Die Iraker wollen Sicherheit mehr denn Freiheit. Henner Fürtig

Alt und weiß

Bei der Tea-Party-Bewegung handelt es sich unter anderem um das letzte Aufbäumen eines Teils der (noch) weißen Mehrheit, die durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und einen monumentalen demografischen Wandel ihre bisherige Bedeutung in der amerikanischen Gesellschaft schwinden sieht. Doch die junge Generation tickt anders.

Es ist der weiße Average Joe, männlich und älter als 45 Jahre, der die Mehrzahl der Tea-Party-Anhänger ausmacht. Dieser maskuline Prototyp, meist in Vororten oder auf dem Land zu Hause, ist eine Ikone der Mittelschicht und die Verkörperung des amerikanischen Traums. Average Joe ist von der hohen Arbeitslosigkeit in einem zuvor unbekannten Ausmaß betroffen und kämpft nun als Teil der Protestbewegung dafür, das gute alte Amerika mit dem Slogan "Let’s take America back“ zurückzugewinnen.

Stichwörter: Gesundheitsreform und Klimaschutz

Angetrieben vom Mythos einer eliteverachtenden Revolution George Washingtons trägt er die amerikanische Verfassung selbstbewusst vor sich her und ist sicher, dass das "government“ und Präsident Obamas Missachtung amerikanischer Grundprinzipien – Stichwörter Gesundheitsreform und Klimaschutz – für den schlimmen Zustand im Land verantwortlich sind. Dabei ist er Globalisierungsargumenten gegenüber resistent und kann nicht verstehen, warum beispielsweise Ford, Chevrolet und Chrysler fortan kleinere Autos bauen müssen und er die Qualifikationsanforderungen der von der Obama-Regierung geretteten Autostadt Detroit nicht mehr erfüllt.

Der weiße Average Joe lässt sich dieser Tage deshalb leicht mobilisieren und wählt Kandidaten wie Scott Brown, der mit seinem Wahlkampfspruch "I am Scott Brown and I drive a truck“ für den vergangenen amerikanischen "way of life“ steht und so Nachfolger des verstorbenen Ted Kennedy im Senat werden konnte.

Was zur schweren Krise für so manchen Älteren in der weißen Mittelschicht hinzukommt, ist, dass sich die amerikanische Gesellschaft stark verändert hat. Voraussichtlich wird es im Jahr 2038 keine weiße Mehrheit mehr in den USA geben.

Demografisch betrachtet ist die Tea-Party-Bewegung nicht mehrheitsfähig

Vor allem die hispanische Einwohnerzahl steigt konstant an und hat schon jetzt die schwarze überholt. Dieser Hintergrund ist vor dem im letzten Jahr beschlossenen Gesetz in Arizona zu berücksichtigen, das Polizisten u. a. ermöglichen sollte, Aufenthaltspapiere von Verdächtigen zu überprüfen. Gegner befürchten, das Gesetz könnte zu Routinekontrollen der vielen hispanischen Einwohner Arizonas führen und damit rassistische Diskriminierung befördern. Dass ein Präsident mit Zweitnamen "Hussein“ damals offen gegen das Gesetz ankämpfte, war für viele "teabaggers“ die letzte Phase einer Entfremdung im eigenen Land, dem sie – vor allem in der Rückschau auf die Zeit ihres großen Idols Ronald Reagan – nachtrauern.

Demografisch betrachtet ist die weiße und im Durchschnitt ihrer Mitglieder ältere Tea-Party-Bewegung im heutigen Amerika nicht mehrheitsfähig. Amerikaner zwischen 20 und 25 Jahren, egal, zu welcher Hautfarbe sie sich zählen, denken nicht mehr in den Kategorien "schwarz“, "weiß“, "asiatisch“ oder "hispanisch“ – das hat 2008 ihre überwältigende Unterstützung für den Kandidaten Obama gezeigt. Das Einwanderungsland Amerika befindet sich in einer weiteren Phase seiner Entwicklung, die eine tiefe Zäsur für viele der aus Europa stammenden Einwanderer bedeutet und die das Land trotz wirtschaftlich und politisch schwerer Zeiten wie kein anderes auf die Herausforderungen der Globalisierung vorbereitet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Noonan, Wolfram Eilenberger, Frank Bergmann.

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