcibas nach Haushaltstipps. Wie macht man Suppe? Welches Putzmittel nimmt man für Holz, welches für das Bad oder die Küche? Wie sortiert man Wäsche? “Am Anfang war es sehr schwer, denn früher hat alles meine Frau gemacht”, sagt er.

Die Gesellschaft lässt alleinerziehende Türken im Stich

Als türkischer Mann alleinerziehend – so geht es neben Avcibas etwa 53.000 weiteren Männern in Deutschland. Vor allem kurz nach der Trennung macht ihnen der Alltag aus Küche und Kindern zu schaffen, während vor allem andere Männer sie hinter ihrem Rücken als Weicheier verspotten. Soziale Unterstützung gibt es wenig. Eine Ausnahme bildet die erste türkische Männergruppe in Deutschland. Bei dem Sozialarbeiter Kazim Erdogan (55) aus Berlin-Neukölln sprechen seit 2007 jeden Montagabend bei Gebäck und Chai aus geschwungenen Gläsern etwa ein Dutzend Männer – darunter mehrere alleinerziehende – über ihre alltäglichen Probleme in den Familien. “In einem türkischen Café haben die Männer nicht die Möglichkeit, offen über ihre Gefühle zu sprechen”, sagt Erdogan. Avcibas hat die Männergruppe sehr geholfen. “Ich habe viele Tipps erhalten, wie ich mit meinen Kindern umgehen soll”, sagt er. Zu Hause müssen Gäste in Avcibas’ Wohnung konsequent die Schuhe ausziehen, damit sie nicht den Dreck von der Straße in den Flur schleppen. Aus dem Kinderzimmer der beiden Söhne Bilal (18) und Yasin (14) wummern Hip-Hop-Beats. Seine Tochter Betül, inzwischen sechs Jahre alt, kuschelt sich gerne auf dem braunen Stoffsofa im Wohnzimmer an ihren Vater. Sie blättert in einem Pippi-Langstrumpf-Buch und schaut türkische Zeichentrickserien. Gemeinsam mit seiner neuen Frau Nazife (39), mit der Avcibas seit 1. August verheiratet ist, schauen sie im Kino gerne Kinderfilme, gehen viel spazieren oder zum Bowling. Seine Lieblingssuppenrezepte kennt der gelernte Maschinenführer mittlerweile genauso auswendig wie Rezepte zur Erziehung. “Man muss den Kindern außerdem jeden Tag zuhören, was sie sagen und mit ihnen reden”, sagt Avcibas und bekennt: “Meine Hobbys sind meine Kinder.”

Exfrau will Kinder zurück

Nach jenem Januarnachmittag am Flughafen sah es zunächst jedoch nicht so hoffnungsvoll aus. Avcibas Schwestern führen Regie im Haushalt. Um die Belange der Kinder kümmert sich seine Schwägerin, die mit Betül angereist ist – und sorgt sich um seine vermeintlichen Bedürfnisse als Mann. Eines Nachts, erzählt er, schleicht sie sich in sein Schlafzimmer und kriecht unter seine Decke. “Was hast du in meinem Bett zu suchen?”, fährt er sie an. Noch heute wird seine Stimme laut, wenn er davon spricht. “Ich habe sie dann rausgeschmissen und gesagt, dass ich sie hier nicht mehr sehen will.” Ende des Jahres 2005, Muhammet ist gerade bei der Arbeit, taucht unvermittelt seine Exfrau Güleyla aus der Türkei zu Hause in Berlin auf und bedrängt – so erzählt es Muhammet – die Kinder, zu ihr zu kommen. “Sie hat ihnen eine Gehirnwäsche verpasst. Ich weiß auch nicht, wie sie das geschafft hat.” Nach dem Besuch ziehen die beiden ältesten Töchter, Ayse (heute 20) und Hilal (heute 17) mit ihrer Mutter in die Türkei – ohne sich zu verabschieden. Und vom Streit mit Güleyla ist Muhammet nicht nur seelisch, sondern auch körperlich getroffen. “Meine Exfrau hat hier rumgeschrien und gedroht, Mitarbeiter des Jugendamtes, meine Eltern und mich umzubringen.” Avcibas erzählt, wie sie ihn nicht nur geschubst habe, sondern auch richtig fest zugeschlagen habe. “Da habe ich meine Hände hinter dem Rücken verschränkt, damit mir nicht selbst die Hand ausrückt”, sagt er. In den Augen so mancher türkischer Männer hatte Avcibas zunächst eine Menge verloren – und doch hat er viel gewonnen. “Heute bin ich anderen Männern ein Vorbild”, sagt Avcibas. Und auch seine Söhne erzieht er im Geiste des neuen türkischen Mannes. “Wenn Bilal und Yasin einmal heiraten, erwarte ich, dass sie sich nicht wie Paschas verhalten.” Der Grundstein dafür ist bereits gelegt: “Sie wissen schon heute, wie man richtig kocht – und wie man ein Klo putzt.”

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