Von Schottland lernen

von Ewan MacPhee25.09.2014Europa, Gesellschaft & Kultur

Das schottische Referendum war ein Erfolg für die Demokratie. Die Lehren daraus werden aber wohl leider nur die Euroskeptiker ziehen.

Mitternacht, 19. September. Endgültige Ergebnisse werden nicht vor sechs Uhr morgens erwartet, aber die Medien sind schon voller Spekulationen. Verständlicherweise haben weder Meinungsforscher noch Politiker zum jetzigen Zeitpunkt verlässliche Antworten anzubieten. Was wir zu hören bekommen konzentriert sich darauf, wer abgestimmt hat oder eher, wie viele abgestimmt haben. Die Zahlen sind quer durch die politischen Gremien einheitlich – ganz anders als die Unabhängigkeits-Debatte selbst.

Die Wahlbeteiligung war außergewöhnlich hoch, Rekorde wurden vorhergesagt. In Orkney lag die Wahlbeteiligung bei 84 Prozent. In Clackmannanshire bei 89 Prozent. Clackmanwo, mögen Sie sich fragen? Wie wichtig es ist tut nichts zur Sache. Denn egal, wie das Ergebnis aussieht, egal, wie und wo man es betrachtet: In Schottland zeigen sich unglaubliche Raten partizipatorischer Demokratie. Wählen ist gesetzlich nicht vorgeschrieben; die Menschen sind schlicht engagierter als jemals zuvor.

Die Abstimmung in Schottland hat also viele Lektionen zu bieten. Sorgen muss man sich nur machen, wer sie lernen wird – aber dazu später mehr. Unabhängig vom Endergebnis kann Schottland stolz darauf sein, dass eine solch offene, weitreichende und demokratische Debatte stattgefunden hat.

Jeder hatte eine Meinung

Die Debatte war offen – für die Anwohner nördlich und südlich der Grenze, die umfangreich an ihr teilnahmen. Ungeachtet dessen schien Westminster dem Ganzen erst Aufmerksamkeit zu schenken, als die Ja-Wähler in den Umfragen plötzlich vorne lagen.

Die Debatte war auch in dem Sinne offen, dass jeder frei über Unabhängigkeit sprechen konnte. In Bars und Restaurants, in Schulen und beim Bingo: Jeder hatte eine Meinung. Selbst, wenn wer noch keine Entscheidung getroffen hatte, hatte doch etwas zu sagen. Jeder erkannte, dass diese Wahl sein Leben beeinflussen würde. Es war eine Offenheit, die sich nicht normal anfühlte, sie sollte es aber.

Unzweifelhaft war die Debatte ebenso weitreichend: Sie verbreitete sich über das europäische Festland – wo sie besondere Aufmerksamkeit in Spanien fand, da Katalonien ein ähnliches Referendum fordert – und schwappte über den großen Teich in die USA, wo sich Obama gegen die Unabhängigkeit aussprach (so wie am Vorabend des Referendums

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